Welzheim

ATB-Streik: Zorn und Stolz der Belegschaft

ATB-Streik
Wut, Stolz, Ohnmacht, Solidarität, Pathos, Galgenhumor: Widersprüchlichste Gefühle waren den ATB-Leuten gestern Vormittag vor dem Welzheimer Werkstor abzulesen. © ZVW

Welzheim. Stinkwut: Das ist das Wort, das trifft. Aber noch etwas schwingt hier mit: Stolz und der zornige Wunsch, ernstgenommen, respektiert zu werden. Die Beschäftigten des Maschinenbauers ATB in Welzheim haben am Freitag ihren Unmut über die Pläne der Geschäftsführung rausgelassen – sie will 200 Arbeitsplätze streichen. Es ist, finden viele aus der Belegschaft, „eine Sauerei“.

„Ich bin dagegen, Depp zu sein, ich bin dagegen, nett zu sein zu manchen Menschen, die meinen, sie müssten respektlos sein, bin gegen Bosse, die meinen, um der Chef zu sein, muss man eklig sein“: Das Lied „Widerstand“ von Gentleman wummert aus der Lautsprecherbox, die roten Fahnen tanzen im Wind unterm blauen Himmel, die Sonne sticht durch den Stoff, die Trillerpfeifen tröten, 200 Leute sind zusammengeströmt vor dem ATB-Tor, Werkbankveteranen und junge Burschen, eine Frau mit Kinderwagen – und sogar Niko, der weiße Westhighlandterrier, trägt eine IG-Metall-Mütze.

Einerseits ist dies ein normaler Warnstreiktag, die Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektro-Branche laufen, bei solchen Anlässen demonstriert die Gewerkschaft regelmäßig ihre Kampagnenfähigkeit. Einerseits. Nur: Hier vor der ATB-Pforte geht es nicht bloß um ein, zwei Gehaltsprozentpunkte; es geht um die berufliche Existenz von 200 Menschen. Dicke Luft? „Aber hallo“, sagt Christian Friedrich von der IG Metall.

Mehr als ein Jahrzehnt lang hat die Welzheimer Belegschaft des Maschinenbauers ATB den Konzern getragen und gestärkt, dieser Standort war „die Melkkuh“, wie hier viele sagen. 2004 handelten Beschäftigte, IG Metall und Geschäftsführung einen „Anerkennungstarifvertrag“ aus: Die Arbeitnehmer verzichten auf einen Teil dessen, was ihnen zusteht, um ihre Jobs zu sichern. Vor ein paar Wochen kündigte die Chefetage die Übereinkunft. Zwar, erzählt Friedrich, habe die Leitung zunächst „nicht den Arsch in der Hose“ gehabt, „zu sagen, wir schmeißen 200 von 280 Leuten raus“, stattdessen habe sie vage „von Restrukturierungen gefaselt“ – aber längst ist die Wahrheit raus.

Solidaritätsadressen für die ATB-Belegschaft

„Ich bin für alles, was Hoffnung macht und Kräfte schafft“, singt Gentleman, „und, Mann, ich bin dagegen, aufzugeben!“ Ein paar Leute von „Christian Bauer“ gesellen sich zum Protestauflauf, das Unternehmen hat seinen Sitz nur ein paar Hundert Meter von hier. „Die Mitarbeiter der Firma Wezalit zeigen Solidarität mit euch“, steht auf einem Plakat. Stihl-Beschäftigte lassen Grüße ausrichten, vorbeizuckelnde Lkw-Fahrer drücken ermunternd die Hupe. Die Stimmung flirrt: ein Gefühl zwischen Gänsehaut und schwellender Stirnader.

Die ATB-Beschäftigten glauben, dass dieser Standort Bestand haben könnte, haben kann. Sicher, erzählen sie, es gelte, Prozesse zu verbessern, Abläufe zu straffen, mag sein, dass man sich von manchen Produktlinien trennen müsste – aber die Leute hier bauen genug Spezialmaschinen, die „nach wie vor rentabel sind und nach wie vor vom Markt gefragt sind“, sagt Gewerkschafter Friedrich, „Motoren, die du nicht aus China geliefert kriegst“.

Die Geschäftsleitung aber sucht just in diesen Tagen kompetente Leute im Betrieb, die freiwillig ans andere Ende der Welt reisen – „Friends of China“, heißt das Programm im Betriebsjargon. Wer mitmacht, werde eine „fremde Kultur kennenlernen“. Viele Beschäftigte übersetzen das so: Wer hat Lust, Asiaten einzulernen, „damit später die Produkte in China hergestellt werden können“? Oder mit den Worten des Betriebsratsvorsitzenden Marco Hogh: Wer will den Ast, auf dem er sitzt, „selber absägen“? Christian Friedrich nennt es eine „Verhöhnung der Belegschaft“.

„Wir wollen eine Perspektive für unsere Zukunft!“, ruft Hogh. Er will mit den Bossen diskutieren, wie dieses Werk hier effizienter gemacht werden kann, will kämpfen; am Verhandlungstisch, das auch. Und auf der Straße: „Wir lassen heute die Maschinen stehen, die Computer aus und die Telefone klingeln“, denn „die Herren in der Vorstandsetage benötigen einen Lernprozess!“ Und aus der Box dröhnt Gentleman: „Ich bin für Menschen, die sich angekettet auf Gleise setzen, rebellieren, statt zu sehen, was passiert, und’s leise zu fressen.“

Der blaue Himmel; die roten Fahnen; der selbst gebackene Kuchen, den sie im Stehen aus der bloßen Hand essen; einander Schulter an Schulter spüren: So ein Treffen stärkt gegen die Ohnmacht, Spielball von Interessen irgendwo in der Wiener Konzernzentrale zu sein. Es tut gut, buhen zu können, wenn Matthias Fuchs, IG Metall, ruft: „Der Fisch stinkt am Kopf zuerst!“ Es ermutigt, gemeinsam applaudieren zu können, wenn Christian Friedrich erklärt: „Dieser Betrieb, diese Belegschaft hat eine Existenzberechtigung! Das Management hat den Karren in den Dreck gefahren, und die Belegschaft soll mal wieder dafür geradestehen!“ Sie teilen Stolz und Zorn, Galgenhumor und Pathos, versichern einander gegenseitig: Wir sind etwas wert, wir sind nicht bloß Verfügungsmasse im Profitkalkül! Das hilft. Wenigstens für den Moment.

Wird der Vorstand sich davon überzeugen lassen? Die ATB-Leute wollen daran glauben an diesem Vormittag. Aber auch dies ist manchen Gesichtern abzulesen: Mag sein, dass der einzige Sieg, den es am Ende zu erringen gibt, darin besteht, nicht geduckt vom Hof zu schleichen, sondern erhobenen Hauptes. „Today is such a lovely day“, so heißt der Refrain des Gentleman-Liedes, „stand up and fight“: Heute ist so ein wunderschöner Tag – steh auf und kämpfe.

Der Warnstreik
Am Freitag gab es in vielen Betrieben erste Warnstreiks, der Arbeitskampf in der Metall- und Elektro-Branche nimmt Schwung auf. Es wird noch härter werden, glaubt Matthias Fuchs von der IG Metall. Während die Gewerkschaft 5 Prozent fordert, starteten die Arbeitgeber mit 0,9. „Wer so etwas anbietet“, findet Fuchs, „der will keine Lösung, der will Auseinandersetzung, Krawall und die Menschen auf dem Hof sehen; und das kriegt er dann auch.“