Welzheim

Gemeinschaftliches Garten- und Anbauprojekt

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Judith Wolff-Kranixfeld, Kamila und Pinahas Premakumar, Nsunda Mvezo-Wamenga, Petra Baader sowie Ilse Sihler (von links) auf dem idyllischen, wenn auch relativ steilen Grundstück, das sie zur essbaren Stadt gemacht haben. Birgit Wolf (rechts) betreut das Projekt als Leiterin der städtischen Koordinationsstelle bürgerschaftliches Engagement. © Jörg Fiedler
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Pinahas Premakumar ist gerade dabei, die Tomaten zu gießen, die ein Schutzdach bekommen haben. Foto: J. Fiedler

Murrhardt. Die englische Stadt Todmorden hat es 2008 vorgemacht und ein Konzept für Ernährung und mehr Miteinander in der Stadt umgesetzt, in Deutschland hat Andernach zwei Jahre später nachgezogen. Seither haben sich die Idee und gemeinschaftliche Garten- und Anbauprojekte im urbanen Raum im wahrsten Sinne des Wortes verbreitet. Auch in Murrhardt entstand vor drei Jahren eine Initiative essbare Stadt. Die aktuellen Mitstreiter berichten.

Gleich hinter dem Parkplatz an der Murrhardter Festhalle liegt sie, die essbare Stadt: Ein kleines Holztörchen ist der Eingang zum Grundstück des Projekts. Auf schmalen, steilen Wegen geht es den Hang hinauf. Ilse Sihler zeigt auf die in der Erde versenkten Steine, die sie zur Stabilisation eingebracht hat. Das Grundstück lag vor Projektbeginn längere Zeit im Dornröschenschlaf, wurde nicht mehr bewirtschaftet. „Wir haben eine Brombeer-Brennnessel-Wildnis hier angetroffen, mussten das Grundstück erst einmal wieder urbar machen“, erzählt sie.

Konzept beim Work and Travel kennengelernt

Judith Wolff-Kranixfeld hat in ihrem Korb ihre aktuelle Ausbeute versammelt: Mirabellen, Brombeeren und Pflaumen. Bei Letzteren gab es dieses Jahr eine regelrechte Schwemme, unter dem Baum auf der mittleren Ebene verströmen die abgefallenen Früchte einen schweren Duft wie im Obstmostkeller.

„Ich hab solch ein Konzept das erste Mal auf La Palma beim Work and Travel kennengelernt“, erzählt Petra Baader und nennt Andernach als deutsches Vorbild. Die Idee von öffentlich zugänglichen, gemeinschaftlich bestellten Gärten und Flächen beispielsweise im Park und der Möglichkeit, einfach mal „zum Naschen loszuziehen und sich ein paar Kirschen vom Baum zu pflücken“, ließ sie nicht mehr los. „Ich dachte dann, wir sollten so etwas auch in Murrhardt haben, und bin auf Birgit Wolf von der Koordinationsstelle bürgerschaftliches Engagement zugegangen.“

Mehr Menschen sollen wieder lernen, wie man etwas selbst anbaut

Ihre Initiative trug Früchte: Die Stadtverwaltung stellte 2015 das Grundstück zur Verfügung und die Koordinationsstelle bürgerschaftliches Engagement kümmerte sich um eine Projektunterstützung des Landes mit einer kleinen Anschubfinanzierung für Pflanzen, Saatgut, Materialien, Geräte und Fachvorträge. „Dahinter steht ja auch die Überlegung, dass wieder mehr Menschen lernen, wie man etwas selbst anbaut, und so zu mehr Selbstversorgung beitragen können“, sagt Birgit Wolf.

Ein Gemeinschaftsgarten ist deshalb wichtig, weil nicht jeder über ein eigenes Grundstück mit Garten verfügt. Das trifft auch auf Mitglieder der Gruppe zu. „Wir haben schon längere Zeit nach einer Möglichkeit gesucht“, erzählt Kamila Premakumar. Über Mathias Hategekimana hat sie vom Projekt erfahren und ist dazugestoßen. „Ich habe bereits Bohnen oder auch Kürbisse angepflanzt. Kürbisse gedeihen hier sehr gut.“ Von den anderen kann sie sich den einen oder anderen Tipp abholen.

So viel wie möglich verwerten

Auch ihr Sohn kommt oft mit in den Garten. „Ich finde das Konzept gut, bei einer reichhaltigen Ernte, die Dinge gemeinschaftlich aufzuteilen, dass so viel wie möglich verwertet werden kann und so wenig wie möglich verloren geht“, sagt Pinahas Premakumar. Nach seinem Abitur denkt er nun über ein Studium, möglicherweise Medizin, nach, aber solange er noch in Murrhardt und ganz in der Nähe wohnt, hilft er gern auf dem Grundstück.

„Als Gesundheits- und Ernährungsberaterin ist eines meiner Lieblingsthemen hier Wildkräuter und ihre vielen wertvollen Inhaltsstoffe“, sagt Judith Wolff-Kranixfeld. Durch die Waldnähe gedeihen auch Beeren sehr gut.

Auf einem Schild steht „Echsenhaus, bitte nicht stören“

Eigentlich hatte Ilse Sihler dieses Jahr auf eine besonders ertragreiche Erdbeerernte gehofft, doch durch die Trockenheit und Hitze sind viele Pflanzen vertrocknet. Die machen der essbaren Stadt auch deshalb zu schaffen, weil es auf dem Grundstück keinen Wasseranschluss gibt und die Regentonnen schon lange leer stehen. Bei Not leistet der Geflügel- und Kaninchenzuchtverein Murrhardt gleich nebenan Nachbarschaftshilfe, wo sich die Gruppe Wasser holen kann, aber eine langfristige Lösung wäre wünschenswert.

Nicht so sehr unter der Hitze leiden womöglich die gern gesehenen Mitbewohner, denen Ilse Sihler ein Extraplätzchen unter einem Steinhaufen und trockenem Material eingerichtet hat. „Echsenhaus, bitte nicht stören“ steht auf einem Schild daneben. Die Seniorin legt großen Wert darauf, mit der Natur Hand in Hand zu arbeiten. Beispiele sind, sich davon leiten zu lassen, welche Pflanzen sich wo ansiedeln und so einen guten Standort für ihre Art und Verwandte anzeigen, keine Pflanzenschutzmittel zu verwenden und – ganz konkret – Schnecken aufzusammeln oder auf ihre natürlichen Feinde zu setzen.

Weniger Chemie, mehr Natur

Mathias Hategekimana nickt. „Ich finde es auch gut, ohne Chemie und mit der Natur zu arbeiten“, sagt er. In Ruanda, wo er aufgewachsen ist, gehörte die Landwirtschaft ganz selbstverständlich dazu, war Ernährerin. Mit Nsunda Mvezo-Wamenga, der aus dem Kongo kommt, hat er ein kleines Experiment gestartet und weiter oben im Garten Amarant angepflanzt. „Es hat gut funktioniert“, meint er. Gegessen werden die feinkörnigen Samen, aber auch die Blätter können verwertet werden, wie Judith Wolff-Kranixfeld erläutert.

Ilse Sihler gibt zu bedenken, dass man mit relativ weit gereisten Nutzpflanzen etwas vorsichtig umgehen sollte („Das Stichwort lautet hier Neophyten“), setzt lieber auf alte Sorten aus der Region. Aber Petra Baader merkt dazu an, dass letztlich auch die Kartoffel und der Mais einmal von weither ins Land kamen, auf die heute keiner gern verzichten würde. Beide wachsen ebenfalls auf dem Gelände, genauso wie weitere Klassiker – Tomaten, Zucchini oder Bohnen.

Neugierige sind willkommen

Trotz Hitze wirkt der Garten noch vergleichsweise grün, was auch die Obstbäume und bewusst stehen gelassene Rückzugsbereiche für Wildpflanzen und Kleintiere bedingen. Welche Flächen wie genutzt werden, spricht die Gruppe ab – Neugierige und Interessierte sind willkommen.

„Ich komme einfach auch gerne her, um mit Mathias im Garten zu arbeiten, es ist schön, sich zu sehen“, sagt Nsunda Mvezo-Wamenga.

Auch das ist kein ganz unwichtiger Aspekt des Projekts.


Leitgedanken

Grundsätzliches: Essbare Stadt nennen sich verschiedene Projekte, die den Anbau von Lebensmitteln, teils mit Tierhaltung, im urbanen Raum zum Ziel haben. In (Groß-)Städten werden aufgrund des Mangels an Flächen teils auch Balkone, Wände und Dachflächen sowie Parks genutzt. Zum Konzept gehört, dass die Trennung von Produktion und Vertrieb der Lebensmittel, also auch zwischen Produzenten und Konsumenten aufgehoben wird.

Konzeptionelles: Die essbare Stadt Kassel beispielsweise nennt als Ziele ihres Konzepts unter anderem, die Anpassungsfähigkeit der Stadt und ihres Umlands an sich verändernde globale Bedingungen wie Klimawandel und Energiearmut zu fördern, eine vielfältige Nahrungsmittelproduktion zu unterstützen, den lokalen und regionalen Selbstversorgeranteil zu erhöhen, Nutzungsstrukturen für Pflege, Ernte und Verteilung abseits der üblichen marktwirtschaftlichen Verwertung zu entwickeln sowie gartenbauliche und Erzeugnis verarbeitende Kulturtechniken zu vermitteln.

Die essbare Stadt Murrhardt: Als wichtige, zentrale Aspekte gelten – der Garten steht allen offen, es wird demokratisch abgestimmt, freies biologisches Garteln, die Engagierten lernen voneinander; weitere Ziele sind eine Kultur des Schenkens mit Verantwortung und Rücksicht sowie ein achtsamer Umgang mit Menschen, Tieren, Pflanzen und Werkzeug.

Ansprechpartnerinnen für das Projekt essbare Stadt in Murrhardt sind Birgit Wolf von der Koordinationsstelle bürgerschaftliches Engagement, Telefon 07192/93 58 16, E-Mail: buergerengagement@murrhardt.de sowie Petra Baader, E-Mail petra.baader1@web.de.