Welzheim

Steffi läuft und läuft und läuft

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Feuerwehrrekord
Anfeuerung am Wegesrand. © Palmizi / ZVW
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Feuerwehrrekord
Stefanie Saul unterwegs. © Palmizi / ZVW

Welzheim. Jeder, wirklich jeder, der beim Start dabei ist, schüttelt den Kopf über das Vorhaben von Stefanie Saul: Sie will in kompletter, über 20 Kilogramm wiegender Feuerwehrkleidung mit Atemluft-Flasche und dicken Stiefeln mehr als 150 Kilometer am Stück laufen. Am Freitag Abend ist sie am Feuerwehrhaus gestartet, bis Sonntagabend will sie auf den Beinen sein.

Video: Livestream vom Start

„Alle Achtung“ und „Da gehört ganz schön was dazu“ – ungläubiges Kopfschütteln und unglaubliche Bewunderung schlagen der 34-jährigen Feuerwehrfrau und zweifachen Mutter entgegen, als sie kurz vor dem Start ihre Töchter umarmt. „Wird schon schiefgehen, ich geb’ mein Bestes“, versichert sie ihren Feuerwehr-Jungs, die ihr aufbauende Worte mit auf den Weg geben, der kein normaler Weg ist, sondern eine Gewalttour.

Noch nie hat sich eine Frau an diese Tortur der längstgelaufenen Strecke gewagt, begraben unter 24 Kilogramm Schutzkleidung und Material. Das will Stefanie Saul ändern. Sie will die ersten 100 Kilometer so schnell wie möglich laufen, in der Hoffnung, in die Nähe des Weltrekordhalters zu kommen. Ein Feuerwehrmann aus Österreich lief den „schnellsten 100-km-Marsch in Feuerwehrschutzkleidung“ in 15 Stunden, 11 Minuten und 10 Sekunden. Was sie sich antut, ist aber noch eine Spur härter: Sie will auf die lange Distanz gehen und die 100-Kilometer-Marke knacken. „Denn die 15 Stunden des Kollegen werde ich vermutlich nicht schaffen“, ist sie bei ihrer ganzen positiven Verrücktheit realistisch. In der langen Strecke sieht sie ihre Chance, einen neuen Rekord aufzustellen, denn damit kennt sie sich aus. Im Ultrasportsektor ist Stefanie kein unbeschriebenes Blatt, seit sie den Goldsteig-Ultramarathon gewuppt hat.

Ihre Bärenkondition läuft sie sich auf dem Weg zur Arbeit an – den joggt sie regelmäßig, von Welzheim nach Schorndorf; für sie kein Ding. Sie sagt auch ganz locker einen Satz, der jeden Freizeitsportler mit Fragezeichen auf dem Gesicht zurücklässt: „Unter einem Marathon laufe ich schon gar nicht mehr.“ Ihr Körper habe sich daran gewöhnt, der ganze Ultrasektor sei ohnehin „alles Kopfsache“. Auch andere Grenzbereiche hat sie bereits ausgelotet: Sie ist als erste Frau die Eismeile im Ziegeleisee in Schorndorf geschwommen. Ihre Schwachstelle sieht sie woanders: „Kälteerprobt bin ich, hitzeerprobt noch nicht“. Die Wärme unter der dicken Kleidung könnte die härteste Nuss werden. „Beim Testlauf war ich nach einer Runde nass“, erzählt sie. Das Gefühl, von der Luftzirkulation abgeschnitten zu sein, sei so heiß und schwitzig, „als würde ich in der Sauna sitzen“. Denn die Kleidung, die im Einsatzfall die Hitze abhält, hält auf dem umgekehrten Weg die Feuchtigkeit innen. Auch hier behilft sie sich mit einem Trick: Sie lässt den Reißverschluss offen, der die feuerhemmenden und die wasserdichten Membranschichten verbindet. Was sie rausschwitzt, fließt über den Rücken ab. „Wie eine Dachrinne in der Jacke“, beschreibt der Welzheimer Feuerwehrkommandant Andreas Schneider den Effekt.

Auch er betrachtet die junge Frau mit einem gewissen Blick, der alle Nuancen des Staunens enthält. Aus seiner Sicht sind die Schuhe ein Hemmschuh: „Die sind nicht konstruiert zum Joggen, ich hätte innerhalb einer Viertelstunde Blasen“, meint er. Von Muskelkater ganz zu schweigen – der wird, da ist sich auch Stefanie sicher, eher eine Großkatze. „Das Gewicht geht in die Oberschenkel, Nacken und Schultern: Das wird irgendwann nicht mehr angenehm“, weiß sie, erzählt es aber mit einem alle Mühsal hinfortpustenden Lachen.

Unter dem dicken Stoff wirkt sie fast ungelenk, sieht nicht so leichtfüßig aus wie eine Marathonläuferin in Funktionskleidung, der man die ultralange Joggingrunde abnehmen würde. „Ich finde es verrückt, weil ich weiß, wie warm und beschwerlich es ist“, sagt Helmut Reinert. Der ehemalige Stuttgarter Berufsfeuerwehrmann ist extra aus Ludwigsburg hergefahren, um „die Frau“ kennenzulernen. „Die Frau“ findet ihren Plan normal. Während alles um sie herum über der Frage brütet, wie sie das wohl schaffen will, trabt sie kopfnickend davon. In ihr sagt die innere Zuversicht „ja“, schließlich ist es ihr Ding, dem sie seit Monaten entgegenfiebert: „Mich reizt das Extrem, weil es eine Sache ist, um eine Grenze auszutesten.“

Ihr Helm vollendet den Eindruck des zustimmenden Kopfnickens – der wackelt auf ihrem Kopf anfangs vor und zurück. „Die ersten Kilometer ist er gerutscht, jetzt sitzt er aber“, meint sie auf Höhe des Aichstrutsees, den sie rund eine dreiviertel Stunde nach dem Start zum ersten Mal passiert. Der Berufsfeuerwehrmann ringt nach Worten, als er sie weglaufen sieht. „Das ist schon enorm, was sie vorhat.“ Mit einem skeptischen Unterton und einem bewundernden Lächeln sagt er ihren Füßen unangenehme Stunden voraus: „Also wenn sie keine gut eingelaufenen und alten Socken trägt, dann gute Nacht.“