Welzheim

Gute Milch gibt es nur mit glücklichen Kühen, auch in Welzheim und Alfdorf

MilchbauerWaibel
Bei Waibels in Brech haben die Kühe genug Frischluft und Bewegungsfreiheit. © Gaby Schneider

Kaum ein anderes Lebensmittel prägte den landwirtschaftlichen Strukturwandel in den letzten Jahrzehnten so wie die heimische Milch. In unzähligen Formen und Varianten kennt man sie: Von Voll-, Fettarm- und Mager- bis hin zu Frisch- oder H-Milch ist sie im Kühlregal nicht mehr wegzudenken. Doch wie wichtig ist Milch für die Ernährung und reicht die heimische Milch aus, um die Menschen vor Ort zu versorgen? Und geht es auch noch regionaler?

Zwei Betriebe erzählen von ihren heimischen Milchautomaten und warum man als Verbraucher im Supermarkt doch ein bisschen genauer schauen sollte. „Wenn eine Kuh gerade beim Melken im Roboter war, erhält man an unserem Milchautomat im besten Fall eine eine Minute alte Milch“, schwärmt Daniel Waibel aus Pfahlbronn-Brech. Der gelernte Landwirtschaftsmeister ist ein echter Naturbursche und führt, nachdem sein Vater 2010 starb, den landwirtschaftlichen Betrieb mit seiner Mutter Elke Waibel. Ein fachspezifischer Mitarbeiter ergänzt das Familien-Team in Brech, das sich auf die regionale Milchproduktion spezialisiert hat.

Milchflasche mitbringen und dann einfach auffüllen lasen

Ein großer Teil dieser Produktion geht an die Molkerei, ein kleiner Teil wird im hofeigenen Milchautomat zum Verkauf angeboten. „Donnerstags hat meine Mutter ihren Hofladen offen und es gibt zudem eigene Backwaren wie unser Bauernbrot, Körnerbrot, aber auch Salzkuchen, Hefezopf oder Nusszopf“, beschreibt Waibel das hofeigene Angebotssortiment. Der Milchautomat von Familie Waibel ist ein fester Bestandteil des täglichen Ablaufs und hängt direkt am Milchtank dran. Wenn nun ein Kunde seine Milchflasche drunterstellt, Geld einwirft und den Startknopf drückt, startet die Abfüllung. Die Milchflasche sollte man selbst mitbringen oder im anderen Automaten nebenan kaufen. Man erwirbt diese dann einmal und kann sie dann Hunderte Male danach wiederverwenden. „Wenn man dann auf den Startknopf drückt, kommt Milch aus dem Milchtank, gekühlt auf vier Grad, frisch heraus“, fachsimpelt Milchkenner Waibel. Von 6 bis 22 Uhr ist der Milchautomat täglich geöffnet, da in der Nacht das Milchauto kommt.

Der Pfahlbronner Technikfreak Andreas Lohrmann konstruierte zudem den Automaten und stellte parallel daneben einen Verkaufsautomaten für Produkte von Direktvermarktern aus der Region auf. So kann die Wertschöpfung direkt, via heimischen Automaten, zwischen Produzent und Kunde angeboten werden.

Frische und unbehandelte Milch schmeckt anders als die Milch aus dem Supermarkt

Warum sollte man jedoch gerade seine Milch kaufen? Waibel weist darauf hin, dass seine Milch frisch und unbehandelt ist, zudem nicht verarbeitet. Außerdem kann sie mit einem Fettgehalt von stolzen vier Prozent aufweisen, was ein gutes Naturprodukt unterstreichen kann. „Sie schmeckt anders, mir persönlich besser und viele Kunden berichten das sie diese unbehandelte Milch einfach besser vertragen“, verteidigt der Milchfachmann sein heimisches Produkt. Seine Milch ist so gut wie ausschließlich regional produziert, das Futter kommt hier aus der Region und die Herstellungskette ist zudem komplett genfrei. Daniel Waibel beruhigt alle Verbraucher, auch und gerade im Hinblick auf die oft komplexe Weltlage: Der Brecher Landwirt sieht auch zukünftig keinerlei Engpässe in der heimischen Milchversorgung. Die Natur sei inklusive reichlich Grünland vorhanden und dieser simple Fakt trägt hierzu wesentlich bei. Waibels Wunsch wäre, dass die Menschen sich öfters hinterfragen, woher ihre Produkte kommen, und vor allem, „was drin ist“. Der Milchlandwirt hat hierzu ein schönes Beispiel im Gepäck: Eine Frau war bei ihm und schwärmte, dass sie sich heute mal was richtig Gutes getan und sich eine Soja-Milch gegönnt habe. Als er sie fragte, ob sie gelesen hätte, was in der Soja-Milch alles drin ist und wo diese herkommt, verneinte sie es. Beim Nachfragen: „Ob sie ihm erklären kann, was daran jetzt besser ist als an seiner Milch, wusste sie nimmer was sagen“, erzählt der Brecher Fachmann. „Klar ist Gesundheit und Herkunft gerade in aller Munde, aber letztendlich hinterfragen die wenigsten, wo ihre Lebensmittel herkommen und wie diese produziert werden“, sorgt sich Waibel und rät allen Verbrauchern: „Mal darauf zu achten, welchen Nährwert ihre Lebensmittel haben und was letztendlich wirklich drinsteckt.“

Auf die Frage, ob Waibel von der Gesundheit seiner Milch überzeugt ist, kontert er mit einem klaren „Ja“ und fügt hinzu: „Man weiß allgemein, dass Bauernhofkinder gesünder sind, gerade wegen der Produkte und da sie viel an der frischen Luft sind, sprich auch mal mit Dreck in Verbindung kommen.“ Den Milchverkauf darf er übrigens nur machen, da er Direktmilch anbietet, denn wenn er sie selbst in Flaschen füllen würde, müsste er sie schon wieder erhitzen.

Was macht nun eine Kuh glücklich? Der Stall des Brecher Milchbetriebs ist groß und lichtdurchflutet, die Kühe haben zudem massig Raum. „Früher dachte man, man muss einen Stall haben, der ringsum zu ist, dass es die Tiere im Winter nicht friert. Mittlerweile ist diese Meinung überholt, da die Tiere bei 15 Grad bereits schwitzen und es ihnen zu heiß wird. Im Gegensatz dazu sind den Kühen Temperaturen bis minus 15 Grad egal“, erklärt Waibel fachmännisch.

Seine Erklärung wird dadurch gestützt, dass viele Ställe mittlerweile offen sind und der Luftaustausch für die Gesundheit der Tiere ständig gegeben sein sollte. Das kann laut neuesten Erkenntnissen die Gesundheit der Kühe durchaus fördern. Waibels Tiere haben zudem ihre eigenen eingestreuten Liegeboxen, was ein ähnliches Feeling herstell, wie das draußen auf der Weide. Sein Schluss-Plädoyer, dass die Haltung maßgeblich einen Einfluss auf die Qualität der Milch hat, lautet wie folgt: „Wenn es der Kuh gutgeht, kommt auch gute Milch raus!“

Nur wenn es den Kühen gutgeht, ist eine genießbare Milch vorhanden

Warum aber ist es so wichtig, dass es überhaupt noch regionale Milch gibt? Auf diese Frage hat Gerda Vogel, vom Demeter-Hof Vogel in Welzheim-Eberhardsweiler, eine passende Antwort parat: „Unsere Kühe sind im Sommer auf der Weide, parallel bekommen die Tiere dann ausschließlich einheimisches Grünfutter – was nicht selbstverständlich ist“, erklärt die Vollblut-Landwirtin, die mit Sohn Martin und Ehemann Gerhard Vogel den landwirtschaftlichen Familienbetrieb, im Herzen des Welzheimer Waldes, leitet. Seit mehreren Generationen pflegt Familie Vogel ihre Philosophie von der Vermarktung gesunder Lebensmittel und das mit vollem Einsatz. Deshalb ließen sie sich, bereits vor über einem Jahrzehnt „demeter-zertifizieren“. Was bedeutet, eine der strengsten kontrollierten Auflagen in Deutschland einzuhalten, und bei Vogels wird diese Demeter-Verordung überwacht, gelebt und eingehalten. Seit fast 100 Jahren nimmt der Verband Demeter als Öko-Pionier die Qualitätsführerschaft im Bio-Bereich für sich in Anspruch, was der Qualität der Lebensmittel ebenso zugutekommt wie auch der Umwelt.

Das Eberhardsweiler-Team, bestehend aus insgesamt fünf Leuten, steht voll dahinter und kümmert sich zudem liebevoll um den eigenen Hofladen. Dort findet man Backwaren aus der eigenen Hofbäckerei, Eier, Wurst- und Fleischwaren der eigenen Rinder und Hohenloher-Schweine, nebst Obst und Gemüse im Sortiment. Die Milch kann man natürlich auch vor Ort – als Rohmilch – kaufen, am Automaten mit mitgebrachter Flasche. Am aktuell neu aufgestellten Verkaufsautomaten bietet Familie Vogel neuerdings alle Hof-Produkte (Gemüse, Kartoffeln, Fleisch) sogar 24 Stunden an. EC-Karte und Bargeld sind hier einsetzbar. Auf die Frage, ob die Milch-Versorgung im Welzheimer Wald auch zukünftig gewährleistet bleibt, hat Gerda Vogel eine ähnliche Antwort wie ihr Berufskollege im Gepäck: dass einfach genügend Grünland zur regionalen Herstellung vorhanden sei. „Milch ist ein Lebensmittel für uns alle, es sind sehr wertvolle Nährstoffe drin wie zum Beispiel Calcium“, erläutert die Eberhardsweilerin und ergänzt: „Die daraus hergestellten Produkte wie Joghurt und Quark sind überall vielseitig einsetzbar“. Der Demeter-Hof geht sogar noch einen Schritt weiter: Vogels Kälber bekommen drei Monate Vollmilch, bedeutet kein Austausch von der Kuh-Mutter-Milch. Man nimmt es ihr wirklich ab: Gerda Vogel lebt ihre Passion! „Ich mag keine Margarine, bei mir gehört einfach 'ne echte Butter aufs Brot!“, sagt Vogel noch mit einem verschmitzten Lächeln.

Der Tanklaster holt alle zwei Tage die frische Milch ab

Der Tanklaster holt alle zwei Tage morgens die Rohmilch. Vier, acht oder zehn Kühe laufen in den Melkstand rein und das Melkzeug wird von Hand hingehängt. Die Milch wird im Tank gesammelt, das heißt, bei einer Abholung sind somit regulär vier Melkzeiten im Tank vorhanden. Die Fachfrau erinnert sich, dass es früher eine eigene Welzheimer Molkerei gab, die jedoch in den 70ern eingestellt wurde. Heute gibt es im Welzheimer Raum keine Molkerei mehr, da die Milchverarbeitung nebst Struktur heute einfach größer ist, heißt: Im gesamten Remstal gibt es keine größere Milchverarbeitung mehr. Die nächste Molkerei ist in Schwäbisch Hall und die Milch von Familie Vogel geht an eine Molkerei in Schrotzberg. Diese füllt Frischmilch ab und veredelt Produkte wie Kefir, Quark, Naturjoghurt, Fruchtjoghurt oder Butter.

Warum steht der Familienbetrieb jedoch – nach wie vor – hinter der regionalen Milcherzeugung? Gerda Vogel mag den Geschmack von guter Milch, ihr bekommt die Milch laut eigener Einschätzung gut und das heimische Produkt ist in der Verarbeitung vielseitig einsetzbar. Sie legt parallel allen Kindergruppen, Kindergärten und Schulen ans Herz, einfach mal vorbeizukommen und sich den Demeter-Hof, nach voriger Anmeldung, auch mal live anzuschauen. Und Gerda Vogel lächelt nochmals übers gesamte Gesicht, als sie zum Ende des Interviews alle Interessierten mit folgenden Worten einlädt: „Dass die Kinder auch mal sehen, wie echte Kühe aussehen.“

Kaum ein anderes Lebensmittel prägte den landwirtschaftlichen Strukturwandel in den letzten Jahrzehnten so wie die heimische Milch. In unzähligen Formen und Varianten kennt man sie: Von Voll-, Fettarm- und Mager- bis hin zu Frisch- oder H-Milch ist sie im Kühlregal nicht mehr wegzudenken. Doch wie wichtig ist Milch für die Ernährung und reicht die heimische Milch aus, um die Menschen vor Ort zu versorgen? Und geht es auch noch regionaler?

Zwei Betriebe erzählen von ihren heimischen

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