Welzheim

Auerbach und Welzheim feiern Wiedervereinigung zwischen Ost und West

WEAuerbach
Bürgermeister Thomas Bernlöhr (rechts) und dahinter Kollege Horst Kretzschmann aus Auerbach mit Partnerschaftsmitgliedern aus beiden Städten zum Weißwurstfrühstück im Biergarten Welzheim. © Ralph Steinemann Pressefoto

Eine gute Partnerschaft ist wichtig. Sie wird in der großen Politik gepredigt und in der kleinen Politik gelebt. Seit 30 Jahren lebt die Partnerschaft zwischen Welzheim und Auerbach im Erzgebirge. Noch im Jahr der Wiedervereinigung ist entstanden, was schon Jahre vorher angestrebt wurde und auf einen Antrag der damaligen SPD-Gemeinderatsfraktion zurückging. Vor 20 Jahren und vor 25 Jahren wurde die Beziehung jeweils groß gefeiert. In diesem Jahr fiel das große Fest coronabedingt ins Wasser. Eine kleine Delegation aus Auerbach kam einige Tage nach Welzheim, um hier von einem kleinen Personenkreis empfangen zu werden. Die Partnerschaft lebt, wenn auch grippebedingt auf Sparflamme. Vielleicht schon im nächsten Jahr oder aber im Jahr 2022 soll das große Fest nachgeholt werden. 2022 ist für die Gemeinde Auerbach ohnehin ein besonderes Jahr, da steht nämlich die 575-Jahr-Feier an, die Vorbereitungen sind schon angelaufen. Das Festwochenende findet von Freitag, 2., bis Sonntag, 3. Juli 2022, statt.

Am 3. Oktober 1990, und damit am ersten Nationalfeiertag der deutschen Wiedervereinigung, unterzeichneten die Vertreter der Kommunen Welzheim und Auerbach die offizielle Partnerschaftsurkunde. „Wir begründen die von den beiden frei gewählten Parlamenten beschlossene Partnerschaft durch Austausch gleichlautender Urkunden, geleitet von dem Willen auf eine gemeinsame, friedliche Zukunft aller Deutschen in einem geeinten Land im europäischen Gut“, heißt es in der von Professor Dr. Jürgen vom Scheidt (Auerbach) und Hermann Holzner (Welzheim) als Bürgermeister unterzeichneten Urkunde. Daraus ist viel Begegnung auf gesellschaftlicher Ebene entstanden. Von der Feuerwehr über die Schulen bis zu den Vereinen. Das Band der Freundschaft hat bis heute gehalten. Eine treibende Kraft dabei hat der inzwischen verstorbene Otmar Baumann, der frühere Leiter des Welzheimer Limes-Gymnasiums und spätere Vorsitzende der Partnerschaftskomitees, übernommen. Die Aufgabe hat mit viel Geschick und Einfühlungsvermögen inzwischen Stadträtin Brigitte Macha übernommen.

Von Anfang an war Hilfe selbstverständlich

Für Gemeinderat und Stadtverwaltung war es zu Beginn der Partnerschaft selbstverständlich, die Partnergemeinde in der schwierigen Zeit nach der Wende mit Rat und Tag sowie mit personeller, materieller und finanzieller Hilfe zu unterstützen. Der damalige Kämmerer Manfred Hiller und der damalige Beigeordnete Reinhold Kasian reisten regelmäßig ins Erzgebirge, um beim Aufbau einer funktionierenden Kommunalverwaltung zu helfen. Feste Verbindungen zwischen dem Limes-Gymnasium und der Mittelschule Auerbach entstanden. Die Aufgabe ging über auf die Bürgfeldschule und die Kastell-Realschule. Vor Corona gab es regelmäßig gegenseitige Besuche über den 3. Oktober hinaus, früher teilweise auch Schullandheimaufenthalte der Welzheimer Schulen in Auerbach.

Vor 30 Jahren sind Tränen geflossen, heute ist Alltag eingekehrt. Das Jubiläum 30 Jahre Deutsche Einheit ist für Welzheim und Auerbach im Erzgebirge ein besonderes Ereignis. Kurzer Rückblick auf die Wirren des Jahres 1989: In Auerbach ging das Leben zunächst seinen gewohnten Gang. Doch viele Menschen verfolgten die Ereignisse. Die Grenze in den Westen wurde, wenn auch über Umwege, durchlässiger. Mehr und mehr überschatteten nationale und internationale Ereignisse das tägliche Leben. Am 19. August kam es an der österreichisch-ungarischen Grenze zur größten Massenflucht von 900 DDR-Bürgern seit dem Bau der Mauer am 13. August 1961. Am 30. September reisten mehr als 4000 DDR-Flüchtlinge aus der bundesdeutschen Botschaft in Prag und Warschau aus. Eine Welle von Flüchtlingen ging oftmals auf abenteuerlichen Wegen in den Westen. Man hörte täglich, dass auch junge Leute aus Auerbach darunter waren. So verabschiedete sich am 23. September 1989 in der „Freien Presse“ ein Sporttrainer aus Auerbach nicht ohne Ironie mit den Worten: „Auf Wiedersehen und Kampfkraft wünsche ich allen Skifans und Bekannten.“ Die letzten Dämme brachen, als am Abend des 9. November 1989 die Entscheidung des DDR-Ministerrats verkündet wurde, alle DDR-Bürger hätten freies Reiserecht.

Die Zeit war gekommen, nicht mehr den Mund zu halten

Im Vorfeld fanden auch in Auerbach sehr gut besuchte Diskussionsrunden statt, die erstmals eine freie Meinungsäußerung nach mehr als 50 Jahren erlaubten. Dabei fielen auch harte Worte. Zu dieser Zeit war der spätere Bürgermeister Professor Dr. Jürgen vom Scheidt als Hochschullehrer in Zwickau tätig. Bei den Vorlesungen über Mathematik konnte die Politik außen vor gehalten werden. Auch für den Professor war dann aber die Zeit gekommen, nicht mehr den Mund zu halten. „Meine Aushänge zu Möglichkeiten der Entwicklung der Hochschule brachten mir recht bald eine verpflichtende Einladung zur Prorektorensitzung ein, damals die letzte Sitzung mit einem Prorektor für gesellschaftliche Arbeit.“ Das offiziell vernichtende Ergebnis dieser Besprechung konnte vom Scheidt gut verkraften, wohlwissend um die Entwicklung zu dieser Zeit in seinem Land, die nicht mehr umkehrbar war.

Einrichtung eines Runden Tisches wurde gefordert

Anfang 1990 besuchte der Professor mehrmals den Bürgermeister in Auerbach und forderte einen Runden Tisch. Bis zum 17. April gab es insgesamt sechs Beratungen. Schon auf der Gründungssitzung des Runden Tisches wurde über eine anzustrebende Partnerschaft mit einer Kommune aus den alten Bundesländern gesprochen. Zur zweiten Beratung am 13. Februar 1990 hatte sich ein Brief aus dem schwäbischen Welzheim auf den Runden Tisch verirrt. Eigentlich wollte wohl Welzheim mit Leipzig-Grünau wegen der gleichen Postleitzahl eine solche Partnerschaft eingehen, doch aus Leipzig erhielt man eine Absage. Über den Städte- und Gemeindetag hatte Welzheim eine Empfehlung für Auerbach im Vogtland erhalten, aber in der Welzheimer Stadtverwaltung wurde die falsche Postleitzahl herausgesucht, und der Brief landete im Erzgebirge. „Nochmals vielen Dank für diese fehlerhafte Suche, die sich für Auerbach von großem Vorteil erwies.“

Professor Dr. Jürgen vom Scheidt nahm den Brief zu sich, um ihn zu beantworten. Weil die Antwort im Welzheimer Gemeinderat auf Widerhall stieß, konnten Ende März 1990 die ersten Schritte für eine Zusammenarbeit in Welzheim besprochen werden. Manchmal kann sich auch ein Fehler zu etwas Gutem wenden.

Eine gute Partnerschaft ist wichtig. Sie wird in der großen Politik gepredigt und in der kleinen Politik gelebt. Seit 30 Jahren lebt die Partnerschaft zwischen Welzheim und Auerbach im Erzgebirge. Noch im Jahr der Wiedervereinigung ist entstanden, was schon Jahre vorher angestrebt wurde und auf einen Antrag der damaligen SPD-Gemeinderatsfraktion zurückging. Vor 20 Jahren und vor 25 Jahren wurde die Beziehung jeweils groß gefeiert. In diesem Jahr fiel das große Fest coronabedingt ins Wasser.

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