Welzheim

Seit 110 Jahren dampft der Zug nach Welzheim: Warum die Strecke die Baukunst herausgefordert hat

Waldbahn Kauffenmuhle Dampfzug
Das Viadukt Laufenmühle im Jahr 2013 noch vor der aufwendigen Sanierung. © Gabriel Habermann

2020 hatte die Schwäbische Waldbahn Jubiläum. Seit zehn Jahren dampft oder dieselt der historische Zug vom Wieslauftal den Berg hinaus. 2021 gibt es schon wieder ein Jubiläum zu begehen: Im November vor 110 Jahren wurde Welzheim an das öffentliche Eisenbahnnetz angeschlossen. Beide Jubiläen wurden und werden nicht gefeiert. Corona hat auch beim Zugverkehr seine Spuren hinterlassen.

Verspäteter Saisonstart für Mitte Juni geplant

Offizieller Saisonstart soll in diesem Jahr am Sonntag, 13. Juni, sein. Bereits am Samstag, 12. Juni, fährt ein Schlemmerexpress, der bereits ausverkauft ist. Im Jubiläumsjahr sind keine besonderen Veranstaltungen geplant, gleichwohl ist der bevorstehende Geburtstag ein Anlass für einen Rückblick.

Ende des 19. Jahrhunderts galt der Welzheimer Wald für den Verkehr als mangelhaft erschlossen. Welzheim war die letzte Oberamtsstadt im Königreich Württemberg ohne einen Bahnanschluss. Bereits seit 1861 fährt die Remstalbahn von Cannstatt über Schorndorf und Schwäbisch Gmünd nach Wasseralfingen.

Das Bemühen, Welzheim aus dem Verkehrsschatten zu holen, hält bis heute an. Die Politiker seinerzeit erhofften sich von einem Bahnanschluss einen wirtschaftlichen Aufschwung und Impulse für den Fremdenverkehr im Luftkurort. Eine Annahme, die nicht aus der Luft gegriffen war und sich später bestätigte.

Bereits 1908 wurde die „Tälesbahn“ eröffnet

Die Bauausführung wollten die Verantwortlichen zunächst der Württembergischen Eisenbahngesellschaft als privatem Betreiber überlassen, der Landtag entschied sich dann schließlich doch für einen Betrieb durch die Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen. Bereits 1908 wurde die „Tälesbahn“ bis Rudersberg eröffnet. Für die Bauarbeiter und Planer ergaben sich im unteren Abschnitt keine großen Probleme. Der zweite Abschnitt, die Bergstrecke bis Welzheim hingegen, forderte die Baukunst heraus.

Tief eingeschnittene Klingen mussten mit Brücken überwunden werden, an den Hängen drohten Rutschungen, denen mit Stützmauern begegnet wurde. Der Höhenunterschied von Rudersberg nach Welzheim beträgt 228 Meter. Die Steigung nach Welzheim fiel für die Bahn deshalb größer aus als bei der Geislinger Steige. Deshalb gilt die Welzheimer Bahn als Mittelgebirgsbahn. Igelsbachviadukt, Strümpfelbach- und Laufenmühleviadukt sind als imposante Bauwerke auch heute noch ein beliebtes Fotomotiv, vor allem, wenn der Dampfzug darüberfährt.

Am Anfang waren die Loks für die Bergstrecke zu schwach

Auf der Bergstrecke gab und gibt es für die Loks viel zu tun. Während in den Anfangsjahren die neuen württembergischen Lokomotiven T 3 auf der Talbahn noch ausreichten, erwiesen sie sich nach Eröffnung der Gesamtstrecke auf der Bergbahn mit knapp 300 PS als zu schwach. An Sonntagen waren die Züge so sehr überbesetzt, dass junge Leute auf den Wagendächern Platz suchten und Schlepptender-Lokomotiven als Vorspannloks aushelfen mussten. Anfang der 20er Jahre kamen dann die ab 1921 verfügbaren Esslinger Loks mit der deutlich höheren Leistung von rund 800 PS zum Einsatz. Zu Beginn der 1930er Jahre lieferte die Esslinger Maschinenfabrik Loks preußischer Bauart in Lizenzfertigung. Diese waren optimal für die starke Steigung der Wieslaufbahn geeignet und deshalb am längsten - bis 1962 - im Einsatz.

Bergstrecke wurde am 25. November 1911 eingeweiht

Am 25. November 1911 konnte die Bergstrecke eingeweiht werden. Dem hoffnungsvollen Beginn der Bahnfahrten folgte nach Ende des Zweiten Weltkrieges mit der beginnenden Motorisierung ein stetiger Abwärtstrend, dem die Deutsche Bahn in die Hände arbeitete. Die DB, das war offensichtlich, wollte die Strecke nicht nur stillegen, sondern auch loswerden. Es fuhren immer weniger Züge, die Pendler mussten da schon lange mit Bussen pendeln. Bis heute.

Als 1962 die Elektrifizierung Schorndorf erreichte, verschwanden auch die Wieslaufbahn-Dampfloks allmählich aus dem Tal. Reisezüge waren noch bis 1968 mit Aalener Loks Reihe 64 bespannt, Güterzüge bis 1971 mit Ulmer Schlepptender-Loks Reihe 50. Nur noch ein einziger Wendezug kam jetzt nachmittags nach Welzheim. Zu spät für die Schüler, zu früh für die Bauknechtarbeiter. 1976 wurde dieser „Geisterzug“ eingestellt und dafür der Güterzug am Vormittag um einen Reisewagen ergänzt.

Eine Rutschung bremste den Fahrbetrieb aus

Die fahrgastfeindliche Politik wurde auch nach Einführung der S-Bahn fortgesetzt und jede Chance für ein besseres Fahrangebot auf der Bahnstrecke zwischen Schorndorf und Welzheim versäumt. 1988 brachte ein Erdrutsch oberhalb des Grauhaldenhofes das Aus des Fahrbetriebs.

Auf verschiedenen politischen Ebenen - von der Kommune über den Landkreis bis zur Landesregierung - wurden die Möglichkeiten zur Rettung der Bahnstrecke ausgelotet und entsprechende Gutachten eingeholt. Es gründete sich der Förderverein Welzheimer Bahn, der sich bis heute mit vielen ehrenamtlichen Stunden für den Erhalt der Strecke einsetzt und bei den Entscheidungsträgern um eine Lösung rang. Im Jahr 1991 nahm der Landkreis Rems-Murr Kontakt auf mit der Deutschen Eisenbahngesellschaft, einer Trägerorganisation nicht bundeseigener Eisenbahnen, zu der auch die Württembergische Eisenbahngesellschaft (WEG) gehört. Die Ironie des Schicksals dabei: Die WEG hatte schon einmal zu Beginn des Jahrhunderts die Chance gehabt, die Strecke zu übernehmen. Damals entschieden die Politiker anders. Diesmal kam die WEG zum Zug.

Der Wiesel wurde zu einer Erfolgsgeschichte

Der Rems-Murr-Kreis, die Stadt Schorndorf und die Gemeinde Rudersberg gründeten im Dezember 1992 den Zweckverband Verkehrsverbund Wieslauftalbahn zur Übernahme der Bahnstrecke Schorndorf, Rudersberg, Welzheim. Seit der Sanierung der Talbahn sind die Triebwagen der Wieslauftalbahn ein vertrauter und willkommener Anblick. Die Erfolgsgeschichte ist bekannt, doch dies war für die Bergbahn noch keine Lösung.

Der damalige Welzheimer Bürgermeister Hermann Holzner schaffte es, dass dieser Abschnitt offiziell von der Bahn beziehungsweise dem Land nicht stillgelegt wurde, sondern nur der Bahnverkehr ruhte. Die Gleise blieben also drin und der Förderverein hatte viel zu tun, um immer wieder das Unkraut zu beseitigen.

Gräben, Drainagen und Durchlässe wurden wieder frei gemacht. Es war auch politisch ein langer und steiniger Weg, bis die Lösung Schwäbische Waldbahn als Museumsbahn umgesetzt werden konnte.

Im Sommer 2000 begannen die Bauarbeiten zur Wiederinbetriebnahme der Strecke. Am 8. Mai 2010 war es dann so weit: Die historischen Züge fahren endlich wieder durchs Wieslauftal nach Welzheim hinauf - und zwar mit Volldampf.

Heute möchte niemand mehr den Anblick der historischen Züge auf der landschaftlich reizvollen Strecke missen.

2020 hatte die Schwäbische Waldbahn Jubiläum. Seit zehn Jahren dampft oder dieselt der historische Zug vom Wieslauftal den Berg hinaus. 2021 gibt es schon wieder ein Jubiläum zu begehen: Im November vor 110 Jahren wurde Welzheim an das öffentliche Eisenbahnnetz angeschlossen. Beide Jubiläen wurden und werden nicht gefeiert. Corona hat auch beim Zugverkehr seine Spuren hinterlassen.

Verspäteter Saisonstart für Mitte Juni geplant

Offizieller Saisonstart soll in diesem Jahr am

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