Welzheim

Wie der Welzheimer Feuersee sein Gesicht verändern wird

Feuerseeneu
Diese mehr idyllische Perspektive in Richtung stadtauswärts bleibt erhalten. © Gaby Schneider

Die einen fühlen sich erschlagen von der Größe des Bauwerks und der Nähe zum Welzheimer Wahrzeichen Feuersee, die anderen sehen sehr gute Entwicklungschancen für das Areal am südlichen Stadtzentrum. Die Bauarbeiten am Wohn- und Geschäftshaus am See mit einer langen Vorgeschichte sind nun so weit gediehen, dass die Größe des Objekts unübersehbar erkennbar ist. Vielleicht vermittelt das Betongrau einen erdrückenden Eindruck, der sich später mit einer hellen Fassade wieder abschwächen lässt.

Geplanter Bürgergarten steigert die Attraktivität des Areals

Die Entscheidung hat der Gemeinderat vor Jahren gefällt und ist deshalb zu akzeptieren, dennoch ist, nachdem das Objekt in der Dimension zu sehen ist, eine kritische Würdigung erlaubt. Wir haben dazu Nachbarn um eine Stellungnahme gebeten, so zum Beispiel den Geschäftsführer des Optik-Fachgeschäftes Michael Linde: „Die Weiterentwicklung unserer Stadt freut mich natürlich besonders - das steigert die Attraktivität von Welzheim als Lebens- und Arbeitsmittelpunkt. Sei es die Wilhelmstraße, der Kirchplatz und dann noch der kommende Bürgergarten."

Linde: Stadt zahlt dafür einen hohen Preis

"Auch der Feuersee mit Brunnen gehört einfach seit jeher zum Welzheimer Stadtbild mit dazu. Schade, dass damals im Gemeinderat die „ganz große Lösung“ die Stimmenmehrheit erobert hat - dadurch entstehen der so dringend benötigte Wohnraum, Büro- und Praxisräume und zusätzliche Verkaufsflächen. Allerdings ist der Preis dafür natürlich sehr hoch - der martialisch anmutende Bau direkt am See lässt diesen eher zum Tümpel mutieren, wobei bekanntlich die Schönheit im Auge des Betrachters liegt.“

Eine ganz andere Auffassung vertritt der Leiter der Stadtbücherei, Frederik Guth, der vor allem die Chance der künftigen Entwicklung einer Mediathek im bestehenden hinteren Nachbargebäude sieht: „Die Veränderungen am Feuersee beziehen sich ja nicht nur auf den Bau des Wohn- und Geschäftshauses, sondern auch auf die Neugestaltung des Zentralen Omnibusbahnhofs (ZOB) und die Neugestaltung der Grünachse/Bürgergarten und natürlich die neue Mediathek am Postweg 2."

Guth: Attraktives Stadtquartier entsteht

"Es entsteht durch diese gebündelten Maßnahmen ein ganz neues Quartier mit einem sehr attraktiven Angebot für die Bevölkerung. Durch das Wohn- und Geschäftshaus hat man in absolut zentraler Lage wichtige Einkaufsmöglichkeiten in unmittelbarer Laufnähe. Durch die neue Grünachse entsteht ein sehr natürlicher Rückzugs- und Erholungsort, eine kleine Oase mitten in der Stadt.

Auch für die neue Welzheimer Mediathek am Postweg 2 ergeben sich hierdurch ganz neue Möglichkeiten. Wir erwarten durch den neuen Standort wesentlich mehr Laufkundschaft als bisher. Geplant ist, im Bereich der Grünachse in direkter Nähe zur Mediathek ein kleines Amphitheater zu bauen. Dies kann die Mediathek hervorragend für Lesungen und andere Veranstaltungen in ihre Öffentlichkeitsarbeit integrieren. Der neue Standort ist für die Mediathek per se ein Gewinn. Durch einen ansprechend gestalteten Umbau und eine attraktive Innenraumgestaltung wird die neue Mediathek sicher sehr viele neue Kunden/-innen anziehen:“

Feuersee hat eine große historische Bedeutung

Der Feuersee als ein Wahrzeichen von Welzheim war schon immer ein beleibtes Fotomotiv und ist deshalb auch auf alten Postkarten zu finden. Gespeist wird der See von einer Quelle, die über den Kindlesbrunnen den See bewässert.

Die ehemalige Oberamtsstadt Welzheim war schon immer im Besitz einer sogenannten artesischen Quelle, die besonders in früheren Zeiten für die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung große Bedeutung hatte. Wegen des Überdrucks sprudelte das Wasser ununterbrochen aus dem Boden und musste nicht wie bei anderen Brunnen kräftezehrend gepumpt werden, so Ursula Marquardt in ihrem Buch „Damals in Welzheim“. Die Quelle entspringt im Garten des Grundstücks von Dr. Bautz in der Bahnhofstraße und wurde früher „Kindles-Brunnen“ genannt und speist noch heute den Brunnen am Feuersee.

Später bekam der frühere Badesee seine heutige rechteckige Form und wurde zum Feuersee umbenannt. Aus dieser Zeit stammt der noch heute existierende, 1847 erbaute Eisenbrunnen am Feuersee, ein Schmuckstück für die Stadt Welzheim bis zum heutigen Tag.

Becker: Feuersee war schon immer ein Anziehungspunkt

Auf die historische Bedeutung des Feuersees nimmt Prädikant Martin Becker in seiner Stellungnahme Bezug. Als Ausrichter des Welzheimer Friedensgebets ist er jeden Montagabend ein guter Nachbar des Feuersees und beobachtet die Entwicklung des Areals. Ein verstorbener Friedensgebetsbesucher und ein Mensch der Welzheimer Geschichten erzählte immer von der Pflastersteinrampe in den Feuersee. Die Rampe wurde als Tränke für Pferde genutzt. Anscheinend hätten die Tiere nur dieses für die Qualität bekannte Wasser getrunken.

„Ein See in der Mitte einer Stadt ist immer ein Anziehungspunkt. Wasser ist Leben. Spirituell ist es die Seele. Darum erfreue ich mich immer sehr an dem liebevoll gestalteten Feuersee im Herzen der Stadt. Meine große Vision ist eine grüne Lunge vom Kirchplatz über den Feuersee, den Bahnhof zum Stadtpark. Welzheim wäre so direkt an den Tannwald angeschlossen.“

Ist das neue Gebäude zu mächtig und zu massiv?

In der Pandemiezeit mit Gottesdienstfasten in der Kirche hat sich Martin Becker gewünscht, dass der Feuersee auch sakral genutzt wird. Er denkt dabei an Taufen oder Taufgedächtnis-Gottesdienste. Die Kirche müsse lernen, aus ihren Gemäuern in der Stadt sicht- und hörbar zu werden. Fronleichnam im Stadtpark als Flurprozession kann Becker deshalb nachvollziehen. Die Idee stamme noch aus einer Zeit, in der Kirchlichkeit selbstverständlich war. Heute könnten die Gläubigen von der Kirche in die Stadt ziehen und am Feuersee die Prozession münden lassen.

Das neue Geschäftshaus ist Martin Becker zu mächtig und massiv. Ihm fehlt eine Öffnung mit Stufen zum Feuersee für Gastronomie oder zur Begegnung. Die Freitreppe am Kirchturm ist ein großer Erfolg und ein wichtiger Kommunikationsort im Stadtzentrum.

Wo ist der soziale Aspekt bei der Bebauung?

Martin Becker hätte am Feuersee, an diesen prominenten Platz die Moschee gebaut. Religiöse Gebäude gehörten nicht ins Abseits oder in ein Industriegebiet, sondern in das Herz der Stadt. Dies fördere Teilhabe und Transparenz. „Wenn schon ein Wohnhaus, dann in Kombination mit Sozialwohnungen oder ausschließlich Sozialwohnungen. Dies ist Mangelware auf dem Welzheimer Wald. Ein Ãrztehaus hätte uns auch gut gestanden.“ Martin Becker fehlt bei dem großen Projekt der soziale Aspekt bei der Bebauung und Rücksicht auf die traditionelle Welzheimer Bauweise.

Frey: Erst mal abwarten, bis das Gebäude fertiggestellt ist

Mit dem Thema Feuersee hat sich der Historische Verein Welzheimer Wald in den vergangenen Jahren intensiv beschäftigt und auch einen wichtigen Beitrag zur Sanierung des Kindles-Brunnens geleistet, doch zum neuen Wohn- und Geschäftshaus am See will sich der Vorsitzende des Vereins Dietrich Frey nicht festlegen und begründet dies folgendermaßen: „Nach reiflicher Überlegung muss ich Ihnen wegen der gewünschten Stellungnahme eine Absage erteilen. Zum einen haben wir uns vom Historischen Verein bisher zu innerstädtischen Baumaßnahmen nicht geäußert, so auch nicht zur Bebauung beim Feuersee. Und dann im Nachhinein eine kritische Meinung abzugeben, halte ich für fragwürdig, da dann die Entscheidungen schon getroffen sind und nicht mehr geändert werden können. Zum anderen muss jetzt auch erst einmal abgewartet werden, wie sich, nach Abbau des Gerüstes und der farblichen Gestaltung der Außenhülle, der Neubau in die Umgebung einbindet.“

Die einen fühlen sich erschlagen von der Größe des Bauwerks und der Nähe zum Welzheimer Wahrzeichen Feuersee, die anderen sehen sehr gute Entwicklungschancen für das Areal am südlichen Stadtzentrum. Die Bauarbeiten am Wohn- und Geschäftshaus am See mit einer langen Vorgeschichte sind nun so weit gediehen, dass die Größe des Objekts unübersehbar erkennbar ist. Vielleicht vermittelt das Betongrau einen erdrückenden Eindruck, der sich später mit einer hellen Fassade wieder abschwächen

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