Welzheim

Der Welzheimer Stadtwald leidet unter dem Klimawandel - nun soll ausgerechnet der Kahlschlag helfen

Wald & Lechleitner
Unterwegs mit Hubert Lechleitner, dem Leiter des Reviers Welzheim-Althütte. © Gabriel Habermann

Im Stadtwald in Welzheim ist für den Spätsommer zum ersten Mal nach 30 Jahren ein „Klein-Kahlschlag“ auf einer Fläche von einem halben Hektar geplant, um den Umbau zum Mischwald voranzubringen. Ausgerechnet das Fällen von Bäumen soll den Wald nun retten.

Für viele Spaziergänger und Wanderer hat der Anblick eines Kahlschlags etwas Abschreckendes. Für Waldbesitzer und Forstleute ist die Spur der Verwüstung, die der Borkenkäfer durch unsere Wälder schlägt, abschreckend. „Der Borkenkäfer frisst sich durch unsere Wälder, hinterlässt immer mehr lichte Kronen, schwächt und zerstört unsere Bestände massiv“, sagt Hubert Lechleitner, der Leiter des Reviers Welzheim-Althütte. Auch er könne sich etwas Schöneres vorstellen als eine Schneise durch dichte grüne Laubdächer zu schlagen, sagt er.

Der Förster wird immer mehr zum Reagierenden

Durch Klimaerwärmung, verbunden mit Trockenheits- und Käferschäden sei der Mensch gefordert, den Schaden zu begrenzen. Der Förster werde dabei immer mehr zum Reagierenden als zum Agierenden. „Anstatt weiterhin dem Käfer hinterherzulaufen und das Holz zu Niedrigstpreisen zu verschleudern, muss man sich Gedanken machen, wie man die Risiken eindämmen will bei den bestehenden Baumarten“, erklärt Lechleitner die Rückkehr zu einer lange Zeit nicht mehr üblichen Methode im Waldumbau. Weil in den Jahren 2018 und 2019 sehr wenig Regen gefallen sei, habe der Käferbefall ein erschreckendes Ausmaß angenommen. „Um die Massenvermehrung zu stoppen und den Käfer rauszukriegen, müssen mehr klimaresistente Bäume gepflanzt werden“, erklärt Lechleitner den Strategiewechsel.

Förster denken in großen Zeiträumen, zwei bis drei Jahrzehnte könne ein „Klima-Umbau“ dauern, informiert Lechleitner. Sommertrockenheit und Massenvermehrung des Käfers forderten ein langfristiges Umdenken in der Waldpflege. Am Beispiel einer besonders schadhaften Stelle am Schmalenberg, wo sich Waldschäden an besonders vielen lichten Kronen ablesen lassen, erklärt der Förster: „Bis ein sehr großer Teil dieser Monokultur in artenreiche Mischwälder umgebaut ist, ist dort als Hausnummer geplant, jedes Jahr ein bis zwei Kahlschlägle auf einer Fläche von jeweils einem halben Hektar zu machen.“ Auf den Freiflächen sollen mehr klimaresistente Baumarten gepflanzt werden. Douglasien, Ahorn, Eiche, Winterlinde und weitere Baumarten bekämen keinen Trockenstress und seien dadurch stärker, um sich - etwa durch Harzbildung - gegen Käferbefall zu wehren. Doch selbst damit seien erst nach 20 Jahren ein bis zwei Drittel der rund 30 Hektar umgewandelt. „Die Kahlschläge dienen der Beschleunigung des Umbaus. Im Wald dauert halt alles seine Zeit“, sagt Lechleitner.

Das Konzept und die Hintergründe des Klima-Umbaus wurden den Stadträten bei einer Waldbegehung bereits im November vorgestellt. Im Zwischenprüfungsbericht der Forsteinrichtung wurden die Maßnahmen festgehalten. „Der Stadt Welzheim erschien diese Bewirtschaftungsform sinnvoll“, so Lechleitner. Schwerpunkt sei eine besonders schadhafte Stelle im Gebiet „Schmalenberg“, zwischen dem Bahnhof Laufenmühle und dem Ort Ebni. Lechleitner betont: „Nicht die gesamte Bewirtschaftung wird auf Kahlschlag umgestellt. Es ist nur ein Teil des Konzepts für Flächen, auf denen der Trockenstress vielen Bäumen zugesetzt hat. Im größten Teil der Waldflächen bleibt die bisherige Bewirtschaftung als bewährte Form erhalten.“

Wälder sind „Klimaküchen“

Neben der Wirtschaftlichkeit rangiere die Umweltgerechtigkeit. Wälder sichern nicht nur die Holzversorgung, sie sind wichtige „Klimaküchen“ und wertvolle Lebensräume für eine Vielzahl an Pflanzen und Tieren. Hier gibt Lechleitner Entwarnung: „Eine klimatisch spürbare Veränderung rund um Welzheim ist durch den Kahlschlag nicht zu befürchten. Sie würde möglicherweise nur dann eintreten, wenn mehrere Tausend Hektar in kürzerer Zeit kahlgeschlagen würden.“

Was sich in nahezu allen Wäldern verändert hat, sei die Nutzung des Holzes im Jahresverlauf. „Häufig hören wir den Vorwurf, das alles mache man nur wegen dem Profit.“ Lechleitner verweist auf den steigenden Holzbedarf: „Wir decken auf nachhaltige Weise den Bedarf in der Bevölkerung. Unsere Aufgabe ist es, dies, auch im Sinne der Steuerzahler, wirtschaftlich und möglichst mit Überschuss zu tun.“ Nahezu bei jeder Witterung müsse Holz bereitgestellt werden. „Zwar kann man schon mal zwei Wochen warten, wenn gerade ganz große Nässe herrscht, aber dann muss das Holz irgendwie raus. Das ist auch für uns nicht sehr befriedigend und verursacht Bauchschmerzen, weil wir uns beileibe nicht wie „Sauigel“ aufführen wollen“, sagt Revierleiter Hubert Lechleitner. „Dass dies durchaus ein wesentlicher Faktor für die sinkende Akzeptanz in der Bevölkerung ist, wissen wir sehr wohl.“

Vor 30 Jahren war der Winter rund um den Ebnisee noch ein anderer

Lechleitner verweist auf die Ursprünge. So seien Waldwege fast durchweg als Wirtschaftswege gebaut worden. Durch das freie Betretungsrecht der Landschaft und des Waldes seit den 1970er Jahren wurden und werden sie schon lange und seit Corona mit steigender Intensität auch legitim als Freizeitwege genutzt. Früher sei vor allem im Winterhalbjahr eingeschlagen worden. Es wurde so gut es ging auf Frostperioden gewartet, um das Holz dann weitgehend schadfrei aus dem Wald zu ziehen. Vor 30 Jahren waren die Winter rund um den Ebnisee noch ganz anders.

Konrad Jelden vom Ebniseeverein erinnert sich: „Wir haben uns oft abends spontan zum Eisstockschießen verabredet“, sagt er. Vereinsmitglied Willi Schurr erinnert sich an die Eisbar vom Schassberger auf dem See und an die ersten Langläufer am Aichstrutsee. „Das erste Loipenspurgerät hat der Ebniseeverein finanziert“, so Konrad Jelden. Der vergangene Winter kam uns schneereich und nass vor, als Wanderer hatte man das Gefühl, ständig mit nassen Schuhen von draußen zurückzukommen. Doch die Regenmenge zeige aus forstlicher Sicht noch keine Wirkung: „Die Bodenaustrocknung geht so tief, dass die subjektiv empfundene Feuchtigkeit nur für den Oberboden reicht, aber nicht die Tiefe erreicht.“ Die gefühlte Nässe derzeit betreffe nur die obersten 30 Zentimeter. Der durchwurzelbare Bereich bis zu einer Tiefe von 1,80 Meter sei weiterhin trocken.

Im Stadtwald in Welzheim ist für den Spätsommer zum ersten Mal nach 30 Jahren ein „Klein-Kahlschlag“ auf einer Fläche von einem halben Hektar geplant, um den Umbau zum Mischwald voranzubringen. Ausgerechnet das Fällen von Bäumen soll den Wald nun retten.

Für viele Spaziergänger und Wanderer hat der Anblick eines Kahlschlags etwas Abschreckendes. Für Waldbesitzer und Forstleute ist die Spur der Verwüstung, die der Borkenkäfer durch unsere Wälder schlägt, abschreckend. „Der Borkenkäfer

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