Welzheim

Weihnachtsgeschichte aus Alfdorf-Hintersteinenberg: Ninjuk und sein Geheimnis

Esel 1
Ninjuk und Einar im Stall - eine schöne Weihnachtsgeschichte von Markus Metzger für alle Kinder und Erwachsenen. © Markus Metzger

„Mit meiner eigenen Weihnachtsgeschichte, die so überall im Welzheimer Wald stattfinden könnte, möchte ich den Lesern im Rems-Murr-Kreis ein Lächeln oder vielleicht auch eine Träne ins Gesicht zaubern“, erklärt Markus Metzger, freier Mitarbeiter und Fotograf des Zeitungsverlags Waiblingen.

Ein kleiner Esel namens Ninjuk

Alle Jahre wieder wird es Weihnachten. Alle Jahre wieder auch bei den Tieren. Ein kleiner Stall in einem kleinen Ort, ganz in der Nähe von hier, machte hier keine Ausnahme. Sein stolzester Bewohner war ein kleiner Esel namens Ninjuk, der sich seine Box mit einer Eselin namens Einar teilen musste. Er musste sie teilen, Ninjuk empfand es so. Es spielte für ihn keine Rolle, ob es Weihnachten war, er konnte diese Eselin nicht mehr sehen. Sie nahm ihm seinen Platz weg, denn er war schließlich „der Mann“ im Stall. Er selber achtete sehr genau auf sein Fell, ging jeden Morgen seines Weges und weiß Gott was hätte er dafür gegeben, einmal nicht diesen dämlichen Kutscher, der ihn mit der Peitsche antrieb, sehen zu müssen.

Es war also Weihnachtsmorgen. Wie jeden Tag wurde er vor die Kutsche gespannt, Eselin Einar hinter ihn. Jedes Mal, wenn er dieses monotone Dasein innerlich zutiefst ablehnte, sah er die Augen von Einar, die hinter ihm lief. Er stellte es sich vor, auch des Kutschers Grinsen. Er selber sah aber nicht nach hinten. Sein Leben war Kämpfen, erstens dies ertragen zu müssen, zweitens sein innerer Kampf, ein Esel sein zu wollen, wie es sie auf den Koppeln und auf den Feldern gibt. Auch er wollte täglich essen, wann er wollte, trinken, wann er es für gut empfand, und nicht ein Sklave dieser Szenerie sein, in der es Einar, den Kutscher und, wenn es hochkam, die anderen Tiere des Stalles gab.

Ninjuk und die Ratte Donder

Sein Leben schien besiegelt, jedoch eins stand für ihn fest: Aufgeben war keine Option! Ninjuk wurde an diesem Abend in seine Box gebracht, Einar auch. Er wusste, dass heute ein besonderer Abend war, draußen brannte länger das Licht als sonst und der Kutscher war etwas besser gelaunt. Er bekam sogar etwas mehr Heu. Ninjuk war innerlich zornig, die Jahre hatten es angehäuft, er wollte Gott ... den Kutscher und vor allem die Eselin, die ihre Hufe schon wieder auf seinen Bereich ausdehnte, zerreißen.

Er wusste, dass es Gott gab, auch ein Esel weiß das, denn irgendjemand musste ja schließlich für das Dilemma zur Rechenschaft gezogen werden! Gott war schuld! Und an Weihnachten, an dem Tag, an dem das Licht länger brannte, und es einmal mehr Essen gab ... sowieso. Ninjuk schlummerte langsam ein, und als diese kleine Gestalt am Ende seines Ohres ... „Eine kleine Ratte??? Verschwinde!“, brüllte er, als er sie bemerkte.

Ninjuk fuhr hoch und als ob er nicht genug für heute hatte, musste er sich noch mit Ungeziefer rumplagen. „Mein Name ist Donder,“ flüsterte die Ratte. „Donder? Pass mal auf, Donder, du bist gleich im Mäusehimmel wenn du nicht sofort das Weite suchst“, schrie Ninjuk die kleine Gestalt an. „Ninjuk. Ich habe vier Worte für dich“, flüsterte die Ratte. „Und ich, Fräulein, habe eines für dich: Ratatouille“ , erwiderte Ninjuk. Die kleine Ratte ging nicht auf seine Drohung ein und sprach ihre Botschaft mutig aus: „Es darf leicht sein.“

Ein Jahr das Leben leicht sein lassen 

„Wie, was darf leicht sein? Mein Leben? Du Ratte hast doch keine Ahnung! Es darf leicht sein, so ein Quark! Mein Leben, mein Leben ist harte Arbeit, freudloses Dasein und guck mal 30 cm neben dich. Eine Eselin, die gerade zum zweiten Mal ihre Hufe in meinen Bereich streckt“, schrie Ninjuk die Ratte an. „Ja Ninjuk, mach es dir selber nicht so schwer. Du hast, was du brauchst. Du wirst all das haben, wonach du verlangst, nur ... lass es leicht sein“, sagte die Ratte erneut mit sehr ruhiger Stimme.

Ninjuk war zwar sauer, aber er schwieg für einen Moment. Er sah die Ratte noch mal an, sie lächelte. Er drehte seinen Kopf weg, dachte über die Worte nach und sagte innerlich zu sich: „Gut, ein Jahr. Ich versuche es ein Jahr. Ich werde nicht nach der Koppel Ausschau halten, versuchen, Einar und diesen Kutscher links liegen zu lassen, und in einem Jahr mache ich diese Ratte zu Matschmarmelade, sollte sie nicht recht haben.“ Er wollte sich umdrehen, doch eine gewaltige Müdigkeit überkam ihn und er sank auf Einars Hufe und schlief ein.

Einen Tag bewusst alles wahrnehmen

Am nächsten Morgen blinzelte er und das einfallende Licht blendete ihn. Er wusste nicht, warum er nachts von Ratten und „Ratatouile“ träumte, nur etwas war anders ... Unser Freund war ruhiger. Er sammelte seine fünf Sinne, erhob sich und hatte die Worte „Einfach, es darf einfach sein“ im Kopf. Etwas benebelt weckte er Einar neben sich. Einar blickte ihn wie jeden Morgen misstrauisch an, sie wusste ja nicht ob, Ninjuk heute gut gelaunt war.

Beide Esel wurden auch an diesem Weihnachtstagsmorgen vor die Kutsche gespannt. Ninjuk fühlte sich leichter. Er wusste nicht, warum, aber er achtete unbewusst auf seine Schritte. In der Regel trat er Einar auf ihre Hufe, diesmal konzentrierte er sich besser. Er hatte Mitleid, er passte auf. Auch den Kutscher, der seine Peitsche auf ihn einschlug, ließ er erst mal gewähren. Er registrierte es nicht und anders als sonst war er nicht so bockig, er schritt brav seinen Weg entlang und Einar folgte ihm. Er schritt bewusst und das den ganzen Tag. Er atmete bewusst, so als ob er diesen Moment einfrieren wollte. Nie hatte er den Augenblick an sich wahrgenommen. Immer war er in Gedanken in der Zukunft, auf der Wunsch-Koppel und noch ein Stück voraus. Völlig ruhig und für ihn ungewöhnlich berauscht im Kopf lebte er im Jetzt. Nur einen Tag wollte er bewusst alles wahrnehmen und er, der Tag, veränderte etwas ...

Es darf einfach sein, Ninjuk

Am Abend, als die Sonne langsam schlafen ging, wurde auch er wieder ganz normal in seine Scheune gebracht. Einar blickte ihn verwundert an. Sie dachte bei sich, ob der alte Kampf- Esel wohl krank sei? Er war so still. Ninjuk stand in seiner Box, Einar daneben. Er blickte sich in der Scheune um, es war warm und viele Tiere waren da, die er nie richtig registriert hatte. Er fraß sein Heu und Einar dachte die ganze Zeit, wie sie dem kranken, nicht-brüllenden Esel wohl helfen konnte.

Andererseits: So schlecht fand sie den Zustand gar nicht. Ninjuk blickte sich noch mal um, dachte über den Tag nach. Es ging ihm besser als gestern, nur warum? Wer hatte ihm diesen schönen Tag beschert und im Übrigen, warum blickte ihn Einar dauernd so an? Ninjuk, der alte Esel, beschloss, diesen Tag zu wiederholen. Es würde kein Weihnachtstag sein, aber die Eselin Einar konnte er morgen noch mehr beeindrucken, weil, was einmal ging, würde immer wieder so gehen, mit Ruhe und so. Und es ging.

An den folgenden Tagen sah er die Tage nicht als aufgebürdete Last, er sah sie als Herausforderung und machte sich einen Spaß daraus!! Im Geist schwang immer „Es darf einfach sein“ mit und Ninjuk machte es sich einfach!! Er lebte ganz im „Jetzt“. Er achtete auf seine Schritte - grüßte, so wie es ein Esel eben kann - die vorbeilaufenden Passanten und immer mehr Kinder wollten ihn laufen sehen. Einar war stolz. Erstens waren ihre Hufe nicht mehr so geschwollen, weil Ninjuk nicht mehr andauernd drauftrat und zweitens, Ninjuk gab ihr Sicherheit.

Das Leben ist besser, wenn man es besser werden lässt

Wo er hintrat, wusste sie, konnte sie auch hintreten, sie konnte sich auf ihn verlassen. Stolz war sie, weil sie ihn hatte. Sie hatte ihn gefunden (was natürlich nicht stimmte, weil sie als Baby-Esel nun mal in die gleiche Box gekommen waren), aber das spielte für sie keine Rolle. Er erleichterte ihr vieles, vor allem schlug der Kutscher nicht mehr zu. Es gab keinen Grund mehr. Der vorige sture Ninjuk hatte sein Verhalten geändert, das wiederum änderte Einars Laufschritt und unser Kutscher konnte alle Arbeiten schneller als sonst erledigen. Er kam früher heim, hatte mehr Zeit für seine Kinder und wurde ebenfalls ruhiger.

Ninjuk freute sich jeden Tag, jeden neuen Monat, abends heimzukommen und die Tiere der Scheune zu begrüßen. Wenn er eintrat, brachte er Frieden in seinem Geist mit, was er ausstrahlte, und auch wenn es keiner merkte, Eselin Einar wusste es. Und es verging ein ganzes Jahr und „Weihnachten“ stand erneut vor der Tür. Ninjuk wusste, dass sich alles verändert hatte. Es war alles leichter geworden und nur deshalb, weil er das erwartete und so sah. Er sah morgens, dass er am Abend, egal was der Tag brachte, daheim sein würde - neben Einar. Er wusste, dass, wenn es mit Einar mal zu eng wurde, er es ihr sagen konnte und sie es verstand und sich einrollte.

Zukunft gestaltet sich aus der Gegenwart

Er atmete bewusst die Momente, die es gab, ein. Er machte sich keine Sorgen um das Morgen und was er verpasste, er begann stattdessen zu schwimmen. Er schwamm in seinem eigenen Lebensfluss, den er sich vielleicht nicht selbst so gewählt hatte, aber er bestimmte seine Ansicht darüber. Er wurde sehr ruhig, er lebte bewusst im Jetzt, das wiederum schenkte ihm enorme Kraft, um Dinge zu tun, welche er vorher nie hätte tun können. Er lebte Tag für Tag und sorgte sich so gut wie nicht mehr, für was auch?

Egal wie viel er sich sorgen würde, er würde damit nichts ändern. Er bündelte all seine Kraft auf seine Aufgaben, die heute anstanden, die Zukunft gestaltete sich nur aus der Gegenwart.

Er nahm sich bewusst seine Auszeit, die er vorher mit Gram verplempert hatte, und träumte in diesen Momenten von der Koppel und dem Feld, auf dem andere Esel grasen. Der Unterschied war jedoch, innerlich war er bereits dort. Er wusste es und Einar natürlich auch.

Donder, die Ratte erscheint Ninjuk im Traum

Der Abend brach an und Ninjuk wartete auf die Ratte. Er grübelte, wie sie hieß. „Genau, Donder“, erinnerte er sich. Er saß ruhig in seiner Box, Einar schlief neben ihm. Es war kurz vor Mitternacht in der heiligsten Nacht des Jahres. Auch ein Esel weiß, dass Gott hier den Menschen so nahe ist wie sonst selten, denn in dieser Nacht und in den darauffolgenden Tagen sind viele Menschen ihm nahe. Und Ninjuk wusste, dass er sich immer beschwert hatte und dass die Ratte recht behielt. Er wollte sich bedanken, doch ... sie kam nicht. Er wartete bis nach Mitternacht und redete, wie er es mit den Tieren im Stall sonst tat, mit Gott. Frei und ohne jede Furcht.

Er sagte ihm, was er noch vermisste und für was er dankbar war. Er wusste von den Dingen, die in seinem Leben falschgelaufen waren, vertraute es ihm an und bat ihn, sich weiter darum zu kümmern. Er würde, so sagte er es ihm, weiter an sich arbeiten und alles etwas „einfacher“ sehen. So schlief er ein und „Donder“ kam. Donder, seine kleine Ratte, erschien ihm im Traum. Sie sprach nicht viel, sie lächelte und nickte ihm zu. Er wusste es. Er kannte die Lösung, das war es also, das wollte sie ihm sagen!

„Der Einzige, den er verändern konnte, war nicht der Kutscher, nicht Einar und nicht die Tiere im Stall, der Einzige, den er verändern konnt, war er selbst.“ Donder gab ihm ein Jahr zuvor nur den Schlüssel, die Worte „Es darf einfach sein“ beflügelten Ninjuk, dort anzufangen, wo er war, mit den Mitteln, die er bereits hatte. Woher Donder einst kam, wusste er nicht, warum er diese Worte hörte, auch nicht, aber spielte dies eine Rolle? Ninjuk erwachte wie ein Jahr zuvor wieder am Weihnachtsmorgen.

Ninjuks Traum wird am Weihnachtsmorgen wahr

Der Kutscher machte das mächtige Tor auf, Sonne fiel durch die Bretter der Stalltür und er nahm seine Esel Ninjuk und Einar und führte sie beide hinaus. Er ging mit ihnen auf die Koppel hinter dem Stall und ließ sie mit den Worten laufen: „Ihr habt ein Leben meine Kutsche gezogen und mir geholfen, dies zu erhalten, von nun an werde ich euch öfters hier herbringen. Ich hoffe, ihr genießt die frische Luft.“

Ninjuk war ein Esel und konnte nicht weinen, aber in dem Moment musste er tief schlucken und an Donder denken, und er war sich sicher, er würde seinen kleinen Freund nie vergessen. Frohe Weihnachten, „es darf einfach sein“, in jedem Leben.

„Mit meiner eigenen Weihnachtsgeschichte, die so überall im Welzheimer Wald stattfinden könnte, möchte ich den Lesern im Rems-Murr-Kreis ein Lächeln oder vielleicht auch eine Träne ins Gesicht zaubern“, erklärt Markus Metzger, freier Mitarbeiter und Fotograf des Zeitungsverlags Waiblingen.

Ein kleiner Esel namens Ninjuk

Alle Jahre wieder wird es Weihnachten. Alle Jahre wieder auch bei den Tieren. Ein kleiner Stall in einem kleinen Ort, ganz in der Nähe von hier, machte hier

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