Welzheim

Friedensgebet in Welzheim hilft in Krisenzeiten und während des Ukraine-Kriegs

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Friedensgebet in Gedenken an die Opfer des Krieges in der Ukraine. Diese Aufnahme entstand bereits am 2. März 2022. Auch Bürgermeister Thomas Bernlöhr (links) nahm daran teil. © Ralph Steinemann Pressefoto

Krieg und Frieden ist auch im Welzheimer Wald ein beherrschendes Thema. Der Beginn des Ukraine-Kriegs hat im Welzheimer Friedensgebet seine Spuren hinterlassen. Wir sprachen darüber mit Prädikant Martin Becker von der evangelischen Kirchengemeinde, der das Friedensgebet in der St.-Gallus-Kirche leitet.

Das Kyrie (die Bitte um Gottes Gegenwart und Erbarmen) wird im Friedensgebet nun mit einer ukrainischen Melodie gesungen, vor der Kirche brennt während des Friedensgebets ein Friedenslicht mit zwei Ikonen als Zeichen der Solidarität, in der Fürbitte wird jeden Montag an die Menschen und Tiere, die Opfer des Krieges in Russland und in der Ukraine werden, gedacht, sowie an Organisationen, die sich für den Frieden einsetzen. Das Kunstwerk „Friedenswächter“ der Künstlerin Ebba Kaynak, das zum Jubiläum „20 Jahre Friedensgebet“ im März 2023 enthüllt wird, soll auch das Wort MIR (russisch) für Frieden tragen. Zudem ist Folgendes geplant: Am 6. Januar feiert die orthodoxe Kirche Weihnachten. Zum Friedensgebet sollen dazu alle Geflüchteten aus der Ukraine eingeladen werden.

Besondere Begegnung im Gottesdienst der Schorndorfer Stadtkirche

In der Schorndorfer Stadtkirche hielt Martin Becker neulich den Gottesdienst. Am Altar sprach er die Worte „Wir stellen ins Licht die Großmutter, die aus der Ukraine zu uns geflohen ist und nun nicht ein noch aus weiß“. Nach dem Gebet drehte er sich wieder zu den Gottesdienstbesuchern um. In diesem Moment trat eine alte Frau mit Kopftuch und Gehstock in den Kirchenraum. Sie kam ganz nach vorne und stammelte: Ukraine, Ukraine! Zeigte mit dem Finger auf ihr Herz und bekreuzigte sich. Becker trat zu der alten Frau, segnete ihre vom Krieg gezeichnete Haut, überreichte ihr eine Kerze vom Altar und sah ihre Tränen. Für den Prädikanten ein unvergesslicher Augenblick der Anteilnahme und Solidarität.

Warum werden Flüchtlinge unterschiedlich behandelt?

Deutschland leistet dabei enorm viel. Gleichzeitig fragt sich Martin Becker: „Warum installieren wir ein Zwei-Klassen-System für Geflüchtete? Wieso erhalten Menschen aus der Ukraine ungeprüft sofort Leistungen im vollen Umfang, Wohnung, Beihilfen, finanziell, und andere Geflüchtete nicht?“ Menschen aus dem öffentlichen Dienst vertrauten Martin Becker an, dass alle Leistungen für die Menschen aus der Ukraine zu Beginn des Krieges ungeprüft sofort genehmigt werden mussten. Mittlerweile finden die Überprüfungen statt.

„Auf der einen Seite großartig, höchst menschlich und großzügig. Doch: Dies ist zutiefst ungerecht und schafft Unfrieden, produziert sogar Rassismus, da es nicht thematisiert werden darf. Unser Recht auf Asyl und Sozialleistungen ist ein sehr hohes Gut und ein gesellschaftlicher Schatz, den es zu wahren, zu achten und auch zu verteidigen sowie zu schützen gilt. Es geht hier um Gerechtigkeit gegenüber Einheimischen, Geduldeten und Asylanten aus anderen Krisengebieten der Welt, die zu uns kommen. Besonders jesidische, queere und christliche Flüchtlinge aus Nordafrika oder dem Orient haben es im deutschen Asylsystem sehr, sehr schwer.“

Das gemeinsame Schweigen schafft die stärksten Momente im Friedensgebet

Seit Beginn des Ukrainekriegs haben die Teilnehmer des Friedensgebets mit den muslimischen und alevitischen Frauen zusammen mehrmals ein Friedensgebet zusammen gefeiert. Dabei lasen sie Texte aus den verschiedenen Religionen und Gebete, in denen der Wunsch aller Menschen und Lebewesen nach Glück und Frieden zum Ausdruck kommen.

Die stärksten Momente im Friedensgebet schafft das gemeinsame Schweigen von Christen, Muslimen und Aleviten. Immer wieder zitiert Martin Becker den Benediktiner David Steindl-Rast. Einen der bedeutendsten lebenden Mystiker: Die Entwicklung der Menschheit geht einher mit zunehmender Unabhängigkeit, aber auch mit wachsender Vereinzelung. Es ist notwendig, die erlangte Freiheit mit einer Verbundenheit mit Menschen, Tieren und Lebewesen zu kombinieren.

Fürchte dich nicht - die Botschaft der Engel in der Heiligen Nacht. Furcht verursacht nach David Steindl-Rast, dass der Mensch in der Angst steckenbleibt. Das Vertrauen ist sozusagen das Schmieröl. So kann laut Martin Becker der Weihnachtsgottesdienst in den Gotteshäusern als Schmieröl für den Friedensprozess in Politik und Gesellschaft verstanden werden.

Martin Becker fehlt das laut widersprechende Potenzial der Kirche

Immer wieder erhebt Martin Becker seine kritische Stimme. Ihm persönlich sind die vorgetragenen Predigttexte im Advent zu „lau“. Kirche sei zu staatskonform. Becker fehlt das kritische, laut widersprechende Potenzial der christlichen Kirchen.

„Klar, als ich vom Angriff Russlands auf die Ukraine hörte, dachte ich zuerst an Dietrich Bonhoeffer und seine Rechtfertigung eines Tyrannen-Mordes während des Dritten Reiches an Adolf Hitler. Doch dann beschäftigte ich mich intensiv mit Vorträgen von Eugen Drewermann und kam ins Nachdenken.“

Eugen Drewermann (* 20. Juni 1940 in Bergkamen) ist ein deutscher Theologe, Psychoanalytiker und Schriftsteller. Als suspendierter römisch-katholischer Priester ist er 2005 aus der Kirche ausgetreten. Drewermann ist ein wichtiger Vertreter der tiefenpsychologischen Exegese und als kirchenkritischer Publizist tätig. Als prominentes Mitglied der Friedensbewegung tritt er regelmäßig als Redner auf Demonstrationen in Erscheinung und wirbt in seinen Vorträgen für ein friedliches Zusammenleben sowie eine gewaltfreie Völkerverständigung.

Martin Becker wünscht sich eine Kirche, die einen Gegenpol zur herrschenden und damit beherrschenden Meinung in Politik und Medien hat. Mehr Widerspruch, Friedensfantasie und Friedensvision. Eine Kirche, die die ukrainisch-russische Friedensbewegung thematisiert, unterstützt und in Verbindung bringt, eine Kirche, die über die Wehrdienstverweigerer in beiden Ländern berichtet, für sie betet und sich mit ihnen solidarisiert und ebenso die Aktion der St. Petersburger Soldatenmütter publiziert.

All das ist Martin Becker noch zu leise, zu wenig. Becker fürchtet eine unheilvolle Allianz von „Thron und Altar“. Er möchte keine Bestätigung derzeitiger Politik bzw. Sprache, sondern das Aufzeigen und Ringen um einen Weg zum Frieden. Motto: „Wer Frieden will, muss mit dem Feind reden.“

Martin Becker erinnert sich an US-Präsident Ronald Reagan, der die Sowjetunion als ein „Reich des Bösen“ bezeichnet hatte. Nachdenklichkeit sei angesagt. Becker erinnert an die NATO-Erweiterung von 16 auf 30 Mitglieder, die Russland als klare Bedrohung sieht. Michael Gorbatschow habe 1989 vorgeschlagen, Gesamteuropa zu demilitarisieren. Die Kirche sollte dies Vision aufnehmen.

Becker meint: „Die Kirchen feiern Advent und Weihnachten. Erinnern an Jesus. Vor 2000 Jahren erwarteten die Menschen in Palästina einen starken Herrscher, der die römischen Besatzer vertreibt. Und was kam? Ein Zimmermannsohn aus einer Stadt mit schlechtem Ruf, auf dem Arbeitstier der Armen reitend. Dazu als Kind geboren, in einer Futterkrippe liegend. Vor ihm fielen die Heiligen Drei Könige auf die Knie. Vor einem Kind, einem Säugling, einem verletzbaren Wesen! Jesus führt die Weisung des Propheten Sacharja aus: Frieden kommt durch einseitige Abrüstung, die Bogen zerbrechen und die Kriegswagen verbrennen.“

Krieg und Frieden ist auch im Welzheimer Wald ein beherrschendes Thema. Der Beginn des Ukraine-Kriegs hat im Welzheimer Friedensgebet seine Spuren hinterlassen. Wir sprachen darüber mit Prädikant Martin Becker von der evangelischen Kirchengemeinde, der das Friedensgebet in der St.-Gallus-Kirche leitet.

Das Kyrie (die Bitte um Gottes Gegenwart und Erbarmen) wird im Friedensgebet nun mit einer ukrainischen Melodie gesungen, vor der Kirche brennt während des Friedensgebets ein

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