Welzheim

Ein Geniestreich auf dem Lande

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Urig, zünftig, ländlich? Ja, das auch. Vor allem aber: einfallsreich, lebendig, erhellend. Polit-Talk in der Scheuer der Eisenmanns in Vorderhundsberg. © Habermann / ZVW

Welzheim. Die „Landjugend“ ist verschnarcht, engstirnig und von gestern? Mag sein, dass es Leute gibt, die so was denken. Aber die waren nicht bei der Diskussionsrunde in Vorderhundsberg mit Kandidaten zur Bundestagswahl.

Die Wahl ist noch weit entfernt, und während der Anfahrt nach Vorderhundsberg kommt einem der Weg dorthin noch etwas länger vor: Ein Sträßlein führt über Wiesen, vorbei an einem Sackgassenschild; angekommen bist du, wenn’s nicht mehr weiter geht.

Ihre Wahlprogramme haben sie alle eingepaukt

Willkommen am schönen Ende der Welt, auf dem Bauernhof der Eisenmanns, die urige Scheuer ist dekoriert mit Wagenrad und Hirschgeweih, der Salzkuchen schmeckt super – aber könnte das nicht etwas dröge werden hier bei der Kreislandjugend? Na, du wirst dich wundern.

Auf dem Podium: Bundestagskandidaten aus den Wahlkreisen Waiblingen und Backnang – Lisa Walter (FDP), Daniel Lindenschmid (AfD), Reinhard Neudorfer (Linke), Andrea Sieber (Grüne), Norbert Barthle (CDU). Bei derlei Terminen manövrieren Politiker meist per Autopilot, ihre Wahlprogramme haben sie ja alle eingepaukt.

"Ich hoffe, dass es ein interessanter Abend wird“

Hier läuft das anders. „LAJU“, steht an einer Tafel, die Abkürzung für Landjugend. Und jetzt, sagt Moderatorin Melanie Läpple vom Landesvorstand, möge jede und jeder sich erstmal vorstellen, indem er/sie die vier Buchstaben ergänzt.

Man glaubt fast zu hören, wie der Schweiß den Kandidaten auf den Kragen tropft: Oh je, hoffentlich komm ich nicht als erstes dran . . . Doch siehe, fast alle bestehen die Prüfung, von „Lebensalter 65“ (Barthle) über „Außer Betrieb“, da in Elternzeit mit Baby (Walter), und „Joggen“, er habe das „Deutsche Sportabzeichen“ (Neudorfer), bis „Und ich hoffe, dass es ein interessanter Abend wird“ (Sieber).

Fotos, laminiert, hängen an einer Wäscheleine. Jeder darf sich eines aussuchen. Dahinter aber verbergen sich Fragen. Lisa Walter hat sich für das Bild eines iPads entschieden – und jetzt soll sie erklären, wie sie sich um die „Digitalisierung in der Landwirtschaft“ verdient machen will. Sie schluckt, lacht. „In der Landwirtschaft?!“ Na gut, sagen wir: im ländlichen Raum.

Landwirtschaft ohne schnelles Internet? Großer Mist!

Die Antwort ist in Ordnung, wenn auch nicht krachend originell („finanzielle Mittel bereitstellen“) – faszinierend aber wird es, als das Publikum, das hier nicht erst ganz am Ende auch mal was fragen, sondern immer wieder mittendrin nachhaken darf, seine Sicht der Dinge schildert: Selten bekommt man Alltagsprobleme auf dem Lande so lebensnah und anschaulich beschrieben.

„Ohne Internet“ gehe gar nichts mehr in der Landwirtschaft, von der „Fernwartung“ des Stalls, Lüftung, Futtermanagement, bis zum Fördermittelantrag an die EU. Da muss man Landkarten hochladen, Flächen ausweisen, Anbausorten dokumentieren – und wenn die Verbindung hängt, sitzt man „die ganze Nacht“ vorm Rechner.

„Gelder entsprechend umschichten“

Boah, eine „anspruchsvolle Frage“, seufzt Andrea Sieber einmal, als sie sagen soll, ob sie sich für ein „zentrales Marketing“ der baden-württembergischen Landwirtschaftsbetriebe einsetzen werde. Reinhard Neudorfer bekennt irgendwann: Er sei eher „der Stadtmensch“. Und AfD-Lindenschmid wirkt phasenweise ausgesprochen froh, wenn er überhaupt nichts sagen muss.

Für die amtliche Schmähkritik gegen die Flüchtlingspolitik gibt es hier jedenfalls keinen Raum; die einzige Frage zum Thema erwischt Neudorfer: Wir brauchen mehr Sprachkursangebote auf dem Lande und mehr Unterstützung für Arbeitgeber, die Neuankömmlinge einstellen wollen – was tun? „Gelder entsprechend umschichten“, empfiehlt Neudorfer.

„Okay. Darum geht es aber nicht"

Lindenschmid könnte sich jetzt einmischen und weitere Ideen zur Flüchtlingsintegration beisteuern, denn jeder Kandidat darf eine „Joker“-Karte einsetzen, um ein Thema zu kapern. Er verzichtet. Zumal es hier in der Vorderhundsberger Wagenremise unmöglich wäre, statt einer konkreten Antwort bloß ein paar Schmackes-Phrasen rauszuledern.

Denn sobald irgendjemand versucht, haarscharf an einer Frage vorbeizureden, kommentiert Moderatorin Läpple staubtrocken: „Okay. Darum geht es aber nicht.“ Und wenn jemand allzu lange rhetorisch durchs Ungefähre wandert, erklärt sie: „Noch dreißig Sekunden“ – und jetzt bitte zur Sache.

Andrea Sieber von den Grünen wird recht gründlich gegrillt

Gut durchgebraten darf sich am Ende vor allem Andrea Sieber von den Grünen fühlen, sie wird auf kleiner Flamme recht gründlich gegrillt – jederzeit freundlich, in der Sache aber glasklar kritisiert das Publikum: Zu viele Auflagen, Gesetze, bürokratische Gängelungen erlege Grün den Landwirten auf, das führe dazu, „dass immer mehr aufhören.

Wie schaffen wir das, dass bei den Grünen da ein Umdenkprozess einsetzt?“ Sieber schlägt sich wacker, sie beharrt darauf, dass Biolandwirtschaft „für uns immer noch das Leitbild“ und „eine Agrarwende notwendig“ sei – Norbert Barthle indes, der alte Polithase, lässt es sich nicht entgehen, bei der Frage übers gemähte Wiesle zu hoppeln: „Die Landwirte wissen am besten, was ihren Tieren gut tut“, die CDU sei die Partei, die „ein Herz für die Landwirtschaft“ habe.

Eine erhellende Erfahrung

Fazit des Abends: Die Kandidaten haben sich tapfer abgekämpft bei der Expedition durch ein Revier, das manchen doch eher fremd zu sein scheint. Klarer Gewinner aber war: der Veranstalter. Hellwach und weltoffen hat sich die Landjugend präsentiert, selbstbewusst und einfallsreich.

Für die Politiker muss es eine erhellende Erfahrung gewesen sein: Sie wissen jetzt, welche ganz konkreten Sorgen, Wünsche, Forderungen es auf dem Lande gibt. Und diese jungen Leute denken gar nicht daran, sich mit ausweichenden Antworten oder pauschalen Parolen abspeisen zu lassen.