Welzheim

Neues Konzept gegen Elterntaxis

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Laufbus-Schild mit den vier Füßen am Feuersee. Das Schild hat der Verkehrsclub Deutschland entworfen. Dort hat sich Vanina Freiwald informiert. © Siekmann

Welzheim. Gemeinsam zur Schule laufen. Das ist das Ziel einer Eltern-Initiative um Vanina Freiwald. Sie hat den „Laufbus“ ins Leben gerufen: Kinder treffen sich morgens an ausgeschilderten Laufbus-Haltestellen und gehen gemeinsam zur Schule. Mindestens ein Erwachsener kann die jüngsten Kinder, bald werden die Erstklässler eingeschult, begleiten und aufpassen. Die Kinder sollen fit bleiben, plaudern und vor allem das morgendliche Verkehrschaos am Schulzentrum entzerren. Im neuen Schuljahr sollen sie den Laufbus nehmen.

Video: Eine Eltern-Initiative hat einen "Laufbus" für Schüler entwickelt.

Wir treffen Vanina Freiwald an der Laufbus-Haltestelle am Feuersee. Die Elterbeiratsvorsitzende der Bürgfeld-Gemeinschaftsschule hat ihre Kinder dabei. Till freut sich darauf, bald die erste Klasse zu besuchen. Seine Schwester Iara ist älter. Sie geht bald in die fünfte Klasse. „Geht“ ist wörtlich gemeint. Auch Till soll zur Schule gehen. Darauf legen Vater und Mutter Wert. Iara und Till haben einen langen Schulweg, da ihre Familie am Rande von Welzheim wohnt. Einige Straßen müssen überquert werden. Bei Iara lief das so ab: Mama oder Papa begleiteten sie im ersten Schuljahr auf dem langen Schulweg. Dort trafen sie andere Kinder. Aus dem Spaziergang zur Schule wurde eine Art Kinder-Polonaise, weil sich an verschiedenen Stationen kleine Fußgänger der Gruppe anschlossen. Bald sprachen sich die Familien ab. Es reiche ja, wenn ein Erwachsener mitkommt. Als Iara und Co. jung waren, ging mindestens ein Vater oder eine Mutter mit. Erst gingen die Großen vor, sicherten alles ab, gaben Hinweise. Im Laufe der Zeit sollten die Kinder das Kommando übernehmen, selbstständig werden und Verantwortung übernehmen. Denn die Eltern wollten nicht immer dabei sein. Das hat bei Iara gut geklappt. Bei Till wollen sie das Projekt eine Nummer größer starten. Der Laufbus soll möglichst viele Kinder, vor allem die Erstklässler, mitnehmen.

Warum Eltern ihre Kinder zur Schule bringen

Die engagierten Eltern gingen das Thema akribisch an. Fragebögen wurden verteilt. Am Schulzentrum haben sie gefragt, warum viele ihren Nachwuchs mit dem Auto bringen. Der Fußweg sei zu lang, um das Kind alleine laufen zu lassen, hielten einige Eltern fest. Andere gaben an, ihre Kinder bei Regen zu fahren. Vor allem das Thema Sicherheit (Unfallgefahr, Schutz vor Belästigung, gefährliche Strecken) wurde von vier von zehn Eltern genannt. Andere zählten auch Bequemlichkeit auf. Die Idee des Laufbusses nahm Gestalt an: Kinder sollen gemeinsam und sicher zur Schule gehen. Dann können sie sich über die vergangenen Erlebnisse austauschen, sich bereits auf dem Weg auspowern, einen frischen Kopf kriegen, Sauerstoff und Sonne tanken. Und gefahrlos zur Schule laufen. Gesagt, getan.

Stadt aufgeteilt und sichere Wege erprobt

Der Elternbeirat nahm Kontakt zu den Schulen, in diesem Fall erst zur Bürgfeldschule, und zur Stadtverwaltung auf. Die fanden die Idee klasse. Gemeinsam schauten sie sich Stadtpläne von Welzheim an.

Die Eltern teilten das Stadt- und Schulweggebiet in sechs Blöcke ein. Es wurde überlegt, wo Laufbus-Haltestellen Sinn machen. Nach und nach entstand ein ganzes Netz von Punkten. Dann sind sie die Wege, jeden einzelnen, abgegangen, haben nach gefährlichen Stellen Ausschau gehalten und den ruhigsten und sichersten Weg erprobt, optimiert. „Wir haben den besten Weg gesucht“, sagt Vanina Freiwald. Kriterien waren Zebrastreifen, Bürgersteige, Verkehrsaufkommen, Überblick et cetera. Der Vollzugsangestellte der Stadt, Kai-Olaf Müller, wurde als Experte ebenfalls ins Boot geholt. Er kennt Straßen, Kreuzungen und Gefahrenstellen.

Wer mitläuft, wird über das Smartphone organisiert

Nach vielen Wochen und Monaten wurde der Plan finalisiert. Flyer wurden gedruckt. Die werden nun an den Schulen verteilt. Bei Elternabenden sollen die Eltern über diese besondere Schulwegempfehlung informiert werden. Die sollen sich, beispielsweise klassenweise, absprechen, wer wann welche Route übernehmen kann. Das könnten sie über Listen und das Smartphone organisieren. Bestenfalls finden sich drei, vier Personen für eine Route. Anfangs soll immer ein Elternteil dabei sein, um die Sicherheit garantieren zu können. Wenn dauerhaft Bedarf bestehe, könnten die Eltern das auch langfristig organisieren. Wann die Kinder bestenfalls morgens an der Laufbus-Haltestelle warten, werde sich ergeben.

Kinder sollen laufen wollen

Ihr Projekt soll wachsen, selbstverständlich werden, damit die Kinder diese Art des Schulwegs schnell akzeptieren: „Die sollen von sich selbst sagen: ‚Ich will laufen!‘“, wünscht sich Vanina Freiwald. Die entsprechenden Laufbus-Schilder hat die Stadt bereits anbringen lassen. Die Verwaltung hat die Kosten für die Flyer übernommen.

Vanina Freiwald wiederholt: Es sei wichtig, dass Kinder zur Schule laufen, damit sie entspannt und ausgeglichen seien. „Ich hoffe, dass es wirkt und die Kinder es wollen. Die Eltern sollen es wahrnehmen.“

Tochter Iara ist stolz, zu Fuß zur Schule zu laufen

Tochter Iara ist stolz, dass sie die knapp 40- minütige Strecke, Erstklässler-Beine sind kurz, auch bei schlechtem Wetter gegangen ist. Einige Monate hätten ihre Eltern sie begleitet, bis sie sich sicher gefühlt hätte, die Strecke alleine bewerkstelligen zu können. „Es war für mich immer so, dass Kinder zu Fuß zur Schule gehen sollten“ – auch um als Eltern morgens weniger Stress zu haben, sagt Mutter Vanina offen.

Fahrgemeinschaften bei starkem Regen

Und wenn es doch stark regnet? Dann können Eltern auch mal das Auto nehmen – aber nicht bis zur Mensa durchfahren, sondern vorher anhalten. Und dann soll es pro Laufbus-Gruppe nur ein, oder zwei Autos geben – nicht fünf oder sechs, schließlich würden sich die Eltern ja kennen, hat Vanina Freiwald die Sache zu Ende gedacht. Und mit dem Rad zur Schule? Gerne. Aber da müsste ja erst die Fahrradprüfung abgelegt werden. Und die finde nicht im ersten Schuljahr statt. Letzte Frage: Auch in der Nähe des Schulzentrums soll es Haltestellen geben. Warum? „Alle sollen mitmachen, keiner soll sich ausgegrenzt fühlen“.


Ein Wunsch für die Schorndorfer Straße

„Leider werden zu viele Kinder zur Schule gebracht“, meint Vanina Freiwald. Sie stört es, dass an manchen Tagen zu viele Autos am Schulzentrum fahren und es für die Kinder gefährlich werden kann. Passiert sei zum Glück noch nichts. Ein weiterer Wunsch ist es, dass die Gegend mehr beruhigt wird, beispielsweise durch Barrieren oder Huckel. Die Sanierung der Schorndorfer Straße habe den Schulweg sicherer gemacht. Doch sie wünscht sich, dass dort Tempo 30 gelten sollte.