Welzheim

Stuttgarter Saloniker in Welzheim: Meinung, Musik und ein Appell für die Kultur

Saloniker
Die Stuttgarter Saloniker bei der musikalischen Versammlung im Pavillon im Welzheimer Stadtpark. © Buettner

Mit Schirm und Charme, mit Decken und sogar einem Gläschen Rotwein, so haben sich Besucher am Freitagabend um den Konzertpavillon im Stadtpark versammelt. Ein Bild wie aus Vor-Corona-Zeiten: ein Frühlingsabend mit Musik unter dem Blätterdach. Patrick Siben, Kapellmeister der Stuttgarter Saloniker und Moderator des Abends, klärt indes auf: „Meine Damen und Herren, dies ist kein Konzert“. Denn: „Konzerte sind aufgrund der Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg nicht gestattet.“

„Diese Einschränkungen haben wir gern in Kauf genommen“

Der Veranstalter hatte vielmehr zu einer „musikalischen Versammlung“ mit dem Thema „Gemeinschaftliche Lebensformen mit Abstand in Corona-Zeiten“ eingeladen. Mit Verweis auf Artikel acht des Grundgesetzes. „Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln“, heißt es dort (siehe auch „Artikel acht“). „Die Versammlungsfreiheit kann aus höheren Gründen eingeschränkt werden“, sagt Patrick Siben. „Diese Einschränkungen haben wir gern in Kauf genommen.“ 80 Personen können zur Versammlung an den Pavillon im Stadtpark kommen, rund 50 sind’s tatsächlich. Die Stühle für das Publikum stehen mit großen Abständen, die Gäste wurden um Voranmeldung gebeten, wer kommt, füllt ein Formular mit seinen Kontaktdaten aus, es gibt Ordner, Plätze werden mit Nummerierung vergeben, bis zum Stuhl heißt’s Maske tragen.

„Wir sind keine Corona-Leugner, das ist ganz wichtig“

Beim Landratsamt ist die Zusammenkunft als Demonstration angemeldet. In Sachen öffentliche Meinungsbildung hat Patrick Siben denn auch einiges zu sagen. „Wir sind keine Corona-Leugner, das ist ganz wichtig“, stellt er klar. In Schwäbisch Gmünd komme fast jeden Montag bei Demos „Volkes Wille zum Ausdruck“. Siben sagt von sich, er sei kein Querdenker, „da darf jeder hin“. Er habe die Demos immer wieder aufgesucht und gesehen, „wie Menschen auf der Straße mit der Pandemie umgehen“. Einiges habe ihm gefallen, einiges nicht. Gefallen habe ihm, dass sich im Umfeld der Demos eine Weltanschauungsgemeinschaft gebildet habe. Das sei die erste Versammlung gewesen, bei der getanzt, diskutiert, musiziert worden sei, „in Respekt voreinander“.

Sozialen Umgang pflegen innerhalb der Grenzen, die die Pandemie setzt

Im Gespräch erklärt Siben, die Weltanschauungsgemeinschaft habe es sich zum Ziel gemacht, die Gemeinschaft von Menschen und sozialen Umgang zu pflegen innerhalb der Grenzen, die die Corona-Pandemie setzt.

Er habe sich abgeschaut, „dass man sich auf dem Boden des Grundgesetzes versammeln darf. „Das Grundgesetz ist nirgendwo außer Kraft gesetzt“, sagt Patrick Siben im Stadtpark. „Es liegt am Bürger, sich aufs Grundgesetz zu besinnen.“

Isolation schütze vor Krankheiten, führe aber auch zu seelischen Leiden

Er zitiert im Stadtpark aus einer Rede, die unlängst bei einer musikalischen Versammlung für Grundrechte in der Pandemie in der Weltanschauungsgemeinschaft gehalten wurde. „Gemeinsam gesund statt einsam krank“, unter dem Motto sei auf das soziale Wohlbefinden hingewiesen worden, auf die Einschränkung zahlreicher Grundrechte, Isolation schütze vor Krankheiten, führe aber auch zu seelischen Leiden. Der Kolumnist und Autor Heribert Prantl sei zum Thema Grundrechte zitiert worden, mit Blick auf diese Rechte sei zum Beispiel gefragt worden, ob Menschen, die Sorge vor einer Impfung haben, zu einer solchen gezwungen werden dürften oder, wenn alle Menschen vor dem Gesetz gleich seien, in der Bundesliga Fußball gespielt werden dürfe, dies Kindern und Erwachsenen aber verwehrt werde. Und wer definiere, welche Berufsausübung nötig sei?

Von „Liedern ohne Worte“ und der preußischen Zensur

Musik gibt es auch noch. Das „Frühlingslied“ von Felix Mendelssohn Bartholdy, das zu den „Liedern ohne Worte“ gehört, erklang bereits. Die „Lieder ohne Worte“ hätten auch für die damalige politische Situation gepasst mit Werten wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die preußische Zensur hätte den Komponisten nicht zur Rechenschaft gezogen, „wenn er mal zu freiheitlich denken und komponieren wollte“.

Wiener Walzer tanzen galt einst als "Freiheitsrenner"

Mit Bedacht wurde auch der „Frühlingswalzer“ von Johann Strauß gewählt. Wiener Walzer tanzen galt als „Freiheitsrenner“, sagte Patrick Siben, „die Jugend tanzte ihn ohne Standesunterschiede“.

Ebenso im Repertoire: eine Fantasie über die Oper „Wilhelm Tell“ von Rossini. „Es geht nicht nur um den Sohn und den Apfel“, sondern auch um eine Liebe des Sohns, die den Freiheitskämpfern missfällt. Rossini wollte diese Oper unbedingt in Paris uraufführen, was die französische Sicherheitspolizei verbat. „Das rührt an den Grundfesten, deswegen geben wir es zum Besten.“

Patrick Siben erinnert daran, dass er vor einem Jahr im Rosengarten der Villa Franck in Murrhardt nach wenigen Wochen Lockdown 100 Stühle mit Abstand aufgestellt hat, um zu zeigen, „dass im Freien Kultur möglich ist“. Einen zweiten Lockdown habe er sich damals nicht träumen lassen. Im Advent hätten die Musiker im Marmorsaal in Stuttgart bei offenen Türen gespielt, nach Weihnachten sei das nicht mehr möglich gewesen.

„Der Appell soll von hier aus an die Politik gehen“

Nun hätten alle viel geübt, auch, dass man Musik online wiedergeben könne. In Welzheim sei es das erste Konzert „wieder mit richtigem Publikum“. „Aber das ist kein Konzert“, betont der Kapellmeister. „Der Appell soll von hier aus an die Politik gehen, das, was möglich ist, auch möglich zu machen.“

Drei Stücke, durchaus mit internationalen oder politischen Bezügen, später, bittet Siben: „Bitte erzählen Sie es weiter, dass es zurzeit Bemühungen gibt, dass es auch live und mit Abstand geht, dass es sich bis ganz nach oben rumspricht, dass man uns zurückgibt, was uns als Künstler, Ihnen als Publikum, was uns als Kultur weggenommen wurde.“

Mit Schirm und Charme, mit Decken und sogar einem Gläschen Rotwein, so haben sich Besucher am Freitagabend um den Konzertpavillon im Stadtpark versammelt. Ein Bild wie aus Vor-Corona-Zeiten: ein Frühlingsabend mit Musik unter dem Blätterdach. Patrick Siben, Kapellmeister der Stuttgarter Saloniker und Moderator des Abends, klärt indes auf: „Meine Damen und Herren, dies ist kein Konzert“. Denn: „Konzerte sind aufgrund der Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg nicht

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