Welzheim

Welzheimer ATB-Belegschaft wehrt sich gegen ihre Abwicklung

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Kämpferisch und entschlossen: ATB-Beschäftigte bei der Protestkundgebung auf dem Welzheimer Marktplatz. © Jamuna Siehler

Welzheim. Eine Belegschaft wehrt sich gegen die kafkaeske Unberechenbarkeit des globalisierten Kapitalismus – der Kampf der Welzheimer ATB-Leute nimmt immer symbolträchtigere Züge an. Am Dienstag demonstrierten 300 Leute gegen die Entlassungspläne der chinesischen Eigner.

Wieder die roten Gewerkschaftsfahnen, die roten Mützen, die Trillerpfeifen, wieder all die Gesichter, glühend vor Zusammengehörigkeitsgefühl und brennend vor Grimm: Neulich schon sind sie raus aus der Halle gezogen, vor die Pforte, 200 Leute stark. Und nun: 300 sind es diesmal, mehr, als die ATB in Welzheim überhaupt Beschäftigte hat, Ehemalige sind dabei, Verwandte, Kollegen aus anderen Betrieben. „Der Fisch stinkt vom Kopf“, steht auf einem Plakat, auf einem anderen prangt ein hässliches Federvieh, der „Profit-Geier“. Eine ältere Frau gesellt sich zu ein paar jüngeren: „I muaß euch doch underschdütza.“ – „Brauchsch a Pfeif?“ – „Gib her!“

Einst hieß der Betrieb Bauknecht. 2100 Leute arbeiteten hier in Welzheim. Es folgten Verkäufe und Besitzerwechsel, Geschäftsführer kamen und gingen, aus Bauknecht wurde A-Tec, aus A-Tec ATB und aus dem Stammsitz Welzheim ein Ball in einem Spiel. Die Bosse jonglieren mit Standorten, Tarnow in Polen, Subotica in Serbien oder Wuhan in China, und weshalb sie den einen schwungvoll hochwerfen und den anderen achtlos fallen lassen: Wer kann das schon nachvollziehen? Der Welzheimer Geschäftsführer, das sagen alle, die Einblick in die Interna haben, sei ein „Strohmannn“, dürfe nur Weisungen aus der Zentrale in Wien exekutieren; und die Zentrale in Wien erhalte ihre Instruktionen vom anderen Ende der Welt. ATB gehört mittlerweile der Wolong-Gruppe in China.

Noch vor wenigen Jahren zitierten österreichische Zeitungen einen Konzernsprecher: „Wir subtrahieren nicht, wir addieren nur, das gilt für Ergebniszahlen genauso wie für Arbeitsplätze.“ Nun ja. Die Welzheimer Mathematik geht so: Von den letzten 280 verbliebenen Arbeitsplätzen sollen 200 gestrichen werden.

„Es steckt Kraft in den Händen der Arbeitenden“

Sie marschieren in Blaumann oder Wanderjacke, Rentner mit Regenschirm und Hörgerät neben jungen Mädchen, voraus tuckert ein Traktor mit Notstromaggregat und Lautsprechern, so ziehen sie auf den Welzheimer Marktplatz, ein Passant reiht sich ein, „ich will euch helfen“, ein Deutschtürke reckt sein Schild empor, „Alevitischer Verein für den Standort Welzheim!!!“, und aus den Boxen flutet ein Lied des Songschreibers Billy Bragg: „There’s power in a factory, power in the land, power in the hands of a worker, but it all amounts to nothing, if together we don’t stand – there is power in a union!“ Es steckt Kraft in einer Fabrik, Kraft in einem Land, Kraft in den Händen der Arbeitenden, aber zusammengezählt ergibt all das nichts, wenn wir nicht zusammenstehen – es steckt Kraft in einer Gewerkschaft, im Bündnis.

Der Betriebsratsvorsitzende Marco Hogh, drahtig, freundlich, aufgeweckt, ist grade mal 29, „aber ich kenne die Halle wie meine Westentasche“. Ja, er weiß, es gibt „Baustellen“ im Betrieb, Arbeitsprozesse müssen verbessert werden, aber verdammt, hier lassen sich nach wie vor „Motoren profitabel bauen“. Mit seinen Mitstreitern erarbeitet er derzeit ein „Belegschaftskonzept“, das den Laden in die Zukunft führen soll. „Ich habe selten erlebt, dass ein Betriebsrat so intensiv, so professionell kämpft, um den Standort zu retten“, erzählt Christian Friedrich, IG Metall. Die Geschäftsführung mag das anders sehen. Sie hat, erzählt Hogh, den Welzheimern vorgeworfen, „unberechenbar zu sein“, weil sie ihren Untergang nicht klaglos abnicken. „Ja“, ruft Hogh vom Traktoranhänger aus ins Menschenhalbrund auf dem Marktplatz, „wir sind derzeit unberechenbar!“ Eine Betriebsrede des Chefs haben sie neulich „mit ohrenbetäubendem Pfeifkonzert“ quittiert.

In Wien zischeln sie schon und wiegen die Köpfe: „Die Welzheimer tun gerade verrückte Dinge“ . . . Richtig, sagt Hogh, „schauen Sie mal, wie verrückt die Belegschaft gerade ist!“ Applaus, Pfeifen, Jubel.

Neulich, erzählt Matthias Fuchs von der IG Metall, habe ihm ein Anwalt der Arbeitgeberseite erklärt: „Das Unternehmen hat entschieden, finden Sie sich damit ab.“ Zwischenrufe aus der Menge: „skrupellos“, „Sauerei!“ Dabei, fährt Fuchs fort, kenne er „nicht einen einzigen Fall“, da die Belegschaft schuld war an der Schieflage eines Unternehmens – aber „viele Fälle“, da Manager Innovationen versäumten, Entwicklungen verschliefen, „Scheiße bauten“.

Es sind denkwürdige Tage derzeit in Welzheim – aber was wird bleiben? Keimt hier gerade die Zukunft? Oder werden die Bosse einfach warten, bis die Welle sich bricht? Einer im Protestpulk sagt zu seinem Nebenmann: „Wir können später mal sagen, wir haben alles probiert. Hat nicht geklappt. Aber wir haben’s probiert.“ Hier wird gerade Geschichte geschrieben – nur: Welche Überschrift wird das Kapitel tragen? „There is power in a union“? Oder „Die Aussichtslosigkeit allen Aufbegehrens“?

„Gemeinsam sind wir stark!“, ruft einer aus der Menge. Marco Hogh: „Wir werden uns nicht scheuen, diese Schweinerei auch in der Innenstadt von Wien zum Ausdruck zu bringen!“ Und Gewerkschafter Fuchs: „Wir sollen die Busse finanzieren, die nach Wien fahren? Kein Problem!“

Ein paar hundert Leute in einer schwäbischen Kleinstadt: Können sie gewinnen? Hat irgendwer einen solchen Kampf je gewonnen? „Wir sind am Anfang dieser Auseinandersetzung“, sagt Matthias Fuchs. „Wir laufen uns gerade erst warm.“

Der Bürgermeister

Auch der Welzheimer Bürgermeister Thomas Bernlöhr sprach bei der Kundgebung auf dem Marktplatz: Noch 2012 habe die ATB-Geschäftsführung „vor dem Welzheimer Gemeinderat“ versichert, die chinesische Wolong-Gruppe „habe ernsthafte Interessen am Standort Deutschland und damit am Standort Welzheim. Warum wird aktuell in andere Werke in Deutschland investiert und gerade am Stammsitz hier in Welzheim ein komplettes Werk geschlossen? Warum wird nicht so wie bereits angekündigt in Forschung und Entwicklung investiert? Warum werden zum Beispiel solche Funktionen nicht nach Welzheim verlagert und hier zusammengeführt, wenn schon andere kostenträchtige einfache Tätigkeiten aus Welzheim wegverlagert werden sollen? Wo sind die Pläne, wie Welzheim fit und wirtschaftlich gemacht wird, mit deren Ausarbeitung die Geschäftsführungen bis Herbst 2015 beauftragt waren?“