Welzheim

Auf dem Weiterweg in Gschwend bleibt der „Leistungstracker“ aus

Himmelsleiter
Der Weiterweg in Gschwend gehört mittlerweile zu einem der beliebtesten Ausflugsziele an den Wochenenden. © Gehrke

Zwischen Gschwend und Sulzbach-Laufen ist mitten im Wald ein großer Meditations- und Andachtsraum unter freiem Himmel entstanden: Auf dem „Weiterweg“ taucht man ein in die Stille einer zerklüfteten, bewaldeten Landschaft, tankt neue Energie im frischen Grün des Mischwaldes, genießt ein wechselndes Landschaftsbild und entdeckt an zehn Besinnungs-Stationen vielleicht ja einen „neu markierten“ Lebensweg, der einen „weiterführt“.

Gehen tut gut, Bewegung im Wald hält uns gesund. Am besten ist es, wenn man sich dafür Zeit nimmt, anstatt nur durchzuhecheln und, der Selbstoptimierung folgend, sein tägliches „Bewegungs-Soll“ zu erfüllen. Oft tragen wir die Schnelllebigkeit nach Feierabend noch mit in den Wald. Statt die schnellen Tagesaktivitäten zur Ruhe kommen zu lassen, legen wir uns den „Activity“-Tracker an den Arm. Wir wollen „runterkommen“, vergessen vor lauter „Bewegenmüssen“ aber, „anzukommen“ bei uns selbst, in der Natur, im Moment. Achtsamkeit will oft nicht in unseren wuseligen Alltag passen. Selbst der Nachhauseweg wird zu einem „Run“, wir gehen hektisch noch geschwind was einkaufen, bringen was zur Post. Kaum daheim, quetschen wir die Bewegungseinheiten noch in den vollgepackten Tag. Der „Weiterweg“ ist geeignet, den „Leistungstracker“ auszuknipsen, die Schritte nicht zu zählen, sondern zu spüren.

Wenn es im „Tal der Stille“ ganz ruhig ist, geht Andrea aus Frickenhofen mit ihrer Mischlingshündin „Piri“ am liebsten auf dem Weiterweg. „Ich komme runter, hier gehe ich ganz bewusst, um mal Tempo rauszukriegen“, sagt sie. „Man kann verschiedene Streckenlängen wählen, je nach Verfassung.“ Während der Woche, am frühen Abend, da ist das Waldstück kaum besucht. Es ist ein ruhiger Fleck inmitten des vielerorts touristisch erschlossenen Schwäbischen Waldes, ganz in der Nähe plätschern ein paar Bächlein. Die Straße ist anfangs noch zu hören, mit jedem weiteren Schritt dominieren die Geräusche des Waldes. Doch auch dieser Weg hat die Ruhe nicht für sich gepachtet: Seit Corona haben die Outdoor-Aktivitäten überall erheblich zugenommen. Von „Overtourismus“ ist die Rede. Auch der Weiterweg bekommt von diesem Boom etwas zu spüren. „An den Wochenenden sieht es hier ganz anders aus“, meint die Einheimische. Für Besucher stehen zwei Parkplätze zur Verfügung. Wer unten, direkt am Einstieg zum Weg, keinen freien Platz findet, kann den Rundgang im Gschwender Ortsteil Rotenhar, am Ortsende Richtung Frickenhofen starten. Die Gesamtstrecke verlängert sich um einen halben Kilometer auf leicht abschüssigem Weg über weichen Waldboden und einen Holzschnitzelpfad. Das angenehme Gehen setzt sich auf der fünf Kilometer langen Wegstrecke fort: Die Wege sind gut ausgebaut, breite Kieswege, Waldwege und schmale Fußpfade wechseln sich ab. Ebenso wechselvoll ist die Kulisse. Der Weiterweg ist kein gewöhnlicher Wanderweg: Es handelt sich um ein Land-Art-Projekt, konzipiert als Kunstpfad und Besinnungsstrecke und im Jahr 2007 von der „Graf von Pückler und Limpurg’schen“-Wohltätigkeitsstiftung im eigenen Wald realisiert. Einbezogen waren Revierförster, Forstwirtschaftsmeister, Waldarbeiter und ein Fachmann für Garten- und Landschaftsbau. Sie haben zehn Stationen geschaffen, die einladen zum Nachdenken und Nachspüren. Jede Station besteht aus einem Kunstwerk, geschaffen vom Tübinger Künstler Martin Burchard, sowie zwei Texttafeln mit Lebensweisheiten und christlichen Inhalten. Die inhaltliche Ausrichtung des Wegs hält sich an den Zweck der Stiftung, die sich der Unterstützung der evangelisch-kirchlichen Arbeit in Baden-Württemberg widmet. In einer Infobroschüre der Stiftung ist zu erfahren, dass Graf Gottfried von Pückler und Limpurg und seiner Ehefrau Adele die christliche Mission ein sehr wichtiges Anliegen war - „Mission“ im Sinne von Jesu Christi verstanden, „von seiner Art, mit anderen Menschen umzugehen. Entgegenkommend, einladend, helfend und dann oft mit befreiender, heilender Wirkung. Die eigene Sicht der Dinge offenlegend, dies jedoch immer mit bedingungsloser Liebe, mit Respekt und Achtung vor der Würde eines jeden Menschen, egal wo er herkommt, egal ob er die eigenen Überzeugungen teilt oder nicht“.

Der Eigenname „Weiterweg“ hat nach Auskunft der Stiftung drei Gründe: Unser Leben soll ein „weiter Weg“ und kein „enger Weg“ sein. Enge ist beklemmend, Weite und Offenheit tun uns gut. Dieser Impuls, Begrenzungen zu überwinden oder zumindest zu überdenken, begegnet dem Pilgerer an der Station „Weiter Weg, enger Weg“. Die Konstruktion aus Holzstäben symbolisiert enge und weite Gedanken. Überhaupt umgibt einen an den Stationen viel Symbolhaftes: Die zehn Gebote, dargestellt mit Stelen und einer Skulptur aus Straßenleitplanken ist betitelt als „Leitplanken des Lebens“, die uns auffangen, wenn wir im Leben mal aus der Spur geworfen werden. Der „Ring der Trauer“, ein Mini-Holzlabyrinth, setzt die Osterbotschaft in Szene, mit schwarzer Folie und spannendem Lichteinfall sind Tod und Verlust, aber auch Leben und Licht präsent. Ganz in der Nähe plätschert der Osterbach. Gegenüber sagt die lebensfroh bunte „Himmelsleiter“: Fühle dich (gedanklich) wie neugeboren. Die Stationen offenbaren eindeutig eine christliche Sicht, wollen diese aber laut Geschäftsleitung niemandem aufdrängen. Die Kombination von Natur, Kunstwerk und den eigenständigen Texten lasse Raum „für eigene Interpretationen und Sichtweisen“. Vielmehr soll uns der Weiterweg eine Hilfe für den „weiteren“ Lebensweg sein, er soll uns weiterbringen. Für weit angereiste Besucher steckt ein Wortspiel drin, denn für sie ist der Waldpfad eben schon etwas „weiter weg“. „Weit weg“ vom Alltag ist hier aber jeder - ob aus Stuttgart oder ganz aus der Nähe hergepilgert. Man kann staunen über mancherlei Wurzelformation am Wegrand, erlebt bei entsprechendem Sonnenstand schillernde Lichtreflexe im dichten Nadelwäldchen, stößt auf manchen neuen „Durchblick“: Durch bunte Scheiben in den Wald schauen ist nicht so prickelnd wie die Perspektive durch die unverglaste Panoramascheibe - das gibt uns die Station „Durchblick II“ mit: Die Natur pur, nicht durch die „rosarote“, gelbe oder blaue Brille betrachtet, erlaubt uns die schönste, die ursprünglichste Wahrnehmung. So wäre auch dieses schöne Waldstück ganz ohne die „Möblierung“ mit Skulpturen und Tafeln ein erholsamer, ein kraftgebender Ort, zur Stressreduktion absolut empfehlenswert. Der Waldgang ist gerade nach einem eiligen Arbeitstag geeignet, das langsame bewusste Gehen wieder zu lernen - und weder den Spurt durch den Alltag in der Freizeit zu verlängern noch vor den wichtigen Fragen des Lebens wegzurennen.

Info

Das Waldgebiet ist ein Privatwald, der bewirtschaftet wird. Das Betreten der Stationen erfolgt auf eigene Gefahr. Das Besteigen der Kunstinstallationen ist nicht gestattet.

Route: Von A nach B (Rundwanderweg) mit drei verschiedenen Varianten für Fußgänger (Rundweg A), Familien mit Kinderwagen (B) sowie Menschen mit Einschränkungen (C).

Highlight: Zehn Stationen zu Themen wie Stille, Gemeinschaft, Lebensstil, Trauer, Leid, Hoffnung, Freude und verbindliche Werte.

Startpunkt: Oberer Parkplatz am Ortsausgang von Rotenhar (Richtung Frickenhofen) oder unterer Parkplatz an der Landesstraße.

Schwierigkeitsgrad: 5 Kilometer, leicht. Reine Gehzeit: Ca. 1,5 Stunden (mit Besichtigung der zehn Stationen sollten 2,5 bis drei Stunden eingeplant werden).

Sitzmöglichkeiten: Zahlreiche Bänke entlang des Wegs. Für mitgebrachtes Rucksackvesper ist ein geeigneter Rastplatz der „Große Tisch des Friedens“ (56 Personen können Platz nehmen).

Infrastruktur: Keine Toiletten, keine Grillstelle, keine Mülleimer (Besucher werden gebeten, ihren Müll mitzunehmen).

Einkehrmöglichkeiten: Mehrere in Gschwend.

Internetlink: www.weiterweg.info.

Zwischen Gschwend und Sulzbach-Laufen ist mitten im Wald ein großer Meditations- und Andachtsraum unter freiem Himmel entstanden: Auf dem „Weiterweg“ taucht man ein in die Stille einer zerklüfteten, bewaldeten Landschaft, tankt neue Energie im frischen Grün des Mischwaldes, genießt ein wechselndes Landschaftsbild und entdeckt an zehn Besinnungs-Stationen vielleicht ja einen „neu markierten“ Lebensweg, der einen „weiterführt“.

Gehen tut gut, Bewegung im Wald hält uns gesund. Am besten

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