Welzheim

Waldgeister, die die Kunst rief

1/10
e9725369-680a-4660-8ae2-9237a7b9430a.jpg_0
Landart im Erfahrungsfeld der Sinne  „Eins+Alles“: Studenten der anthroposophischen Kunsthochschule Alanus arbeiteten zusammen mit Bewohnern der Laufenmühle. © Doberschütz
2/10
341f8729-53bc-4c4e-a8f7-2f73f8fc13a1.jpg_1
Landart im Erfahrungsfeld der Sinne  „Eins+Alles“: Studenten der anthroposophischen Kunsthochschule Alanus arbeiteten zusammen mit Bewohnern der Laufenmühle. © Doberschütz
3/10
aaa1ec31-f02a-447d-9256-7b840a2c77f7.jpg_2
Landart im Erfahrungsfeld der Sinne  „Eins+Alles“: Studenten der anthroposophischen Kunsthochschule Alanus arbeiteten zusammen mit Bewohnern der Laufenmühle. © Doberschütz
4/10
84890329-d0c6-4792-a1e1-321c7f374bd3.jpg_3
Landart im Erfahrungsfeld der Sinne  „Eins+Alles“: Studenten der anthroposophischen Kunsthochschule Alanus arbeiteten zusammen mit Bewohnern der Laufenmühle. © Doberschütz
5/10
einsundalles_4
Landart im Erfahrungsfeld der Sinne  „Eins+Alles“: Studenten der anthroposophischen Kunsthochschule Alanus arbeiteten zusammen mit Bewohnern der Laufenmühle. © Martin Winterling
6/10
einsundalles_5
Landart im Erfahrungsfeld der Sinne  „Eins+Alles“: Studenten der anthroposophischen Kunsthochschule Alanus arbeiteten zusammen mit Bewohnern der Laufenmühle. © Martin Winterling
7/10
einsundalles_6
Landart im Erfahrungsfeld der Sinne  „Eins+Alles“: Studenten der anthroposophischen Kunsthochschule Alanus arbeiteten zusammen mit Bewohnern der Laufenmühle. © Martin Winterling
8/10
einsundalles_7
Landart im Erfahrungsfeld der Sinne  „Eins+Alles“: Studenten der anthroposophischen Kunsthochschule Alanus arbeiteten zusammen mit Bewohnern der Laufenmühle. © Martin Winterling
9/10
einsundalles_8
Landart im Erfahrungsfeld der Sinne  „Eins+Alles“: Studenten der anthroposophischen Kunsthochschule Alanus arbeiteten zusammen mit Bewohnern der Laufenmühle. © Martin Winterling
10/10
einsundalles_9
Landart im Erfahrungsfeld der Sinne  „Eins+Alles“: Studenten der anthroposophischen Kunsthochschule Alanus arbeiteten zusammen mit Bewohnern der Laufenmühle. © Martin Winterling

Welzheim.
Das Kunstmachen ist ein einsamer Akt, bei dem der Schöpfer sich in eine Klause zurückzieht und in vollkommener Abgeschlossenheit das Unikat erschafft. Falsch! Wie auf höchst soziale Weise, integrativ und inklusiv, Werke voller Erzählkraft und sinnesanregender Anschaulichkeit entstehen können, das zeigt jetzt die neue Staffel mit Landart-Arbeiten im Erfahrungsfeld der Sinne  „Eins+Alles“, einer Einrichtung für behinderte Menschen.

Wieder einmal waren Kunststudenten wochenlang oben in Welzheim zugange. Diesmal von der anthroposophischen Kunsthochschule Alanus in Alfter bei Bonn. Ein fast gewohnter Vorgang, denn so ist entlang des „Wunderwegs“ längst ein Zauberwald der Objekte und Installationen entstanden, der pro Saison allein Hunderte von Besuchern hoch auf den Welzheimer Wald und dort in den kühlen Tann lockt.

Doch diesmal sollte vieles anders sein. Professor Jochen Breme und seine Studenten, darunter ein leibhaftiger junger Mönch, der eine Auszeit genehmigt bekam, sagten sich Folgendes: Warum sollen wir den solistischen Akt bringen in all der üblichen Selbstherrlichkeit? Lasst uns zusammen mit den Bewohnern der Laufenmühle etwas gestalten. Es kann nur gegenseitig befruchten. Siehe auch ganze Zweige in der Kunstgeschichte, die dadurch zu blühen begannen, dass der Künstler als Intellektueller von denen lernt, die rein mit Intuition vorgehen. Und so schaltete die neue Gemeinschaft vor dem Objektemachen erst einmal einen zweitägigen Workshop, in dem Keramikfiguren entstanden sind in den Händen der Laufenmühle-Bewohner. Inspirationsquellen wiederum für die angehenden Kunsthochschulabsolventen für ihre Abstraktionsleistung und Übersetzung ins Machbare, das draußen Bestand haben muss in der sowieso übermächtigen, genialen Natur.

Um gleich mal mit dem Werk des Hochschullehrers in Kooperation anzufangen. Sein genialer Partner heißt Willi. Er, der so gerne etwas mit den Händen werkt, hat mit seiner Tonfigur den Professor dazu gebracht, ein Haus geradewegs vom Himmel stürzen zu lassen. So, als ob ein Meteorit eingeschlagen hätte. Dabei ging es im Gemeinschaftswerk aus Holzlatten darum, einem Einsiedler ein Zuhause zu geben. Ein nach oben hin offenes. Dort, wo sonst das Dach ist, ist nun der Blick frei auf die Sterne zwischen den Baumkronen. Antennen, und sei’s das stilisierte Geweih eines Hirsches, lauschen ins All. Derweil der Kunstlehrer das Werk vorstellt, nimmt Willi Platz in der Klause und hat in den Händen das Modell des Originals, natürlich eigenhändig zusammengeschraubt. Eines passt ins andere.

So kam es zu erstaunlichen Koalitionen und Kollaborationen. Der junge Mönch, Bruder Stephan, hat mit Anja einen Tempel aus Stoff genäht für ein Einhorn aus Ton von Anja. Immer, wenn jetzt jemand Geburtstag hat in der Laufenmühle, dann wird man sich hier versammeln und das Tempelzelt an einer Leine nach oben ziehen. Blick frei auf das Fabelwesen, das jetzt neu den Wald bewohnt. „Einmalimjahreinhorn“ heißt diese Installation, eine Waldintervention aus Gazestoff, der einem jeden eine schimmernde Vorahnung gibt, wonach es in diesem Wald sicher nicht nur nach forstwissenschaftlichen Dingen zugeht. Als Zeichen der Reinheit und der Unbeflecktheit will Bruder Stephan diesen Kultraum des Alltags verstanden wissen. Wir stehen staunend davor und sagen uns, man muss schon ein bisschen mehr sehen wollen als das, was wir so sehr Realitätsfixierten meinen sehen zu können.

So geht es weiter zu sprechenden Blumen. Zu einem Depot mit Kissen mitten im Wald, weil die Studentin Hazel Kiling sich eines Brauches ihrer Urheimat Türkei erinnerte. Sich ein Kissen zu teilen heißt, bereit für die Hochzeit zu sein. Wir sehen eine hochabstrakte, riesenhafte Arbeit mit Segeln aus goldfarbenem Tuch, eingespannt zwischen Bäumen. Als ob Christo hier war. Hier, beim Werk von Lukas Hartenberg, feiert nochmals die Großinstallation anmutige Urstände.

So geht es 13 Stationen lang, eingewoben in den schon bekannten Open-air-Kunstpfad. Ein kleiner Katalog wird dazu erscheinen. Man will wissen, was hinter der Riesenkrake steckt des jungen Chinesen Sukyung Kim. Frei nach der Einsicht des Kunstprofessors, der mit seinen Studenten die Geister im Wald rief, die eh schon in ihm stecken. Halt unsichtbar für uns, ansonsten. Es sind gekrönte Häupter darunter, da ist er sich sicher. Und manchen muss erst noch der Schleier weggerissen werden. Man komme und möge sehen.


Der Kunstweg im Wald ist nicht rollstuhl- oder kinderwagengerecht. Kraxen für Kinder können an der Kasse der Roten Achse ausgeliehen werden. Das Erfahrungsfeld der Sinnne „Eins+Alles“ an der Laufenmünle in Welzheim hat geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr. Die Zufahrt ist wegen einer Baustelle auf der L 1150 derzeit nur über Welzheim möglich.