Welzheim

Von der Straße zum eigenen Malerbetrieb

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Zog sich aus eigener Kraft aus dem Sumpf: Domenic Vennhaus. © Ramona Adolf

Welzheim. Von der eigenen Mutter verstoßen, vom Stiefvater misshandelt, in Kinderheimen die Drogen entdeckt und schließlich auf der Straße gelandet: Domenic Vennhaus' Lebensgeschichte kennt ziemlich viele Tiefpunkte. Dass der 27-Jährige heute einen eigenen Malerbetrieb hat, grenzt an ein Wunder. Über einen jungen Mann, der sich aus eigener Kraft zurück ins Leben kämpfte.

Manchmal wacht Domenic Vennhaus in der Nacht immer noch schweißgebadet auf. Viele Nächte verbringt er gleich ganz ohne Schlaf. Denn der Alptraum seiner Kindheit und Jugend mag zwar vorüber sein. Doch was ihm in den ersten zwanzig Jahren seines Lebens widerfahren ist, lässt sich nicht so einfach abschütteln.

Die eigene Mutter drohte, den Jungen umzubringen

Drei Jahre alt war er, da rief seine alleinerziehende Mutter beim Jugendamt Rosenheim an und teilte mit, sie werde ihr Kind umbringen, wenn sich nicht ab sofort das Amt um den Jungen kümmert. Aggressiv und schwierig sei er damals gewesen, habe noch Windeln getragen, nicht viel mehr Worte als Mama oder Auto gesprochen. Die frühe Kindheit bei der suchtkranken Mutter, der Gerichtsgutachter eine antisoziale Persönlichkeitsstörung attestierten, hatte deutliche Spuren hinterlassen.

Das Amt reagierte, brachte ihn in ein Heim und fand schließlich auch Pflegeeltern, die den Jungen nach Welzheim brachten. Der Leidensweg des jungen Domenic könnte hier an sein Ende gekommen sein. Doch weit gefehlt, denn die Beziehung der Pflegeeltern hielt nicht lange. Hals über Kopf zog die Pflegemutter dann zu ihrem neuen Freund nach Hamburg. Und der entpuppte sich sehr schnell als gewalttätig. In den Keller hat er den Jungen immer wieder gesperrt, ihn geschlagen, erniedrigt, Möbel nach ihm geworfen. Noch heute trägt er Narben davon am Körper. Vennhaus versteht nicht, weshalb das Jugendamt damals nicht eingeschritten ist.

Die arbeitslose Mutter konnte ihm keine Struktur geben

Als die Stiefmutter unheilbar krank wurde und schließlich starb, verschlimmerte sich die Situation. Vennhaus blieb bei dem Mann, zu dem er heute keinen Kontakt mehr hat, bis zum Alter von zwölf Jahren. Erst als er sich gegen den Stiefvater zur Wehr setzte, reagierte das Amt. Der Junge kam in ein Heim nach Bad Oldesloe in Schleswig-Holstein. Eine Umgebung, die ihm nicht gut bekam: Vennhaus fing an, zu klauen, trieb sich mit den anderen Jugendlichen herum, trank Wodka am Bach, prügelte sich im Rausch.

Aus heiterem Himmel meldete sich dann seine leibliche Mutter, meinte, sie wolle es noch einmal mit ihm probieren. Das Jugendamt stimmte zu und so kam er im Alter von 14 Jahren von Norddeutschland nach Bayern zurück. Etwa ein Jahr sollte er in Rosenheim bleiben. Doch eine Struktur konnte ihm die arbeitslose Mutter nicht geben. So trieb er sich viel auf der Straße herum, ging selten zur Schule, trank (auch mit der Mutter) und klaute.

Mit dem Gesetz im Konflikt

Domenic kam wieder ins Heim, diesmal nach Usterbach bei Augsburg. Dort wurde er so auffällig, dass ihn die Heimleitung in die Psychiatrie schickte. Doch die Ärzte haben dort schnell festgestellt, dass seine soziale Auffälligkeit nicht auf eine psychische Erkrankung zurückzuführen ist. Das Heim wollte ihn aber nicht mehr aufnehmen. Und so führte ihn seine vorerst letzte Betreuungsstation in ein Heim auf der Ostalb. Mit 16 Jahren kam er nach Steinheim am Albuch. „Die Zustände dort waren unhaltbar“, sagt Vennhaus. Die Jugendlichen seien schlecht versorgt worden, nahezu alle hätten geklaut, getrunken, Drogen genommen, die Schule nur selten besucht. Ein toxisches Umfeld für einen Menschen, der bis dahin keinerlei Halt erfahren hat.

Wegen Diebstählen in Supermärkten und Drogerien, gefälschten Bustickets (um ins nahe Heidenheim zu kommen) und Körperverletzungen kam er in dieser Zeit öfter mit dem Gesetz in Konflikt. Und flog mit 17 vom einen auf den anderen Tag ohne Vorankündigung aus dem Heim.

Noch auf der Straße lebend hat er den Schulabschluss gemeistert

Ein Wendepunkt in seinem Leben, denn fortan lebte Vennhaus auf der Straße, übernachtete in Streugutbehältern, trieb sich mit anderen Straßenkindern am Heidenheimer Bahnhof herum, trank zwei bis drei Flaschen Wodka am Tag. Ein Absturz ins Bodenlose.

Und doch erwuchs zu dieser Zeit ein Ziel im Kopf des jungen Mannes: Eines Tages wollte er all dem entfliehen, selbstständig sein, sein eigener Chef. Damals besuchte er, auf der Straße lebend, die Karl-Doettinger-Förderschule. Dort traf Vennhaus zum ersten Mal auf Menschen, die ihm zusprachen, ihn unterstützten. Besonders ein Lehrer kümmerte sich um den haltlosen Jungen, sorgte dafür, dass er seinen Schulabschluss machte. Er half ihm dabei, von der Straße wegzukommen. Nach einer kurzen Zwischenstation in einem Abbruchgebäude hatte er mit 18 Jahren sein erstes eigenes Zimmer. Doch Drogen und Alkohol bestimmten weiterhin seinen Alltag.

Revierkämpfe zwischen Rockerbanden erlebt

Vennhaus begann eine Ausbildung als Maler, wurde mit 19 Jahren Vater, doch die Beziehung zur Mutter hielt nicht. Und auch die fragile Stabilität in seinem Leben zerbrach recht schnell, als er nach einem Arbeitsunfall zeitweise berufsunfähig war und nach Bayern zu seinem leiblichen Vater zog. Der hielt es nicht lange mit seinem Sohn aus. Vennhaus kam bei einem Onkel unter, der Mitglied einer Rockerbande war. Dort erlebte er Revierkämpfe zwischen den rivalisierenden Hells Angels und Black Jackets. Beinahe wäre er in die Welt der organisierten Kriminalität abgerutscht.

Doch mit 20 Jahren zog er sich dann selbst aus dem Sumpf. Er sagte zu sich: „Jetzt will ich entgiften. Schließlich hatte ich vor, mich selbstständig zu machen.“ Vennhaus ging in die Klinik und nahm Kontakt zu seinen Stiefgroßeltern auf – den einzigen Menschen, von denen er noch Unterstützung erwarten konnte. Er zog nach Welzheim – der zweite wichtige Wendepunkt in seinem Leben. Beim Malerbetrieb von Walter Köngeter in Rudersberg fand er schließlich einen Ausbildungsplatz. Sein Chef habe es sicher nicht leicht mit ihm gehabt, sagt er, ihm aber mit der nötigen Strenge schließlich erfolgreich zum Abschluss verholfen. Mit Belobigung beendete er seine Ausbildung.

Vor vier Jahren den Traum von der Selbstständigkeit verwirklicht

Vor ziemlich genau vier Jahren entschloss Vennhaus sich dann dazu, seinen Traum von der Selbstständigkeit zu verwirklichen. Mit nichts mehr als seinem unbändigen Willen und einer Ausbildung in der Tasche baute er sich seine Kundschaft auf. Um den anderen Malern in der Region nicht in die Quere zu kommen, suchte er sich eine Marktlücke und spezialisierte sich auf Fertighäuser. Sein altes Leben, die Drogen und den Alkohol hat Vennhaus in Welzheim erfolgreich hinter sich gelassen. Mit Leidenschaft betreibt er seinen Handwerksbetrieb, steht früh auf und arbeitet viel. Inzwischen beschäftigt der Maler zwei Mitarbeiter, baut gerade an seinem Eigenheim, hat regelmäßig Kontakt zu seinem Kind. Dem Jungen soll erspart bleiben, was seinem Vater widerfahren ist.

Der 27-Jährige hat das Unwahrscheinliche geschafft und mit eigener Kraft eine bürgerliche Existenz aufgebaut. Und doch ist da dieser Schatten seiner Geschichte, der auf ihm liegt. Und die quälende Frage: Warum habt ihr (die Mutter, der Stiefvater, das Jugendamt) mir das angetan? Weshalb den Start ins Leben so schwer gemacht? Vennhaus will kein Mitleid, keine Entschuldigung, er möchte einfach nur eine Antwort. Solange er die nicht bekommt, wird er wohl noch viele Nächte schlaflos verbringen.


Mut machen

Vennhaus möchte, indem er seine Geschichte erzählt, nicht anklagen. Er möchte vor allem Mut machen und zeigen, dass sich auch trotz denkbar schlechter Voraussetzungen etwas aus dem Leben machen lässt.