Welzheim

Almabtrieb und Burggeschichten

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Almabtrieb in Spiegelberg. Das zwei Dutzend Ziegen findet den Weg in den Stall auch allein zurück. © Edgar Layher
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Die Burg Reichenberg in Oppenweiler war ein Besuchermagnet beim Tag des Schwäbischen Waldes. Die Besucher erfuhren, wie es hier früher auf der Burg zuging. Deren Zukunft ist jedoch ungewiss, wenn die Wohngruppe der Paulinenpflege aus der Burg nach Backnang umzieht. © Edgar Layher

Welzheim/Oppenweiler. Selbst wenn jemand frühmorgens begonnen hätte und bis zur Dunkelheit die Programmpunkte abgeklappert hätte, die der Schwäbische Waldtag bot: Es wäre nicht zu schaffen gewesen, alles zu sehen.

Das Angebot ist riesig, entsprechend ist an sämtlichen „Hotspots“ wie auch in weniger frequentierten Ecken viel Betrieb. Es klappern die Mühlen zwischen Wieslauftal und Murrtal und es rasseln die Sägen in Welzheim beim Holz- und Bauernmarkt. Erkundet werden alte Techniken vom Holzhandwerk bis zur Schmiedekunst. Es gibt Hoffeste, Spaziergänge, Wanderungen und Führungen durch Kräutergärten, zu den Hörschbachwasserfällen oder auf die Höhen. Regelrecht zur Ameisenstraße wird der Fußweg zur Burg Reichenberg, die etliche zu Fuß erklimmen, um die Aussicht zu genießen und weil bewirtet ist.

„Wir wohnen seit kurzem hier und sehen die Burg immer von unten“, sagt Kathrin Keysselitz. Ihre Töchter Laura und Teresa erobern die Burg spielerisch: wie kleine Ritter auf dem Luftballon-Steckenpferd und beim Dosenwurf auf „Mauerstücke“. „Es ist wunderschön, alles anschauen zu können, nachher machen wir noch eine Burgführung.“

Seit 2007 haben Bewohner der Paulinenpflege ihre Heimat auf Burg Reichenberg, nur fünfmal jährlich können Besucher hinter die dicken Mauern linsen. „Noch sind wir hier, geplant ist die Verlegung der Wohngruppe nach Backnang in den Plattenwald“, sagt Andreas Maurer, Geschäftsführer der Paulinenpflege, der sich mit Landrat Dr. Richard Sigel und Oppenweilers Bürgermeister Bernhard Bühler zu einem Rundgang trifft.

Die Paulinenpflege will die Burg auch weiter nutzen

Die Paulinenpflege habe Interesse daran, die Burg weiterhin zu nutzen, doch noch stehe nicht fest, wie es weitergeht. Anders ist dies mit früheren Nutzern und Bewohnern: Darüber liegt viel gesichertes Wissen vor, das Paulinenpflege-Mitarbeiter Wolfgang Schneider und Naturparkführerin Gisela Weigle weitergeben. Auf Wanderschaft im Gänsemarsch im schmalen Wehrgang und teilweise geduckt im verwinkelten Bergfried ist zu erfahren, dass die Burg als uneinnehmbar galt und nie zerstört wurde durch Angriffe. Die Berglage diente aber nicht nur der Sicherheit: „Die Herren wollten sich auch abheben vom Volk und dem Himmel näher sein“, erklärt Gisela Weigle. Der Bergfried - darin steckt das Wort „bergen“ - sei der „Tresor der Burg“ gewesen, ein Rückzugsort, an dem Wasser und Lebensmittel und damit die Menschen im Verteidigungsfall gut „geborgen“ und in Sicherheit waren.

Wolfgang Schneider weist auf verschiedene Klimazonen hin: In einem Teil des Wehrgangs haben die Menschen ihre Wäsche zum Trocknen aufgehängt. Im anderen Flügel konnte es so kalt werden, dass die Frauen der evangelischen Gesellschaft, die vor 1970 dort lebten, „ihre Zahnpasta mit ins Bett genommen haben, weil sie sonst am Vormittag eingefroren gewesen wäre“. Kalt über den Rücken läuft es den Zuhörern auch in einer der vier Gewölbekammern, die wie Bienenkörbe übereinandergestapelt im Mauermantel stecken: Hinter vier Meter dicken Mauern soll neben „Wiedertäufern“ und „Volksaufwieglern“ eine Frau drei Jahre lang eingesperrt gewesen sein, die als „Hexe“ verurteilt wurde. Beklemmende Gefühle, als der Burgführer das Licht ausschaltet und ein brennendes Stück Zeitungspapier in das neun Meter tiefe Verlies fallen lässt. Die Frau soll in der Dunkelheit überlebt haben.

Dem dunklen Kapitel Ortsgeschichte entkommen, wartet der helle und freundliche Kontrast im malerischen Burg-Innenhof. An allen Tischen sitzen Menschen, die sich ihr Schnitzel schmecken lassen, sich unterhalten oder die Karte studieren und das nächste Ziel klarmachen. Ein Ehepaar aus Unterbrüden ist mit den E-Bikes den Berg hochgefahren. „Wunderschön der Ausblick hier“, schwärmen sie. Das Trauzimmer im Schloss in Oppenweiler wollen sie anschauen. „Danach nach Großaspach zu den Natursäften“, meint sie. „Zum Abschluss ein Weinchen in Rietenau, dann ist der Tag perfekt“, vervollständigt er den Plan.

Marathon-Beteiligung beim Wandermarathon

Beim Schwäbischen Waldtag konnte geschlemmt werden, von Salzkuchen über Streetfood bis Schlachtplatte. Wer Kalorien loswerden wollte, dem boten geführte Wanderungen eine Freiluft-Alternative zum Fitness-Studio. Naturparkführer Walter Hieber verzeichnete beim „Wald-Meister-Wandermarathon“ eine Rekordbeteiligung. 170 Teilnehmer aus Bayern, dem Bergischen Land, aus Oberrot und dem ganzen Schwäbischen Wald gaben sich’s und stapften entweder die Marathondistanz von 42 Kilometern oder die halbe Strecke ab beziehungsweise zwölf Kilometer für Familien.

Die Burg Reichenberg in Oppenweiler war ein Besuchermagnet beim Tag des Schwäbischen Waldes. Die Besucher erfuhren, wie es hier früher auf der Burg zuging. Deren Zukunft ist jedoch ungewiss, wenn die Wohngruppe der Paulinenpflege aus der Burg nach Backnang umzieht.

Für die Ziegen ist der Sommer vorbei

In Spiegelberg bei der Hüttlenwaldschlucht gab es Zickleinbraten und Lammgulasch. Bei Familie Ludwig drehte sich alles rund um die possierlichen Paarhufer. Ein Riesenvergnügen war der Ziegen-Almabtrieb am Nachmittag. Für die Walliser Schwarzhalsziegen, Burenziegen, die deutsche Edelziege und Pfauenziegen, die Ludwigs für die Landschaftspflege und Fleischgewinnung halten, war es an der Zeit, vom Sommerquartier auf Juxer Höhe in den Stall zurückzukehren.

Viele Zuschauer verfolgten das neckische Spektakel, als die Tiere von der Wiese, die ihnen im Sommer Gras und Kräuter lieferte, mit zackigem Schritt in ihren Stall einbogen. Hier saßen bis zuletzt die zweibeinigen Gäste mit Kaffee und Kuchen beisammen, kurz vor dem Ansturm von der Alm wurde alles weggeräumt. Eine Ziege lief mit bimmelndem Glöckchen vorne draus, die 24 weiteren „Landschaftsgärtner“ der Ludwig’schen Alm trabten hinterher. „Die finden den Weg auch allein“, meinte Klaus Ludwig. Er musste nur mit einem bewährten Lockmittel winken, schon standen die possierlichen Vierbeiner parat: „Ich halte einen Eimer mit Brot hin, darauf fahren sie ab.“

Die Ziegen kommen im Winter in den Stall. Auf der Ludwig’schen Alm werden Wanderer also erst kommendes Jahr wieder von den verspielt wirkenden und freundlichen Tieren begrüßt. Seit Juni lebten sie auf der Alm, mit einer Unterbrechung: „Sie waren zwischendurch im Stall, weil dieses Jahr das Futter knapp wurde, wegen der Hitze ist kein Gras mehr geschossen“, so Stefanie Ludwig.