Welzheim

Kommt der Wolf in den Rems-Murr-Kreis?

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Im Rems-Murr-Kreis gibt es noch keine bestätigte Wolfsichtung. Dass vereinzelt Tiere den Schwäbischen Wald durchstreiften, ist aber nicht auszuschließen, wie die Karte zeigt. © Pixabay (Public Domain CC0)

Welzheim. In Baden-Württemberg ist der Wolf schon präsent. Vermutlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der erste Wolf auch im Rems-Murr-Kreis gesichtet wird.

Hans-Joachim Bek, Leiter des Forstreviers Reichenberg beim Landratsamt Rems-Murr, schließt nicht aus, dass ein Wolf bei seinen Wanderungen bereits durch den schwäbischen Wald kam, ohne entdeckt worden zu sein. Bek sagt aber auch: „Wir sind noch weit weg davon, dass sich ein Rudel hier etabliert, aber es kann auch hier passieren.“ Bek ist Wildtierbeauftragter des Landkreises und auf das Thema Wolf spezialisiert.

Seit er 2010 zu der Tätigkeit des Wildtierbeauftragten berufen wurde, hat Bek vier verendete Haustiere begutachtet, bei denen ein Wildtierriss vermutet wurde. Der Verdacht, dass ein Wolf am Werk war, konnte in keinem Fall bestätigt werden. „Es waren Füchse, die ein bereits verendetes Tier angeschnitten und gefressen haben“, sagt Bek. Er ist die „Hand vor Ort“ für die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg im Bereich der Wildtierökologie. Wird ein getötetes Tier mit Bissspuren eines Großtieres aufgefunden, rückt Bek aus, nimmt Speichelproben und sendet sie ans FVA. Wölfe lassen sich außerdem durch ihre Spuren und ihren Kot (Losung) nachweisen.

Obgleich derzeit keine Wolfsspuren für den Rems-Murr-Kreis vorliegen, sei denkbar, dass ein Wolf bereits den Schwäbischen Wald durchquert hat. „Die Streifgebiete der Wölfe sind riesig, ein Territorium in Mitteleuropa umfasst 100 bis 350 Quadratkilometer“, so Bek. 100 Quadratkilometer entsprechen 10 000 Fußballfeldern. Im Rems-Murr-Kreis (860 Quadratkilometer) biete der Wald als potenzieller Lebensraum 336 Quadratkilometer Fläche und damit theoretisch ausreichend Platz für ein Rudel.

Der Wolf ist bei der Wahl seiner Lebensräume nicht wählerisch

Bis bei uns ein Paar ihr Plätzchen mit ausreichend Nahrung und Rückzugsmöglichkeiten zur Aufzucht der Jungen findet, wird es nach Beks Auskunft allerdings noch dauern. Dennoch gehen Biologen von einer Ausbreitung aus. Wolfspopulationen entwickeln sich schnell, vorausgesetzt, Lebensraum und Beuteangebot setzen keine Grenzen und es kommt nicht zu Verkehrsverlusten, Abschüssen und Vergiftungen. Für die Ansiedelung des Wolfs bei uns spreche ferner seine gute Anpassungsfähigkeit, er sei bei der Wahl seiner Lebensräume nicht wählerisch, so Förster Bek. Der Schwäbische Wald sei auf jeden Fall eine Option.

Eine Karte bestätigter Verbreitungsgebiete von der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes (DBBW) zum Thema Wolf zeigt Wolfsnachweise in den Ebenen Norddeutschlands und Niedersachsens, doch kommen sie auch mit anderen Räumen zurecht. „Sie sind nicht örtlich gebunden und können sich arrangieren“, so Bek weiter. Seit dem Jahr 2000 besiedelt der Wolf wieder Deutschland.

Der Nabu berichtet, dass er in jedem Bundesland mit Ausnahme des Saarlandes nachgewiesen wurde. Das erste Rudel gründete sich demnach in Ostsachsen, die Elterntiere stammten aus Nordostpolen. Auf 61 Wolfsrudel - ein Rudel zu je acht Tieren - und neun Paare soll die Population laut Nabu inzwischen angewachsen sein (Stand April 2017). In Baden-Württemberg konnten fünf Wölfe nachgewiesen werden. Bek zufolge wurde ein Wolf auf der Autobahn bei Lahr überfahren, ein weiterer bei Merklingen. Beide Tiere kamen aus der Schweiz. Von einem dritten Wolf existiert ein Videonachweis auf der Bahr im Schwarzwald, sein Aufenthaltsort ist unbekannt. Ein viertes Exemplar wurde mehrfach fotografiert, von einem Unbekannten erschossen und in den Schluchsee geworfen, auf den Schützen können bis zu fünf Jahre Haft warten. Von einem fünften Wolf stammen Rissfunde in Widdern bei Heilbronn und Bad Wildbad; er stammt laut Genanalyse wie der Wolf vom Schluchsee aus Niedersachsen. Bek warnt aber vor Aufregung und Panik: „Wir werden nicht in den nächsten zwei Jahren mehrere Rudel hier haben.“

Wobei die Vorstellungen großer Wolfsrudel für Bek ohnehin in den Bereich der (Wolfs-) Märchen gehören. In Deutschland seien „höchstens Kleinfamilien“ unterwegs. Der Nabu definiert ein Rudel als „Elternpaar, Welpen des aktuellen Jahrgangs und die noch nicht abgewanderten Jungtiere des Vorjahres“. Große Rudel wie in Naturfilmen gezeigt kämen in Kanada vor. Dort raffen sich die Wölfe bei der Jagd zusammen, da sie Großtiere wie Elche oder Büffel im Gegensatz zu Rehen hierzulande nur gemeinschaftlich jagen können.

Ebenfalls mythenumrankt seien Geschichten tödlicher Wolfsattacken auf den Menschen, erklärt Bek. Sie seien äußerst selten. Unkalkulierbare Risiken gingen höchstens von neugierigen Jungtieren sowie von futterkonditionierten (habituierten) Wölfen aus. Immer wieder komme es vor, dass Menschen Wölfe anfüttern, etwa um sie zu filmen. Die Erfahrungen mit „MT6“, der schließlich erschossen wurde, zeigten die Konsequenz einer menschlichen Einmischung. MT6 schuf laut Wikipedia einen „Präzedenzfall bei dem Umgang mit Wölfen in Deutschland“ und war „die erste gezielte legale Tötung seit der Wiedereinwanderung der Tiere“. Er wurde getötet, weil er offenbar futterkonditioniert war.

Wölfe sollten niemals an Futter gewöhnt werden: „Ein Wolf mit der Prägung „Mensch gibt Futter“ kann zu einem Sicherheitsrisiko werden“, so Bek. Im kanadischen Saskatchewan hatte ein Tier seine natürliche Scheu abgelegt, nachdem er über Monate hinweg an menschliche Nahrung gewöhnt wurde. 2005 soll dort ein junger Bergwerksarbeiter in der Nähe einer Mülldeponie getötet worden sein. Wolfszone.de berichtet von einer erwachsenen Joggerin in Alaska, die 2010 einem Wolf zum Opfer fiel.

„Der Wolf ist scheu. Er hat kein Interesse an uns“

Hierzulande sei aber die Wahrscheinlichkeit höher, „von einem Wildschwein angegriffen zu werden als von einem Wolf“, sagt Bek. Dass er uns auf einem gut befahrenen Radweg, einem geschotterten Waldweg oder beim Joggen über den Weg läuft, sei höchst unwahrscheinlich. Die Bestandszunahme der einst ausgerotteten Tierart löst dennoch gemischte Gefühle aus. Der Märchenmythos vom „bösen fremden Tier“ beherrsche vielmals das Denken und Fühlen, sagt Bek, der rät, nicht in Panik zu verfallen. „Der Wolf ist scheu. Er hat kein Interesse an uns, wir entsprechen überhaupt nicht seinem Beuteschema.“

Wolfsforscher und Wildbiologe Ulrich Wotschikowsky informiert, dass sich Wölfe überwiegend (90 Prozent) von Huftieren ernähren. Eine Kotanalyse des Senckenbergmuseums hat für den Analysezeitraum zwischen 2001 und 2016 anhand 6581 untersuchter Proben ermittelt, dass Haustiere wie Schafe und Ziegen mit lediglich 1,1 Prozent ins Gewicht fallen. „Natürlich ist es für denjenigen, den es betrifft, ein schlimmer Verlust“, sagt Bek. Betroffene Nutztierhalter können Entschädigung beantragen. Bestätigt ein Wildtierbeauftragter anhand eines Rissgutachtens, dass das Tier von einem Wolf gerissen wurde, gibt es nach Fördermittelregeln des Landes und dem Managementplan „Wolf“ einen Ersatz für tote Tiere. Forderungen, ihn abzuschießen, liefen ins Leere, denn, so Bek, der Wolf zählt nach dem europäischen Naturschutzrecht zu den streng geschützten Arten. Wer einen Wolf erschießt, begeht eine Straftat.

Verbreitungsgebiet: Der Wolf, der Ende November in Bad Wildbad im Landkreis Calw drei Schafe gerissen hat, stammt vermutlich aus dem Rudel bei Schneverdingen in Niedersachsen. Dies teilte das baden-württembergische Umweltministerium mit Bezug auf gefundene Speichelproben mit.

Seit dem Jahr 2000 lassen sich zwei Routen des Wolfs ausmachen: Es gibt die sogenannte Flachlandpopulation, die aus den Balkanländern in Richtung Deutschland gewandert ist, und die italienische Population, die über die Schweiz eingewandert ist. Bei Schaffhausen und auch im Elsass wurden Wölfe mit Reproduktionen gemeldet. Fast alle Wölfe, die in Deutschland gesichtet wurden, stammen nach Auskunft des Wildtierbeauftragten Hans-Joachim Bek aus dem Calandarudel.

Große Streifgebiete: Der Wildbiologe und Wolfexperte Ulrich Wotschikowsky führt auf seiner Webseite woelfeindeutschland.de Bewegungsradien besenderter Wölfe auf, deren Wanderschaft sie über mehrere Hundert Kilometer von ihrem Geburtsort wegführen kann. Jungwölfe aus Sachsen sollen bis in den Norden Dänemarks über 700 Kilometer und bis nach Weißrussland über 1500 Kilometer weit gewandert sein. Ein Wolf aus dem sogenannten „Ueckermünder Rudel“ in Mecklenburg-Vorpommern hat Wotschikowsky zufolge 600 Kilometer bis in die Niederlande zurückgelegt.

Wildtierbeauftragter: In jedem Landkreis ist ein Wildtierbeauftragter tätig. Einmal jährlich treffen sich die Wildtierbeauftragten zum Erfahrungs- und Wissensaustausch. Ihre Erkenntnisse verwalten sie in der Datenbank der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg. Seit 2010 die Wildtierbeauftragten in den Landkreisen berufen wurden, traten die Managementpläne „Wolf“ des Umweltministeriums in Kraft. Mit ihnen wurde eine wichtige Grundlage für den Umgang mit dem Wolf geschaffen.