Welzheim

So bekam Welzheim einen Tafelladen

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Dass hier bald ein Tafelladen eröffnen wird, ist dem tatkräftigen Einsatz dieser Welzheimer Herren zu verdanken (v.l.n.r.): Heinrich Beier, Martin Büser, Karl-Heinz Lindauer und Kurt Hinderer. © Schneider / ZVW
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Mathias Ellwanger

Welzheim. Die Bedürftigen gehen nach Schorndorf – und die überschüssigen Waren aus den Supermärkten nach Schwäbisch Gmünd. Vier Welzheimer wollten sich mit diesem unbefriedigenden Zustand nicht mehr abfinden und selbst etwas auf die Beine stellen. Nach anderthalb Jahren intensiver Vorbereitung ist es nun so weit: Welzheim bekommt seinen eigenen Tafelladen.

Doch das war alles andere als einfach, wie die vier Welzheimer berichten. Der Tafelverband habe nämlich wider Erwarten zunächst kein großes Interesse an einem Laden in Welzheim bekundet. Schließlich gebe es ja schon eine Tafel in Schorndorf. Der Verband habe ihnen deshalb von dem Projekt abgeraten und vielmehr vorgeschlagen, den Bedürftigen die Fahrten in die Daimlerstadt zu zahlen. Doch davon ließen sich die vier nicht beirren. „Wir kämpfen weiter, jetzt erst recht“, habe man sich geschworen, so Karl-Heinz Lindauer.



Etwa 100 Welzheimer gehen regelmäßig zur Tafel

Schließlich ist der Bedarf für ein solches Hilfsangebot zweifellos vorhanden. Bis zu 100 Welzheimer Bürger suchen regelmäßig einen Tafelladen auf – nur eben nicht in der Stadt selbst. Laut Stadtverwaltung hätten sogar potenziell mehrere Hundert Welzheimer eine Berechtigung für den Einkauf bei der Tafel. So viele Bürger besitzen nämlich einen Sozialpass (oder haben einen Anspruch darauf), mit dem sie unter anderem bei städtischen Einrichtungen Vergünstigungen bekommen – und damit auch einen Berechtigungsschein für die Tafel, wo sie sich kostengünstig versorgen können. Dass nur ein Teil von ihnen das Angebot nutzt, mag an der Scham liegen, die damit verbunden ist – und eben an der weiten und nicht gerade kostengünstigen Fahrt, die sie dafür im Moment auf sich nehmen müssen.

Auch ein Hilfesystem ist längst etabliert. Seit Jahren schon geben die Supermärkte der Stadt ihre überschüssigen Waren an die Tafel. Nur dass die ihren Sitz in Schwäbisch Gmünd hat. Eigentlich ein untragbarer Zustand, fanden die vier Welzheimer.

Größtes Hindernis: Räumlichkeiten finden

Sie nahmen daher Kontakt mit der Stadtverwaltung auf (die das Projekt von Beginn an förderte), entwickelten ein Konzept, suchten nach Unterstützern und begaben sich auf die Suche nach Räumlichkeiten. Letzteres sollte sich als größtes Hindernis erweisen. „Es hat ewig gedauert, bis wir einen passenden Laden gefunden haben“, sagt Lindauer, der wie seine zwei Mitstreiter Heinrich Beier und Kurt Hinderer dem Jahrgang 48/49 angehört und im Awo-Vorsitzenden Martin Büser schnell einen Gleichgesinnten fand. Die Arbeiterwohlfahrt hatte nämlich schon vor acht Jahren, noch unter dem damaligen Vorsitzenden Karlpeter Braun, ein solches Projekt geplant – dies, weil die nötigen Räume fehlten, aber wieder zurückgestellt.

Ende März war die Suche dann endlich von einem Erfolg gekrönt. Leer stehende Geschäftsräumlichkeiten in der Bahnhofsstraße 3, wo zuletzt ein Flaschner seinen Sitz hatte, können von der Tafel künftig genutzt werden. Und genau so darf das Geschäft dann auch heißen.

Das Durchhaltevermögen hat sich gelohnt

Denn nach anfänglicher Skepsis hat auch der Tafelverband sein Okay gegeben. Der Laden wird zertifiziert, darf in Zukunft das bekannte Symbol verwenden und auf die deutschlandweite Infrastruktur des Verbands zurückgreifen. Das Durchhaltevermögen der vier Welzheimer hat sich also gelohnt. Zum 1. April wurde der Mietvertrag unterschrieben.

Ein offenes Ohr bei der Verwaltung, namentlich dem Beigeordneten Reinhold Kasian, tat sein Übriges. Aber auch Architekt Günter Brecht, Bürgermeister Thomas Bernlöhr und viele Engagierte des bereits erwähnten Jahrgangs 48/49 haben das Projekt erst möglich gemacht.

Finanzielle Starthilfe wird es von der Volksbank geben, die zunächst für drei Jahre kostenlos einen VW-Bus zur Verfügung stellt. „Das war wichtig, um den großen Schritt zu wagen“, sagt Martin Büser. Außerdem wurde bereits gespendet. 2000 Euro gab die Sparkasse, 1000 Euro der Zeitungsverlag Waiblingen und 500 Euro gaben die Dienstagsradler.

Dreimal pro Woche wird die Tafel voraussichtlich geöffnet sein

Konzeptionelle Unterstützung bei der Umsetzung liefern aktuell die erfahrenen Ehrenamtlichen der Schorndorfer Tafel. So sollen Anfängerfehler vermieden werden. „Dafür werden wir da unten auch mal mitarbeiten“, verspricht Kurt Hinderer. Etwa 20 Unterstützer, die sich in der Stadt sozial engagieren wollen, gibt es bereits.

Weitere 15, so haben es die vier Welzheimer ausgerechnet, bräuchte es, um den Betrieb dauerhaft und stabil am Laufen zu halten. Schließlich müssten an den drei Tagen, die der Laden dann von 14 bis 17 Uhr geöffnet sein soll (montags, mittwochs und freitags), jeweils die Waren eingesammelt, sortiert und gewaschen werden.

Ausschließlich Lebensmittel aus Welzheimer Supermärkten

Geplant ist es, ausschließlich Lebensmittel zu verkaufen, die zum größten Teil aus den Welzheimer Supermärkten stammen. Nach wie vor liefern diese dann aber auch Waren an die Tafel in Schwäbisch Gmünd. Ein Kompromiss, mit dem beide Seiten vorerst gut leben können.

Erst einmal muss der Laden aber eingerichtet werden. In den nächsten Monaten werden viele fleißige Helfer dafür sorgen, dass die rund 100 Quadratmeter Fläche aufgehübscht und für die künftige Nutzung umgebaut werden.

Die vier Welzheimer hoffen, dass möglichst viele Bedürftige dann die Hemmschwelle überwinden und vorbeischauen. Denn das ist es vor allem, was die vier Rentner bei diesem Projekt antreibt: die Dankbarkeit über das Glück, das sie im Leben hatten – und der Wunsch, davon etwas zurückzugeben an die Gesellschaft.


Ein Kommentar von ZVW-Redakteur Mathias Ellwanger

Es ist zweifellos eine gute Nachricht, wenn sich so viele Welzheimer dafür engagieren, dass die Stadt einen Tafelladen bekommt. Auch gut ist, dass Lebensmittel dadurch weniger verschwendet werden. Den Ehrenamtlichen gebührt daher unser Respekt!

Gar keine gute Nachricht ist es hingegen, dass es in Deutschland so viele Menschen gibt, die auf das Angebot der Tafel angewiesen sind. Rund 1,5 Millionen Bürger werden durch sie regelmäßig unterstützt, ein Viertel davon Kinder und Jugendliche. Das sind bei weitem nicht alle, die tatsächlich bedürftig sind. Seit vor 15 Jahren die erste Tafel in Berlin gegründet wurde, hat sich ihre Zahl deutschlandweit auf mehr als 2000 erhöht.

Ein Armutszeugnis für eine Bundesregierung, die es sich auf die Fahnen geschrieben hat, „für ein Land, in dem wir gut und gerne leben“ zu stehen. Ein Zeugnis aber auch der Armut, die in Deutschland zwar nicht absolut ist; aber doch so viele Menschen in ihrem Alltag einschränkt, dass sie auf die Unterstützung durch Ehrenamtliche angewiesen sind.

Wenn amtierende Minister meinen, hierzulande habe jeder das, was er zum Leben braucht, zeigt das nur, wie weit weg von der Realität sie sind.


Ehrenamtliche und Spender gesucht

Die Organisatoren des Tafelladens suchen noch nach Freiwilligen, die sich längerfristig engagieren wollen. Auch über Lebensmittelspenden freuen sich die Ehrenamtlichen.

Wer Kontakt zu den vier Welzheimern aufnehmen möchte, kann dies telefonisch tun: Bei Karl-Heinz Lindauer ) 69 28, Kurt Hinderer ) 89 76, Heinrich Beier ) 24 68 oder Martin Büser ) 49 66 00.

Für alle, die das Projekt finanziell unterstützen wollen, hier die Nummer des Spendenkontos: DE 83 6139 1410 0080 3820 29.