Welzheim

Lockdown für die Gastronomie, Kneipen, Bars und Hotels: Fehlt klare Linie in der Corona-Krise?

Annamaria Galante
Kaffee und Kuchen zum Mitnehmen - „to go“ - kann Annamaria Galante anbieten, an diesem Sonntag zum zweiten Mal. © Markus Metzger

Die To-go-Gastronomie feiert Urständ in diesen Zeiten des erneuten coronabedingten Lockdowns, selbstredend auch in und um Welzheim. Restaurants und Gaststätten sind geschlossen, ein Gutteil von ihnen versucht, über die Runden zu kommen und einen Teil der Fixkosten wenigstens dadurch abzudecken, dass sie ihren Kunden Essen zum Mitnehmen oder auch Gutscheine anbieten, die im Vertrauen auf bessere Zeiten eingelöst werden können.

Bernhard Drixler, der Geschäftsführer des Naturparks Schwäbisch-Fränkischer Wald, räumt ein, dass auch er und sein Wirkungsbereich indirekt vom erneuten Lockdown und den dadurch entstandenen Problemen für die Gastronomie betroffen sei. Selbstverständlich leide der ganze Naturpark und bleibe es nicht ohne Wirkung auf dessen Attraktivität, wenn zum nächsten Frühjahr ein Teil der Betriebe geschlossen bliebe, weil sie in derart unruhiges Fahrwasser geraten seien, dass ein Weiterbestehen nicht mehr möglich sei. Und selbstverständlich lasse es niemanden unberührt, wenn Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren oder ihre wirtschaftliche Existenz in Gefahr gerate.

Lockdown darf für die Gastronomie nicht verlängert werden

Wolfgang Hudelmaier von der Alfdorfer Gaststätte Hagerwaldsee hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es am Ende doch noch gut ausgehen wird. Der Lockdown dürfe allerdings nicht zu lange dauern, „sonst wird es richtig schlimm“. Die Reservierungen der Stammkunden, Vereine und Betriebe für die Vorweihnachtszeit seien bereits alle storniert worden, dies sei ein finanzielles Loch, das nicht ausgeglichen werden könne. Und dass er über die Feiertage öffnen dürfe, daran könne er auch nicht wirklich glauben.

Auch wenn die Saison im Sommer und Herbst recht zufriedenstellend verlaufen sei, habe sie dennoch nicht annähernd die Einnahmenverluste ausgleichen können, die aufgrund der langen Durststrecke im Frühjahr entstanden sind. Und wenn er nun sonntags Essen zum Abholen gegen Vorbestellung anbiete, dann sei dies zwar wenigstens eine kleine Erleichterung, aber letztendlich auch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Eine zusätzliche Belastung sei, dass im Hinblick auf die staatlichen Subventionen nach wie vor keine klaren Verhältnisse herrschten. Zwar habe er einen sehr guten Steuerberater, der stets am Ball bleibe und die Entwicklung verfolge, aber was letztendlich besser greife und den Betroffenen mehr helfe, die Stabilisierungshilfe des Landes oder die Überbrückungshilfe des Bundes, dies stelle wiederum eine Wissenschaft für sich dar.

„Es sind schwere Zeiten für uns alle“

Froh sei er, dass er einen Steuerberater habe, denn ohne Steuerberater, Steuerbevollmächtigten, Rechtsanwalt, Wirtschaftsprüfer oder vereidigten Buchprüfer könne ja weder das eine noch das andere beantragt werden. Und woher solle man so einen nehmen, wenn alle überlastet sind, keine neuen Kunden annehmen, man selber eine leere Kasse habe und nicht wisse, wie hoch am Ende die Subvention ausfallen werde?

Pessimistisch gibt sich auch Volker Reich, der Eigentümer des „Hotels Reich“ und Restaurants „Himmelreich“ am Ebnisee. Beide seien im Zuge des Lockdowns geschlossen; im Hotel hätte er zwar weiter Gäste aufnehmen dürfen, die geschäftlich unterwegs sind, aber bei zwei, drei Übernachtungen mache dies keinen Sinn, schließlich müssten auch zwei Gäste von Personal betreut werden. Um seine Mitarbeiter mache er sich besonders Sorgen, denn auch in Zeiten von Kurzarbeit hätten Arbeitnehmer und deren Angehörige für hundert Prozent ihrer Verpflichtungen aufzukommen, nicht für 65 oder 70 Prozent.

Wer dann noch eine Wohnung oder ein Haus abzuzahlen habe, der finde sich sehr schnell in existenziellen Schwierigkeiten wieder. „Es sind schwere Zeiten für uns alle“, so Reich, „aber wer über keine Rücklagen verfügt, wer über keine privaten Mittel verfügt, auf die er zurückgreifen kann, für den wird es eine Katastrophe werden. Deren Folgen werden erst im kommenden Jahr richtig spürbar, wenn uns alle eine Insolvenzwelle überrollt.“

„Meine Hotels sind für mich wie Kinder“

Skeptisch zeigt sich Reich auch hinsichtlich der in Aussicht gestellten staatlichen Entschädigungen: Es sei zwar im Augenblick Mode, Versprechungen zu machen und Schulden aufzunehmen, aber ihm fehle der Glaube. „Der Staat spricht von zehn Milliarden, die er großzügig verteilen will, um Kritiker mundtot zu machen, aber mein Steuerberater sagt mir, es gibt noch nicht einmal die Formulare, die notwendig sind, um die entsprechenden Anträge zu stellen.

Wann wie viel tatsächlich zur Auszahlung kommt und aus welchen Töpfen das Geld genommen werden soll, das steht noch in den Sternen“, so Reich. Eigentlich wäre das Hotel am Ebnisee bis Mitte 2021 bereits ausgebucht gewesen, bedauert er, aber nun wisse er nicht einmal, wann er es wieder aufmachen dürfe. Er glaube kaum, dass dies noch in diesem Jahr geschehen werde. „Hier werden Gesetze ausgehebelt, zulasten von Bürgern und Wirtschaft“, kritisiert Reich. „Meine Hotels sind für mich wie Kinder“, gibt er sich dann versöhnlich, „sie kosten mich ständig viel Geld und bringen nichts ein. Aber ich hänge an ihnen.“

Es findet kein direkter Kundenverkehr mehr statt

Wenig zuversichtlich klingt es auch, wenn man sich telefonisch an das Restaurant Café Molina der Laufenmühle wendet. Per Bandansage erfährt man, dass Restaurant, Erfahrungsfeld und auch die Kaffeerösterei bis 6. Februar geschlossen sind; Weihnachtsüberraschungen, Gutscheine und Kaffee könnten allerdings über die Homepage bestellt werden.

Welzheimer nutzen den Abholservice sehr gut

In der Kaffeerösterei, ist von Norbert Bali am Telefon zu erfahren, sei man inzwischen aber mehr oder weniger gewöhnt an die Situation: Maske, Hygienemaßnahmen, Abstand, darauf achte man selbstverständlich auch und gerade bei den Betreuten; die würden allerdings den direkten Körperkontakt, die Berührungen und täglichen Umarmungen, besonders schmerzlich vermissen. Kaffeeausschank gebe es schon seit der 1. Welle nicht mehr, direkter Kundenverkehr finde keiner mehr statt: man bereite die Bestellungen vor, damit sie einfach nur abgeholt werden könnten, oder verschicke sie.

Natürlich habe sich der Umsatz verringert, dadurch, dass Restaurants und manche Kantinen geschlossen seien, aber dafür hätten die Bestellungen von Privatpersonen, die sich im Augenblick im Home-Office befinden, merklich zugenommen. So oder so, man lasse sich die Freude an der Arbeit nicht nehmen. Mit am schlimmsten hat es zweifellos Annamaria Galante erwischt, die Chefin und gute Seele des „Westkastells“.

Der Abholservice lief etwas schleppend an - aber auf die Kunden ist Verlass

Nachdem sie das Café im März eröffnet hatte, kam nach nur einer Woche der erste Lockdown wie ein Schlag mit dem Vorschlaghammer. Geöffnet hatte sie dann von Mai bis Oktober, und kaum dass die Liebhaber leckerer Kuchen und Torten sich an den Weg zu ihr gewöhnt haben, ist nun wieder geschlossen. Aber es nutze nichts, zu jammern und zu verzweifeln, meint sie, man müsse weiterhin positiv denken und dürfe sich auch die gute Laune nicht verderben lassen.

Kaffee und Kuchen zum Mitnehmen - „to go“ - könne sie nun anbieten, an diesem Sonntag zum zweiten Mal. Die Welzheimer seien am letzten Sonntag ein derart wunderbares und solidarisches Publikum gewesen, bereits um halb vier seien sie ausverkauft gewesen. Dieses Mal sei sie besser vorbereitet, verspricht sie. Die Torten, Kuchen und Zwiebelkuchen seien wie gewohnt frisch gemacht und mit sehr viel Liebe zubereitet.


Vincenzo Sollazzo von der Pizzeria Ionio ist nicht unzufrieden, wenn er die Zahlen seines Betriebes über das laufende Jahr hinweg betrachtet. Natürlich, räumt er ein, habe der Lockdown im Frühjahr wirtschaftlich gesehen einen großen Schaden angerichtet, April und Mai seien wichtige Monate, aber durch den Biergarten habe er wenigstens den Sommer nutzen können. Auch habe das Ionio dank seines hervorragenden Rufs Stammkunden von Backnang und Schorndorf bis Schwäbisch Gmünd; dies helfe, das Restaurant auch durch schwierige Zeiten sicher zu navigieren. Der Abholservice, auf den man sich nun wieder stütze, sei wohl etwas schleppend angelaufen, aber auf die Kunden sei letztendlich Verlass. Viel bedenklicher sei allerdings, dass allmählich das ganze Umfeld zu kippen beginne.

Wichtige Welzheimer Firmen hätten Kurzarbeit angemeldet, nicht nur die Gastronomie, der ganze lokale Einzelhandel im Ort leide unter Corona, und unter den Menschen breite sich immer mehr eine fast depressive Stimmung aus. Sie seien erschöpft, hätten „von Corona die Schnauze voll“, nachdem sie nach den traumatischen Erfahrungen des Frühjahrs in dieser dunklen Jahreszeit, in der man sich sowieso verstärkt nach Ruhe, Geborgenheit und Wärme sehne, erneut in einen Lockdown gestürzt wurden. Es sei ihm klar, dass politische Entscheidungen getroffen wurden, die nicht jedem gefallen haben, von denen er aber annehme, dass sie notwendig gewesen sind. Es hätte den Menschen vielleicht geholfen und es ihnen leichter gemacht, sie zu akzeptieren, wenn die Kommunikation besser gewesen und in diesen Maßnahmen eine eindeutige Linie erkennbar gewesen wäre.

Großer Zusammenhalt und viel gelebte Solidarität

Philip Köngeter ist kein Gastronom und arbeitet auch nicht im Hotelgewerbe. Aber als Gemeinderat liegt ihm das Geschick der Stadt und der Menschen besonders am Herzen, und bereits während des ersten Lockdowns im Frühjahr hat er eine Reihe von Aktionen mit angestoßen, die über Welzheim hinaus beispielhaft gewirkt haben. „Welzheim zeigt sich auch in diesem Herbst solidarisch und ist auch für diesen zweiten, hoffentlich kurzen Lockdown gut aufgestellt“, betont Köngeter.

So hatte die aufs Neue aktivierte Homepage „welzheim-gegen-corona.de“ allein in den ersten sieben Tagen über 600 Zugriffe. Dies zeige, dass die Welzheimer ihre Gastronomie nicht im Stich ließen. Und so gut wie alle Teilnehmer vom Frühjahr seien jetzt wieder mit dabei. Wichtig sei, die Menschen über die sozialen Medien zu ermuntern, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten in den Restaurants ihre Essen zu holen und einen gemeinsamen Abend daheim zu verbringen.

Und diese Solidarität sollten sie nicht nur der Gastronomie gegenüber erweisen, sondern auch anderen, vom Lockdown betroffenen Branchen, wie den Fitnessstudios oder auch den Vereinen. Auch ihnen müsse man die Treue halten und wenn möglich weiter die Beiträge bezahlen. Es würden jetzt sehr viele Fördermittel und auch Kurzarbeitergeld zu den Betroffenen fließen, so dass man bis ins Jahr 2021 warten muss, um zu sehen, welche wirtschaftlichen Folgen die Corona-Pandemie haben wird. Er gehe davon aus, dass im Moment vieles übertrieben werde.

Landrat, Bürgermeister und Gemeinderäte leisteten im Rems-Murr-Kreis eine hervorragende Arbeit. Wichtig sei, gemeinsam durchzuhalten, an die Maßnahmen zu glauben und wie schon im Frühjahr gemeinsam an einem Strang zu ziehen. „Wir Welzheimer haben bewiesen, dass wir das können“, so Köngeter.

Die To-go-Gastronomie feiert Urständ in diesen Zeiten des erneuten coronabedingten Lockdowns, selbstredend auch in und um Welzheim. Restaurants und Gaststätten sind geschlossen, ein Gutteil von ihnen versucht, über die Runden zu kommen und einen Teil der Fixkosten wenigstens dadurch abzudecken, dass sie ihren Kunden Essen zum Mitnehmen oder auch Gutscheine anbieten, die im Vertrauen auf bessere Zeiten eingelöst werden können.

Bernhard Drixler, der Geschäftsführer des Naturparks

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