Welzheim

Steffi rennt – und will den Rekord!

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Vor der Feuerwehrwache legt Steffi Saul einige Meter zurück – mit Stiefeln, Sicherheitshose, Koppel, Atemschutzgerät und Helm. © Habermann / ZVW

Welzheim. Schaut man sich die dicken Stiefel von Stefanie Saul an und schreibt mit, was sie vorhat, kriegt der Schreibblock Blasen, der Stift fängt an zu schwitzen. In kompletter Einsatzausrüstung der Feuerwehr will die Sportskanone aus dem Welzheimer Wald einen Rekord brechen: Sie will den schnellsten 100-Kilometer-Marsch in Feuerwehrschutzkleidung schaffen und/oder die längste Strecke in voller Montur laufen. Sie kämpft gegen sich selbst, gegen Männer – und bald auch für die gute Sache.

Video: Stefanie Saul aus Welzheim will den schnellsten 100-km-Marsch in Feuerwehrschutzkleidung bewältigen.

Die Geschichte wird immer besser. Da ist die 34-jährige zweifache Mutter, die in Welzheim lebt, weil es „hier oben so schön ist“. Dort, wo die Sportlerin so gerne gelaufen ist, wollte sie auch hinziehen. Gesagt, getan. Dann erfüllte sie sich einen Wunsch: Sie tat das, was sie schon immer machen wollte: Sie klopfte bei der Feuerwehrwache in Welzheim an, um sich zur Feuerwehrfrau ausbilden zu lassen. Viele Frauen schwärmten dafür, aber die wenigsten würden diesen Schritt wagen, sagt die Läuferin. Sie will Vorbild sein, Mut machen – und nun den nächsten Coup landen: In voller Brandbekämpferinnen-Montur will sie bald durch Welzheim laufen und einen Rekord brechen – vielleicht sogar zwei Rekorde: Möglichst schnell will sie mit Atemschutzgerät, Helm, Beil und wuchtigen Stiefeln 100 Kilometer am Stück laufen und marschieren und nach Überschreitung dieser Grenze den Rekord der am längsten gelaufenen Strecke in Feuerwehrausrüstung nach oben schrauben. Den hält ein Mann. Noch. Mindestens 48 Stunden will sie unterwegs sein. Verrückt? Ein bisschen schon.

Vor acht Jahren die Lust am Laufen entdeckt

Die Autotür öffnet sich und Stefanie Saul strahlt. Sie steigt aus und trägt – Überraschung – komplette Laufmontur. Vor rund acht Jahren ging’s los mit der Lust am Laufen. Erst ein paar Runden ums Haus, dann Marathon, Extremläufe und auch mal einen Ultra-Marathon. Sie ist auch schon mal 192 Stunden am Stück gelaufen – okay, acht Stunden habe sie dabei zwischendurch schon geschlafen. „80 Stunden ohne Schlaf geht. Danach muss man schlafen, damit man wieder klar im Kopf wird“. Das wird wohl so sein. Warum diese Lauf-Lust? „Ich wollte fitter werden.“ Das hat geklappt. Und wie. Ihre Füße liefen über den Asphalt, auch ihr Geist machte große Sprünge: Sie habe mal jemanden auf einem Spendenlauf begleitet. „Ich fand es genial, wie man mit einfachen Mitteln für den guten Zweck sammeln kann“, sagt sie. Es folgten einige spektakuläre Aktionen. Jetzt legt sie nach: Sie will die erste Frau sein, die die längste Strecke am Stück in Einsatzmontur läuft. Dafür wird fleißig trainiert und ausprobiert.

Einlagen gegen die Schmerzen

Hat sie bald ihre Ausbildung zur Freiwilligen Feuerwehr abgeschlossen, will sie den Rekord knacken. Ihre klobigen Stiefel läuft sie bereits ein. Einlagen helfen gegen die ärgsten Schmerzen. An der perfekten Schnürung arbeite sie noch. Problem: Die Stiefel sind hoch. Sie blockieren die Schienbeine. Na ja, Schmerz muss sein. Doch Blasen sind wohl nicht das einzige Problem.

Den Hitzestau in den Griff kriegen

„Man darf es nicht unterschätzen“, sagt die Mutter. Neulich wollten zwei Männer den Rekord knacken, ohne große Vorbereitung. Sie landeten im Krankenhaus. Ein großes Problem: Die Feuerwehrausrüster legen, logo, Wert darauf, die Kleidung möge gegen Feuer schützen. „Die Sachen lassen keine Luft durch“, schildert Steffi Saul. „Es wird warm, aber die Wärme kann nicht raus.“ Sie wird mächtig schwitzen. „Ich muss die Luftzirkulation und den Hitzestau in den Griff kriegen.“ Und viel trinken. 2,3 Liter pro zehn Kilometer bestimmt. Die Schuhe hat sie mehr oder weniger im Griff. „Nach sieben Stunden hast du dich daran gewöhnt.“ Und ja, „es tut weh“, inklusive eines „mordsmäßigen Muskelkaters“. Warum sie sich das antut? „Entweder ganz oder gar nicht!“, sagt sie.


Zwei Supporter, ihr Bruder, Feuerwehrmann und ausgebildeter Rettungssanitäter, und ihr bester Freund werden sie betreuen. Geplant sind beim Rekordversuch mindestens zehn Runden à zehn Kilometer von der Feuerwehrwache Richtung Aichstrut und das möglichst schnell. „Das wird arg schwierig.“ Auch weil sie gegen Männer antritt. Das deutsche Rekordinstitut unterscheide nicht zwischen Männlein oder Weiblein. Ganz oder gar nicht. Insofern will sie Vorbild sein. Vorbild, die eigenen Grenzen zu überschreiten, und Vorbild für Frauen, in die Feuerwehr einzutreten und es auch mal mit Männern aufzunehmen, wie sie es nun ja tut. „Das ist eine Herausforderung für mich!“ Und für ihren Körper?

Gesundheit: „Ich weiß, was ich mir zutrauen kann!“

Na ja ... gesund. Faul auf dem Sofa liegen sei ja auch nicht gesund. „Es ist extrem.“ Aber sie gehe die Aktion ja nicht unvorbereitet an. „Ich weiß, was ich mir zutrauen kann!“ Beim Rekordversuch sind ihre Supporter dabei. Sie trage ein Handy, könne jederzeit Hilfe holen. „Ich weiß, wann für mich der Punkt gekommen ist, aufzuhören. Ich will den Rekord nicht um jeden Preis. Meine Gesundheit ist mir zu wichtig.“

Rund 20 Kilogramm schleppt sie mit sich rum

Muss sie die Atemschutzmaske tragen? Ja, aber nicht im Gesicht. Ihr blonder Zopf wird vom Helm bedeckt werden. Aber Koppel, Jacke, Atemschutzgerät und so weiter wiegen schwer. Rund 20 Kilogramm schleppt sie mit sich herum – na und?

Die Familie kennt sie nicht anders

„Beim Laufen trage ich ja auch einen Laufrucksack“, sagt sie tapfer. Was meint ihre Familie dazu? „Die kennen mich nicht anders“, sagt sie und lacht. Mittlerweile hat sie sich umgezogen, die leichte Joggingkleidung gegen die rote Feuerwehr-Kluft getauscht. Fürs Foto und Video rennt sie ein paar Meter. Laufen werde sie nicht immer, irgendwann werde sie auch schnell gehen müssen, „schlürfend“. Das Tempo werde eher „gediegen“ sein. Was für ein schönes Wort für diese Quälerei!

Kampf gegen den Kopf

„Es ist ein Grenzgang zwischen Kopf und Körper“, sagt Steffi Saul, „das interessiert mich.“ Sie müsse gegen den Kopf kämpfen. Nachteil: Die Strecke wiederholt sich. Vorteil: Sie ist weitgehend eben. Steigungen sind mit diesen Stiefeln nicht drin! Die Wache ist Start- und Zielpunkt. Sie wolle mit Kopfhörern laufen. Das lenke ab, übertönt vielleicht das Kläffen des Schweinehundes. Schöne Töne helfen auch gegen Müdigkeit. Ach ja, was machen Sie eigentlich beruflich, Frau Saul? „Ganz langweilig“, sagt sie. „Ich bin Bürokauffrau.“

24-Stunden-Lauf

Nun starten die Probeversuche unter Wettkampfbedingungen. Sie peilt einen 24-Stunden-Probelauf an. Dann werde sie sehen, auf was sie achten muss. „Wo reibt es, wo drückt es? Wie ist die Hitzeentwicklung? Ich will es professionell angehen.“ Der Rekordversuch soll Mitte April stattfinden. Viel Erfolg!