Welzheim

Rettungshundestaffel Rems-Murr: Spurensuche durch Matsch und Schnee

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Hundestaffel
Das Such-Training bei Schnee ist besonders schwierig: Die Tiere müssen sich zum normalen Suchen auf ganz neue Verhältnisse einstellen. © Schlegel
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Hundestaffel
Sabine Nägele mit Hund Ivo vom Mittsommernachtshof. © Schlegel

Welzheimer Wald. Der Bewohner eines Seniorenheims will sich abends die Beine vertreten, findet im Dunkeln nicht mehr zurück, er trägt nur ein Nachthemd und benötigt dringend seine Medikamente. Die Polizei wird alarmiert. Finden sie die vermisste Person nicht, kommen Rettungshunde zum Einsatz: ein Fall für den „Bundesverband für Rettungshunde“, zu dem auch die Rettungshundestaffel Rems-Murr gehört.

Im Video erklärt Susanne Tismer, Leistungsrichterin beim Bundesverband Rettungshunde BRH, den Ablauf der Übung.

Niedlich sehen sie aus, wenn sie ihre Hundeschnauzen in den noch einige Zentimeter hohen Schnee graben und nach irgendetwas für uns Menschen Unriechbarem und Unsichtbarem wühlen. Die neun Hunde der Rettungshundestaffel Rems-Murr tapsen putzmunter mit den Pfoten über die weiße Oberfläche. Das kindliche Herumtollen endet schlagartig, als ihnen der Hundeführer Glöckchen und Kenndecke anlegt - ihre „Arbeitskleidung“. „Die Hunde wissen, dass Schluss mit lustig ist und sie was schaffen dürfen“, erklärt Hundeführerin Sabine Nägele.

Zweibeiner sind bereits outdoorerprobt

Wir folgen den Vierbeinern durch den Schnee, der bereits ins sülzig-rutschige Matschstadium hinübergeschmolzen ist. Während die Hunde leichtpfotig vorwärts trippeln, kämpfen sich die Zweibeiner outdoorerprobt, aber mühsam mit dicken Schneehosen über den weichen Untergrund, in dem die Bergschuhe immer wieder einsinken.

Baghira macht brav „Sitz“, obwohl alles in ihr nachvollziehbarerweise sofort dem „Fresschen“ nachstellen will, das ihr die Hundeführerin gezeigt hat. Geduldig lässt sie sich die Arbeitskleidung überziehen. Die Hündin weiß: Es geht nicht los, bevor sie sich hinsetzt. Sabine Nägele geht zu ihr in die Hocke. Eine Art „Auf die Plätze, fertig, los“ für Hunde. Sie streckt die rechte Hand waagrecht nach vorne, die Hündin schaut in die angezeigte Richtung. Ihre angespannte Körperhaltung zeigt: Sie ist ganz heiß aufs Suchen im kalten Schnee. „Sie freut sich auf die Übung, aber muss warten, bis ich ihr das Kommando gebe“, erklärt sie das Startritual. Auf „Such’“ prescht die Hündin davon. „Geh’ arbeiten“ heißt das. Sie liebt den Befehl, denn flink biegt sie ins Unterholz ab, verschwindet laubraschelnd im Dickicht - und weg ist sie. Die Glöckchen sind die einzigen akustischen Zeichen, die dem Hundeführer bei der Suche helfen. Darum darf kein Hund ohne Geschirr den Weg verlassen und in den Wald ausscheren.

Um vermisste Personen im Wald aufzuspüren, werden die Hunde regelmäßig trainiert. Zwei bis drei Jahre dauert eine Ausbildung, bis der Hund in den Einsatz geht. Wie bei Menschen gibt es den eher phlegmatischen genügsamen Coach Potatoe und den agilen und schaffigen Workaholic. Die knapp einjährige Hündin Baghira, das „Küken“ in der Truppe, habe zusätzlich das Hüten für sich entdeckt, berichtet die Hundeführerin. „Sie ist unter Strom und muss ständig raus und sich bewegen.“ Anders ihr Kollege, der fünfeinhalbjährige Ivo: „Der ist bereits mit dem Rettungshundeln und etwas Agility rundum zufrieden.“ Die Beziehung zwischen Mensch und Hund basiert auf Vertrauen und Kenntnis. „Es sind alles unsere Privathunde, die mit uns abends auf dem Sofa liegen und mit uns in Urlaub fahren.“ Rettungshunde haben eine „gute Kinderstube“ genossen und Benimmregeln drauf. „Er hat so viel Körperbeherrschung, dass er nicht in die Personen hineinspringt, weil sie im Ernstfall hilfsbedürftig sind und Angst haben“, so Nägele. Für die Einsatzhelfer ist es wichtig, den Ausbildungsstand und Besonderheiten des Hundes zu kennen. „Wenn ein Hund nicht ganz fit ist, weisen wir ihm eine kleinere Parzelle zu, die geländegängigen und belastbaren Hunde übernehmen die größeren.“ Arbeitsteilung auf Rettungshündisch.

Baghira spitzt putzmunter und aufmerksam die Öhrchen. Ihr entgeht nicht, dass ihre „Chefin“ in die Jackentasche greift, einen gelben Ball und eine Plastikdose mit Futter herausnimmt und es erneut einer Kollegin mitgibt. Das Spielzeug, das fiept wie ein Quietscheentchen, bannt wie ein magischer Magnet Baghiras Aufmerksamkeit. „Sie weiß, dass ich ihr Belohnerle weggegeben habe und dass es sich lohnt, zu suchen, denn da gibt es etwas zu finden.“ Bevor die Ungestüme ein weiteres Mal losstromern darf, bekommt sie die Instruktion für eine sogenannte „Lenkübung“. Das Kommando „Voran“ signalisiert ihr: „Geh’ in diese Richtung, die ich dir zeige.“

Beides, das freie und geführte Suchen, ist wichtig. „Im Einsatz können wir den Hund nicht in jeden Winkel begleiten, er benötigt eigene kreative Einfälle, wo er suchen kann“, erläutert die Hundeführerin. In der Ausbildung lernen die Hunde auch, Wege zu laufen, auf denen sie schwer vorankommen und sich ducken müssen. Wenn die Menschen bei Dunkelheit nichts sehen, müssen die Hunde ohne Anleitung klarkommen - und der Mensch muss sich auf ihren Spürsinn verlassen können. Teamarbeit ist überlebenswichtig. Zugleich muss der Hund ansprechbar und „lenkbar“ bleiben. „Es kann sein, dass wir ihn in einem schwierigen Gelände auf Gefahren hinweisen müssen.“

Nach einer halben Minute dringt Hundegebell aus dem Wald. Baghira zeigt in der Hundesprache: „Habe jemanden gefunden.“ „Prima, jawoll“, lobt Sabine Nägele und geht ihr entgegen - sie „abholen gehen“, sagen die Rettungshundeführer. Und endlich: Die Person, die Baghira zwischen den Bäumen ausfindig gemacht hat, gibt ihr das Quietsche-Bällchen fürs Eintreffen. Von der Hundeführerin winken der fleißigen Fährtenleserin zusätzlich kleine Stückchen von Saitenwürstchen und Gemüsefrikadellen. Die sie sich aber erst erbellen muss: „Sie soll 15-mal bellen, damit bittet sie um ihre Belohnung“, so Nägele, die ihrem Schützling liebe- und respektvoll über das glänzende schwarze Fell streicht. Ein schwarzes Energiebündel im Schnee, das wieder die Schnauze in den Schnee taucht, als wolle sie sagen: „Noch mal eine Runde.“ Sie ist richtig gut drauf. „Übungen mögen sie, es macht ihnen Spaß, zu laufen, zügig etwas zu finden und den Saitenwursthappen zu ergattern“, weiß Sabine Nägele. Im Einsatz könne das ganz anders aussehen, weil die Suche nicht immer so erfolgreich verläuft wie im Training.

Ausbildung konstant und mit festem Ziel

In der Ausbildung zum Rettungshundeteam ist es wichtig, dass Hund und Mensch langsam, aber konstant und mit festem Ziel vor Augen gefördert und gefordert werden. Sind die Ausbildungsschritte zu klein und zu langwierig, verlieren Mensch und Hund die Lust. Die Folge ist Frust. Bei zu großen Ausbildungsschritten, die zu viel auf einmal fordern, fehlen die Erfahrung und die Sicherheit, dass es im kleinen Schritt funktioniert hat. Das Team wird dann ebenfalls nicht glücklich. Ausbilder und Hundeführer müssen darum immer im Sinne des Hundes und zu dessen Wohl die Übung gestalten und seiner Ausbildung anpassen.

Der Hund lernt über Verknüpfungen. Vor jeder Suche bekommt er seine Kenndecke angezogen. Hundeführer und Hund stellen sich zum Startritual auf. Der Hund bekommt das Suchkommando, woraufhin er eine Versteckperson findet, die seine Belohnung hält. Der Hund hat gespeichert: Kenndecke = versteckte Person mit Spielzeug oder Leckerli. Nach vielen Wiederholungen reagiert der Hund schon, wenn er die Kenndecke angezogen bekommt. Er weiß, dass jemand versteckt ist, der seine Belohnung dabei hat. Schnee ist für die Hunde kein Hindernis. Die feinen Nasen sind besser ausgebildet als die Augen und nehmen auch durch eine Schneedecke hindurch die Fährte auf. Hunde müssen gegen den Wind laufen, um den Menschen zu finden. Das Übungsareal wird regelmäßig gewechselt, damit die Hunde sich die Verstecke nicht merken können und nicht „mental einrosten“.

24 Hunde

24 Hunde verschiedener Rassen gehören der Rettungshundestaffel Rems-Murr an, davon sieben geprüfte Rettungshunde. 17 Hunde sind in der Ausbildung.

Zu rund 15 Einsätzen im Rems-Murr-Kreis wurden sie 2015 gerufen.

Trainiert wird zweimal pro Woche. Auch die Theorieschulung mit Abschlusstest und das Üben mit den Hunden gehören dazu.

Insgesamt kommt ein Staffelmitglied bei regelmäßiger Übungsteilnahme auf 500 Stunden Rettungshundearbeit, die Einsätze nicht mitgezählt.

Sabine Nägele macht seit sechs Jahren Rettungshundearbeit und ist Vorstandsmitglied als Materialwart der Staffel, eine von fünf Ausbildern sowie Hundeführerin eines geprüften Rettungshundes (Luna, sieben Jahre). Ihr zweiter Rettungshund ist noch in der Ausbildung (Baghira, neun Monate). Im Einsatz unterstützt sie die Zugführer als eine von zwei Einsatzassistenten.