Welzheim

Was wurde aus Rechengenie Rüdiger Gamm?

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2011 brachte Rüdiger Gamm hat zusammen mit Alexandra Ehlert das Buch "Das Brain Training" heraus. © Ramona Adolf
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Heute arbeitet Rüdiger Gamm als Fitness-Trainer. © Ramona Adolf
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Heute arbeitet Rüdiger Gamm als Fitness-Trainer.

Welzheim. Was gibt 87 hoch 12? Für Rüdiger Gamm kein Problem. Binnen Sekunden nennt der 47-Jährige aus Welzheim die Antwort, eine 24-stellige Zahl. Einen Taschenrechner benötigt er dafür nicht. Nur seinen Kopf. Wie er das macht? Rüdiger Gamm aktiviert beim Rechnen Areale seines Hirns, die andere Menschen nicht bewusst nutzen können.

So kann er in rasanter Geschwindigkeit schwindelerregend hohe Zahlen berechnen und ausspucken. Es sei „reine Übungssache“, sagt Gamm. Etwas Talent gehöre allerdings auch dazu – „und ein bisschen Auswendiglernen“, gesteht er.

Mit seinen mathematischen Fähigkeiten schafft es der gebürtige Welzheimer 1994 in die ZDF-Sendung „Wetten, dass…?“. Ein halbes Jahr bereitet er sich darauf vor. Sechs Stunden pro Tag rechnet er. „Das war purer Wahnsinn“, sagt Gamm, „aber ich habe es durchgezogen“. Und hat Erfolg. Der Welzheimer versetzt mit seinen Rechenkünsten ein Millionenpublikum ins Staunen. Jede ihm gestellte Rechenaufgabe löst er fehlerfrei – und wird am Ende des Abends Wettkönig. Als Belohnung erhält er 8400 D-Mark. „Das war damals eine Menge Geld“, erinnert er sich.

Mit einem Schlag bekannt geworden

Mit einem Schlag ist Rüdiger Gamm deutschlandweit bekannt. „Mein Terminkalender war 1994 und 1995 voll.“ Der Welzheimer löst fortan überall im Land Matheaufgaben – in Discos oder bei Straßenfesten. Zudem sei er nach „Wetten, dass…?“ an die 120 Mal vor der Kamera gestanden, erzählt Gamm. In TV-Shows oder als Experte in diversen Dokumentationen. „Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass so ein Hype um meine Person ausbrechen würde.“

Doch der plötzliche Ruhm hat auch seine Schattenseiten. Ab und an wird Gamm auf offener Straße von Neidern angepöbelt, beleidigt und einmal sogar als „der Teufel mit den Zahlen“ bezeichnet. Doch das Rechengenie behält stets die Ruhe und kümmert sich lieber um seine Zahlen. Mit Erfolg. Gamm holt unter anderem im Jahr 2006 den Weltpokal im Kopfrechnen und wird im Jahr 2013 zu „Deutschlands Superhirn“ gekürt. Zudem schreibt er in dieser Zeit gemeinsam mit seiner Ehefrau Alexandra Ehlert zwei Bücher zum Thema Gehirnjogging und hält landauf, landab Vorträge als Mentaltrainer.

In der Schule war ich katastrophal

Dass Rüdiger Gamm einmal ein Rechengenie werden würde, war jedoch lange Zeit unvorstellbar – auch für ihn selbst: „In der Schule war ich katastrophal“, erinnert er sich. „Ich habe in Mathe und in Physik regelmäßig eine Fünf bekommen.“ Das habe auch einen Grund gehabt: „Mit 14 Jahren war mir mein Bizeps wichtiger als Mathematik“, gesteht er. In jungen Jahren habe er lieber leistungsmäßig Kraftsport betrieben und gefechtet. Die Folge: Sechs Mal muss er wegen seiner schlechten Noten die Schule wechseln oder eine Klasse wiederholen. Erst als er nicht mehr die Schulbank drücken muss, entdeckt der damals 21-Jährige sein Interesse an Zahlen – und seine besonderen mathematischen Fähigkeiten.

Kraftsport statt Zahlen

Auch wenn der heute 47-Jährige früher selbst schlecht in der Schule war, hat er für die heutige Jugend einen Tipp: „Lernt einfach – und vor allem regelmäßig.“ Auch in den Ferien. „Täglich eine halbe Stunde reicht.“ Denn „kontinuierliches Lernen ist elementar wichtig“, erklärt Gamm. Schließlich sei das Gehirn ein Muskel, der trainiert werden will. Vergleichbar mit den Muskeln an den Armen. „Die bekommt man auch nicht, indem man nur einmal die Woche ins Fitnessstudio geht.“ 25 Jahre nach seinem Erfolg bei „Wetten, dass…?“ ist der Hype um seine Person etwas verflogen. Rüdiger Gamm hält zwar weiterhin Vorträge, führt aber ansonsten ein „ganz normales Leben“. Tagsüber arbeitet der 47-Jährige in einem Welzheimer Fitnessstudio als Fitness- und Krafttrainer – seine zweite große Leidenschaft. Gleichzeitig bereitet er sich derzeit auf seine Prüfung als Gesundheitstrainer vor.

„Er macht jetzt das, was er schon immer machen wollte“, sagt Ehefrau Alexandra Ehlert über ihren „liebenswerten Chaoten“, der seit fünf Jahren vegan lebt. Seitdem fühle er sich „körperlich und geistig noch leistungsfähiger“, sagt er selbst. Das merke er nicht nur beim täglichen Sport, sondern auch, wenn er mal wieder mit ellenlangen Zahlen jongliert – und zum Beispiel 87 hoch 12 ausrechnet. Die Lösung lautet im Übrigen: 188 031 682 201 497 672 618 081.


Zur Person

Rüdiger Gamm gilt als eines der größten Rechengenies und spricht mehrere Fremdsprachen perfekt – gerne auch rückwärts. Sein IQ liegt bei 200.

Dabei geht es nicht nur um das Rechnen im herkömmlichen Sinne, sondern auch um das Behalten von Ergebnissen mit großen Zahlenmengen, die bei Bedarf auch nach vielen Jahren „abgerufen“ werden können. Er betont, die Notwendigkeit, angeborene Fähigkeiten und Talente permanent zu trainieren.

Gamm leidet unter keinerlei Behinderungen oder Einschränkungen wie Autismus oder anderen Hirnfunktionsstörungen. Allan Snyder, ein Experte für Inselbegabte, stellte nach einer Untersuchung fest, dass Rüdiger Gamm kein Savant ist. Er hat die Fähigkeit, seine Rechenalgorithmen neuen Problemen anzupassen.

Bei verschiedenen wissenschaftlichen Untersuchungen wurde eine Vergrößerung der Hirnlappen und ein stark verdicktes Corpus callosum festgestellt. Darüber hinaus wurde auch nachgewiesen, dass er das episodische Gedächtnis für seine Berechnungen verwendet.

Seine Jugend verbrachte Gamm im Alfdorfer Ortsteil Rienharz. Während der Schulzeit war Mathematik sein Problemfach. Nach der Mittleren Reife machte Gamm eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann.

Nach der Lektüre eines mathematischen Buchs entdeckte er seine Fähigkeiten und lernte zunächst die Quadratzahlen zwischen 1 und 99 auswendig. Weitere Potenzen und auswendig gelernte Zahlenprodukte kamen dazu und nach einer Woche stellte er fest, dass er schneller im Kopf rechnen konnte als ein Rechenmeister, der im Radio auftrat.