Welzheim

Märchen als Nahrung für die Seele: Armin Rauser über Erzählungen aus der Ukraine

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Armin Rauser tauchte mit seinen Zuhörern im Erfahrungsfeld der Sinne ein in die Märchenwelt der Ukraine. © Gabriel Habermann

Märchen können grausam sein, sie gehen aber immer gut aus. „Aus aktuellem Anlass“, wie es Armin Rauser formulierte, führte er im Erfahrungsfeld der Sinne an der Laufenmühle in Welzheim die Zuhörer in die Märchenwelt der Ukraine ein. Abseits des aktuellen Kriegsgeschehens ermöglichte so der Erzähler einen neuen Blick auf das Land.

Die Ukraine hat eine sehr alte Erzählkultur, die über Jahrhunderte erzählten Märchen und Fabeln sind jedoch erst sehr spät schriftlich fixiert worden.

Inhalte der Märchen überschreiten die Grenzen der Politik

Ihre Inhalte haben aber immer schon Grenzen überschritten und halten sich nicht an die Grenzen, die die Politik setzt: So finden sich Motive aus ukrainischen Märchen heute auch im Polnischen wieder oder auch im deutschen „Aschenputtel“. Oder bis auf die Philippinen oder noch spannender: Es ist nicht klar, ob George Lucas, als er sich den Meister Yoda ausdachte, vom ukrainischen Och wusste, er wurde ihm jedoch sehr ähnlich.

Eine ukrainische Geschichte

Ein Vater war besorgt über seinen Sohn Wanja, der nicht lernen wollte. Also schickte er ihn hinaus und ging mit ihm weit hinaus in den Wald. Nach der langen Wanderung schmerzten dem Vater die Füße und er setzte sich mit einem „Och, tun mir die Beine weh“ hin. Da tauchte ein sonderbarer Mann auf. „Du hast mich gerufen?“ Was der Vater nicht wusste: Vor ihm stand der Zauberer Och. Ein Wort gab das andere, schließlich wurde man sich einig, dass der Sohn zunächst ein Jahr lang bei ihm in die Lehre ging. Ein Jahr später am selben Treffpunkt: Der Zauberer steht vor zehn Hasen. Welcher der Hasen ist der Sohn? Der Vater weiß es nicht.

Ein Jahr später dasselbe Spiel. Doch der Sohn, diesmal als Rebhuhn verzaubert, gibt seinem Vater heimlich einen Tipp für das nächste Jahr. Beim dritten und letzten Versuch hat der Vater den Sohn erkannt und bekommt ihn frei. Am Markttag verzaubert sich der Sohn, der ja nun das Handwerk seines Lehrmeisters beherrscht, zu einem schwarzen Hengst, um so einen guten Erlös aus dem Verkauf des Tieres erzielen zu können.

Nach weiteren Wagnissen kommt der Vater nach Hause, doch dort sitzt schon sein Sohn am Tisch mit der Mutter. Mit dem Erlös aus dem Pferdeverkauf kann die Familie nun glücklich weiterleben. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute.

Die Grundmotive sind im ganzen slawischen Raum verbreitet

Die Grundmotive der Märchen sind im ganzen slawischen Raum verbreitet. Besonders bei ukrainischen Märchen ist, dass Witz, List oder der berüchtigte Schalk im Nacken immer wieder die ersehnte Wende bringen.

Sie - und Klugheit sowie Fleiß zählen mehr als Schönheit. Das ist ein entscheidender Unterschied zu den Märchen, wie wir sie kennen, denn in deutschen Märchen zählt Schönheit als Schlüssel zum Erfolg. Der Königssohn befreit die Schöne und heiratet sie, damit sie seinen Ruf mehrt und abgesichert ist.

Bis zum Einfall der Kosaken gab es in der Ukraine stark matriarchalische Strukturen, Erbe, Besitz und Verantwortung gingen von der Mutter auf die Tochter über, nicht auf den Sohn. Somit zählten Tüchtigkeit, Fleiß und Arbeit auch hier mehr als Schönheit. Das zeigt sich zum Beispiel im „Aschenputtel“. Ansonsten finden Naturkräfte, Feen, helfende Wesen immer einen Platz im ukrainischen Märchen.

Gutes und Böses sind immer in einem Wesen vereint - das „nur Gute“ oder „nur Böse“, was besiegt werden muss, gibt es nicht.

Seelische Begegnung mit der Kultur eines anderen Landes

Armin Rauser möchte mit den Märchenerzählungen eine seelische Begegnung mit der Kultur und den Menschen der Ukraine schaffen - jenseits von allen Schreckensnachrichten, jenseits vom Intellekt. Eine fühlbare seelische Verbindung entsteht über das Zuhören. Märchen wirken im Innern noch lange nach und sind manchmal ein Schlüsselerlebnis für eigene Erfahrungen im Leben und neue Erkenntnisse daraus. Armin Rauser: „Märchen sind Nahrung für die Seele“.

Die Titel der vorgetragenen Märchen lauteten: „Treu und Falsch“; „Der Gerber Kirilo“ und „Vom Zauberer Och“. Als Abschlussschmankerl gab es noch „Großvater Jegorijs lustige Streiche“.

Grausamkeiten und bittere Armut

Sehr grausam geht es zu bei „Treu und Falsch“. Ein reicher und ein armer Bruder sind sich uneins, ob die Eigenschaften „treu und ehrlich“ eine Zukunft haben. Die beiden schließen eine Wette und starten eine kleine Umfrage. Falsch und Trug machen das Rennen, der arme Bruder muss sein letztes Hab und Gut dem reichen Bruder vermachen, weil er die Wette verloren hat, so war er sich sicher, dass „treu und ehrlich“ siegen würden.

Der arme Bruder mit Frau und Kindern ist nun bettelarm, er hat gar nichts mehr, nicht einmal Essen und Trinken. In der Not geht er zu seinem reichen Bruder. Gib mir dein Auge, dann bekommst du Korn. In der Not willigt der Arme ein. Und so geht es weiter. Der arme Bruder ist blind, irrt irgendwann im Wald herum und übernachtet auf einer Eiche. Um Mitternacht kommen die bösen Geister, die viel Unheil auf der Welt angerichtet haben, und berichten ihrem Oberhaupt von ihren Taten. Vom Obermeister erfahren die Zuhörenden, darunter auch der blinde Bruder, der nicht entdeckt wird, wie diese Wunden geheilt werden können. Mit dem Tau der Eiche, auf die Augenhöhlen gestrichen, kann der Blinde wieder sehen. So kann er auch der blinden Königstochter helfen und wird für seine guten Taten reich beschenkt. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute glücklich und zufrieden weiter.

Armin Rauser hat einen großen Märchenschatz gesammelt

Armin Rauser schöpft aus einer riesigen Märchen-Bibliothek und erzählt seit 1986 Märchen. Nun tut er es auf Wunsch neben seinen offenen und buchbaren Angeboten im Eins und Alles, Erfahrungsfeld der Sinne auch gern im Rahmen von Benefizveranstaltungen für Groß und Klein zugunsten der Ukraine.

Märchen können grausam sein, sie gehen aber immer gut aus. „Aus aktuellem Anlass“, wie es Armin Rauser formulierte, führte er im Erfahrungsfeld der Sinne an der Laufenmühle in Welzheim die Zuhörer in die Märchenwelt der Ukraine ein. Abseits des aktuellen Kriegsgeschehens ermöglichte so der Erzähler einen neuen Blick auf das Land.

Die Ukraine hat eine sehr alte Erzählkultur, die über Jahrhunderte erzählten Märchen und Fabeln sind jedoch erst sehr spät schriftlich fixiert

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