Welzheim

Die Welzheimer Gastronomie hat viele unterschiedliche Probleme nach der Wiedereröffnung

Gastronomie
Wie sieht die aktuelle Lage in der Gastronomie aus? © ALEXANDRA PALMIZI

In Welzheim dürfen Restaurants und Gaststätten nach der coronabedingten Zwangspause seit mehr als einer Woche wieder öffnen. Welch hohen Stellenwert die Gastronomie, auswärts und in Gemeinschaft zu essen oder einfach nur in gemütlicher Runde beisammenzusitzen, in unserem Alltag einnimmt, wurde vielen wohl erst klar, als sie darauf verzichten mussten. Welche psychischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwüstungen dieser Lockdown angerichtet hat, wird erst allmählich wahrnehmbar, jetzt, da sich der Vorhang zu heben beginnt.

„Das laufende Geschäftsjahr kannst du abhaken. Es ist ein Trauerspiel, und es hagelt nur so Absagen von Vereinen, Gruppen, Betrieben und Ausflüglern“, resümiert María Dolores Diz Fernández und kämpft mit den Tränen. Sie macht sich Sorgen um das wirtschaftliche Überleben des von ihr seit 24 Jahren betriebenen Restaurants „Bahnhof Laufenmühle“. Zuerst sei ihr Lebensgefährte eine Woche lang krank gewesen, dann kamen Corona und der Stillstand. Liefer- und Abholservice ist in den zurückliegenden Wochen keine Option gewesen, erzählte sie. Dafür sei ihr Restaurant zu weit entfernt von der Welzheimer Innenstadt, und die spanischen Gerichte, für die sie bekannt sei, ihre Tapas, Paella und Patatas Bravas seien nun mal keine Pizzas und Spaghettigerichte, die üblicherweise von Laufkunden bestellt werden. Nun sieht sie ihr Lebenswerk in Gefahr. An Vatertag hatte sie erstmals wieder geöffnet. Da habe sich der Besucherverkehr „recht ordentlich“ angelassen. Der vergangene Sonntag sei dann allerdings die reine Katastrophe gewesen. „Wohl waren die Parkplätze voll, aber die Wanderer und Spaziergänger brachten alle ihr Vesper mit.“

„Es wird das ganze Jahr dauern, bis die Angst aus den Köpfen ist“

Kaum einer von ihnen habe sich in den „Bahnhof Laufermühle“ verirrt, wo man das Angebot, auf die Sonntagsausflügler zugeschnitten, um Wurstsalat, Grillwürste und Steaks erweitert hatte. Diz Fernández hat nun von Donnerstag bis Sonntag geöffnet und wartet auf Kundschaft. Ans Kämpfen sei sie schließlich gewöhnt, seit sie 1969 mit achtzehn Jahren und einem Ausbildungsvertrag nach Backnang gekommen war, mit dem Vorsatz, eigentlich nur ein Jahr zu bleiben und sich das Geld für eine Schule in ihrer Heimat Galicien zu verdienen.

Auch diese Herausforderung werde sie meistern, ihr Mut sei ungebrochen, gibt sie sich zuversichtlich. Es bleibe ihr ja auch nichts anderes übrig, der Bahnhof Laufenmühle sei ihr Lebenswerk und ihr Leben. Bereits 2017 hatte sie ein schwieriges Jahr durchzustehen, als ein Erdrutsch die Straße versperrte und der „Bahnhof Laufenmühle“ abgeschnitten war. „Aber diesmal“, so ihre Befürchtung, „wird es wohl das ganze Jahr dauern, bis Angst und Hysterie aus den Köpfen der Menschen wieder heraus sind.“

Es werde noch lange Zeit dauern, bis sich das Verhalten der Kunden an die neue Normalität angepasst habe und sie wieder ungezwungen ausgehen, wie in der Vor-Corona-Zeit, prognostizierte auch Vincenzo Sollazzo. Es müsse im Augenblick viel Kommunikationsarbeit geleistet werden, man habe den Kunden die Auflagen zu erklären, an die sich die Betriebe halten müssten, warum sie an der Restauranttür warten müssten, bis ihnen ihr Tisch zugewiesen wird, warum sie auf dem Weg zur Toilette eine Schutzmaske tragen müssten. Viele, vor allem Ältere, hätten sich aus dem öffentlichen Leben vollkommen zurückgezogen, lebten nach wie vor in Angst vor Ansteckung. Aus diesen Gründen werde der Abholservice in der „Pizzeria Ionio“ noch lange eine überlebenswichtige Rolle übernehmen müssen. Den Lieferservice habe er mittlerweile eingestellt, schweren Herzens. Es sei ihm klar gewesen, wie wichtig er gerade vor allem für Mütter war, die mit mehreren Kindern in der Wohnung quasi eingeschlossen waren, für Angehörige von Risikogruppen und selbst für Corona-Patienten und -quarantänefälle. Aber vom kaufmännischen Standpunkt aus habe man diese Dienstleistung nicht durchhalten können.

Die Warnungen aus Italien wurden nicht sofort ernst genommen

Sollazzo, verantwortlich für Wohl und Wehe der 1985 von seinen Eltern gegründeten „Pizzeria Ionio“ auf dem Welzheimer Kirchplatz, blickt dennoch zuversichtlich in die Zukunft. „Eigentlich hätten wir im Frühjahr durch die Nachrichten über das Geschehen in Italien vorgewarnt sein müssen“, sinnierte er, „aber dann erwischte es uns in der dritten Märzwoche doch kalt. Wir hier in Deutschland sind weit weg von dem Geschehen, bei uns kann so etwas wie in Italien doch überhaupt nicht geschehen“, habe er sich beruhigt. Und dann seien ihm urplötzlich 80 Prozent der Umsätze weggebrochen, und die Verantwortung für seine Mitarbeiter habe wie ein Mühlstein auf ihm gehangen. Vor allem seine beiden „Zugpferde“, den Pizzabäcker Pietro Cusumano und den Koch Carmine Celano, habe er unbedingt halten müssen. Also habe er sich voll und ganz auf den Liefer- und Abholservice konzentriert. Aber auch dafür musste er umsteuern: Die Speisekarte musste gestrafft und für die neue Dienstleistung optimiert werden, das Getränke- und Dessertangebot erweitert. Schließlich eigne sich nicht jedes Gericht dafür, es außer Haus zu geben.

Und plötzlich erstreckte sich der Kundenverkehr nicht mehr über den ganzen Abend bis in die Nacht hinein, sondern konzentrierte sich auf die Zeit zwischen 16.30 Uhr und 19.30 Uhr. In diesen drei Stunden klingelte das Telefon fast pausenlos, Koch und Pizzabäcker kamen schier nicht nach mit dem Zubereiten der bestellten Speisen. „Das war superstressig für mich und meine rechte Hand Imran Bakir als Call Center, vor allem in der ersten Zeit, bis sich alle Abläufe neu eingespielt hatten.“

Als Service für die Kunden habe er sich deshalb entschlossen, sie zehn Minuten, bevor ihre Bestellung zum Abholen fertig war, anzurufen oder per SMS zu benachrichtigen. Dadurch seien auch Zusammenballungen von Wartenden vermieden worden. Der große Zuspruch aus den Reihen der Welzheimer, deren Kundentreue und das überwältigende Feedback in den sozialen Medien habe ihn aber auch an seine eigene soziale Verantwortung erinnert. Es dürfe doch nicht sein, dass die wunderbare Innenstadt verödet, weil die Geschäfte geschlossen sind und sich die Menschen zum Internethandel umorientierten! Schließlich gehe es dem Einzelnen nur dann gut, wenn es allen im örtlichen Geschäftsleben gutgehe. Deshalb habe er ein Video aufgenommen und in Facebook veröffentlicht, mit dem er die Welzheimer aufforderte, ihren lokalen Dienstleistern weiterhin die Treue zu halten. Und er habe es nicht bei guten Worten belassen. Er habe bei den geschlossenen Läden Gutscheine zu fünf Euro erworben und jeden Tag vier von ihnen im Rahmen eines Gewinnspiels verlost, zum Beispiel an den jeweils ersten, elften, einundzwanzigsten und einundvierzigsten Kunden.

„Es kam über uns fast wie aus heiterem Himmel. Wir, meine Frau und ich sowie meine Eltern, saßen montagabends beisammen, als die Nachricht eintraf, wir müssten ab Dienstag zumachen“, erinnerte sich Marvin Brestel, Inhaber und Koch der Obermühle, zurück in den März, als der Corona-Lockdown über ihn und sein Restaurant hereinbrach.

„Ich konnte es mir nicht leisten, die Hände in den Schoß zu legen“

„Da ich erst vor drei Jahren das Restaurant eröffnet hatte, konnte ich es mir angesichts der Verpflichtungen und unvermeidlichen Fixkosten nicht leisten, die Hände in den Schoß zu legen und die Dinge fatalistisch auf mich zukommen zu lassen. Wir mussten etwas unternehmen, auch wenn dies bedeuten würde, neue, unkonventionelle Wege zu beschreiten. Wir entschlossen uns, unsere Karte entsprechend zu überarbeiten und Speisen zum Abholen anzubieten.“

Neben dem bis dahin gewohnten Angebot fand Bodenständiges wie Kässpätzle, Linsen und Hamburger seinen Platz - und seine Liebhaber! Während bis zum Ausbruch der Corona-Krise die Kunden vor allem aus dem Remstal, aus Backnang, Stuttgart und von der Ostalb den Weg in das deutsch-schwäbische Restaurant fanden, das sich mit eher anspruchsvollen Gerichten und Wildspezialitäten einen Namen gemacht hat, entdeckten es nun die Welzheimer für sich. Vor allem der aus frischem Rindfleisch zubereitete Hamburger sei der Renner, berichtete Brestel, „mit ihm haben wir uns vollkommen neue Kunden aus den Reihen der Jugend erschlossen, aber wir staunten auch nicht schlecht darüber, wie groß die Nachfrage nach einem frisch und sorgfältig medium zubereiteten Rostbraten ist, der direkt aus unserer Küche warm auf den Teller im heimischen Esszimmer kommt.“

Ein zweites Standbein, mit dem Brestel das wirtschaftliche Überleben der Obermühle sicherte, sind im Sous-Vide-Pasteurisierungsverfahren hergestellte und dann portionsweise vakuumierte Speisen. Angeboten werden Hauptgerichte und Beilagen; sie sind im Kühlschrank mindestens zwei Monate haltbar. Servierfertig sind sie nach sieben Minuten in kochendem Wasser. „Alles ist frisch zubereitet und ohne Geschmacksverstärker! Wir arbeiteten die erste Zeit vierzehn, sechzehn Stunden am Tag“, blickte Brestel zurück, „um diese Idee zu verwirklichen.“

Eine wichtige Überlebenshilfe, blickt Brestel zurück, stellten auch die 9000 Euro Soforthilfe des Landes Baden-Württemberg dar. Wohl würden sie Kritiker als einen „Tropfen auf den heißen Stein“ abqualifizieren, „aber der Tropfen kam genau zur rechten Zeit. In einer solchen Situation“, ergänzte Brestels Mutter Kornelia, „bist du für jeden Pfennig dankbar, den du richtig einsetzen kannst!“ Die Umsatzeinbußen hätten sie allerdings gezwungen, vorerst auf Mitarbeiter zu verzichten und als reiner Familienbetrieb weiterzumachen. Inzwischen ist das Restaurant wieder geöffnet, zu den üblichen Geschäftszeiten. Bereits am Eingang werden die Gäste auf die Verhaltensregeln des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes hingewiesen und gebeten, den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand einzuhalten und zu warten, bis sie an ihren jeweiligen Platz gebracht werden. Brestels sind zuversichtlich, dass die Obermühle auch in Zukunft ihren Platz in Welzheims Gastronomielandschaft behaupten werde.

Gäste sitzen lieber im Freien als im Restaurant

Durch aufgewühlte See steuere das Restaurant „Marathon“, das von den Brüdern Konstantinos und Illias Kokkonis seit 29 Jahren betrieben wird. Nach über zwei Monaten Zwangspause habe man zwar seit 19. Mai wieder geöffnet, aber fast die Hälfte der Plätze müsse gesperrt werden, um den geforderten Mindestabstand einzuhalten, erklärte Konstantinos. Alles andere als geschäftsfördernd wirke sich zudem die Maskenpflicht aus. Sie sei notwendig und nachvollziehbar, aber ein „normaler“ Betrieb sei unter diesen Bedingungen nicht möglich, weshalb auch die halbe Belegschaft nach wie vor in Kurzarbeit sei. Zudem würden die Kunden nicht gern ins Restaurant hereinkommen, sie zögen es vor, im Freien zu sitzen. Dafür brauche es allerdings entsprechendes Wetter. Besonders gespannt verfolge er die jüngst in Thüringen angestoßene hoffnungsvolle Entwicklung und deren Auswirkungen. Wobei allerdings nichts schlimmer wäre, als wenn die Zahl der Erkrankten erneut nach oben schnellen und es zu einem zweiten Lockdown kommen würde. „Wir können überleben“, so Konstantinos vorläufiges Fazit, dessen Zuversicht auf die Treue seiner Kunden baut.

Der Umsatz hat sich beim Verkauf aus dem Fenster normalisiert

Recep Akcan, der Betreiber des nicht zuletzt in Schülerkreisen beliebten „Alanya Kebab“, stellt sich den Herausforderungen der Coronakrise offensiv entgegen. Bei seinem Imbiss werden die Speisen sowieso aus dem Fenster heraus verkauft, deshalb sei es ihm nicht allzu schwer gefallen, die vergangenen Wochen durchzustehen. Nachdem in der ersten Woche nach dem Ausbruch der Krise der Verkauf so gut wie zum Stillstand gekommen sei und er einen seiner beiden Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken musste, habe sich der Umsatz inzwischen wieder mehr oder weniger normalisiert.

Dies sei für ihn Anlass, sich über einen Umbau des Alanya Kebab Gedanken zu machen. Er möchte den Eingang in die Garage neben dem Haus verlegen und die Verkaufstheke um 45 Grad drehen, so dass die Kunden den neuen Verkaufsraum durch die bisherige Eingangstür wieder verlassen können, ohne dass sich ihre Wege kreuzen und es zu Staus kommt.

In Welzheim dürfen Restaurants und Gaststätten nach der coronabedingten Zwangspause seit mehr als einer Woche wieder öffnen. Welch hohen Stellenwert die Gastronomie, auswärts und in Gemeinschaft zu essen oder einfach nur in gemütlicher Runde beisammenzusitzen, in unserem Alltag einnimmt, wurde vielen wohl erst klar, als sie darauf verzichten mussten. Welche psychischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwüstungen dieser Lockdown angerichtet hat, wird erst allmählich wahrnehmbar,

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