Welzheim

Wie ein Flüchtlingshelfer auf die Anklagebank geriet

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Welzheim/Schorndorf. Das Amtsgericht Schorndorf hat die Anklage wegen Hausfriedensbruch fallenlassen, der Staat übernimmt die Kosten des Verfahrens und Siegfried Ortlieb sieht sich rehabilitiert. Wie aber der Flüchtlingshelfer, 67, als mutmaßlicher Menschenhändler auf die schwarze Liste des Landratsamtes geriet und vor Gericht landete, ist eine ganz andere Geschichte. Eine abenteuerliche.

Seit vier Jahren engagiert sich Siegfried Ortlieb aus Stuttgart-Uhlbach für Flüchtlinge. „Wir verschaffen Flüchtlingen einen besseren Zugang zum Arbeitsmarkt“, warb der gemeinnützig anerkannte Verein „Asylhilfe für Syrien“ auf Flugblättern für seine Vermittlungsdienste. „Unsere Marktnische befindet sich an den Toren von Flüchtlingscamps und -Unterkünften, wohin wir über unsere lokalen Kontaktleute Zugang haben und so gemeinsam geeignete Bewerber herausfiltern können.“

Mehr als 100 Flüchtlingen hat Ortlieb über die Jahre vermittelt, überwiegend in Stuttgart und im Landkreis Esslingen. Legal verstehe sich. Und er habe nirgends irgendwelche Probleme erlebt. Denn bevor die Flüchtlinge ihren Job antraten, sorgte er bei den Ausländerbehörden und bei der Agentur für Arbeit für die notwendige Arbeitserlaubnis. Nichts anderes hatte er an jenem Tag im August in Welzheim vor, als er zwei Inder mit dem grünen Kleinlaster einer Gärtnerei abholen wollte und nassforsch mit den Worten „Ich bin der Siggy“ in den Bürocontainer spazierte.

Sozialarbeiterin macht üble Vorwürfe

Da hatte die Sozialarbeiterin Katja B. (Name geändert) längst Verdacht geschöpft. Im Nu gerieten die beiden über Kreuz. Schon Ortliebs vorschnelles Du von Flüchtlingshelfer zu Flüchtlingshelferin war Katja B. übel auf gestoßen. Ein Wort gab das andere. Ihr Vorwurf: Ortlieb habe sie unerlaubterweise fotografiert und aus der Gemeinschaftsunterkunft in Welzheim fünf Flüchtlinge quasi entführt. Bis auf einen seien alle ohne gültige Arbeitserlaubnis. Angeblich war er mit einem geschlossenen Kastenwagen ohne Sitzgelegenheiten unterwegs. Trotz ihrer Warnung „Jungs, das dürft ihr nicht!“ seien die Männer freiwillig mitgegangen – und blieben mehrere Nächte weg. Zwei angeblich für immer.

Stabsstelle der Integrationsförderung warnte vor Ortlieb

Verdächtiger ging es kaum. Und Ortliebs Ausflug nach Welzheim schlug hohe Wellen im Rems-Murr-Kreis. Anonym wurde auch unsere Zeitung über den Vorfall informiert und auf das Rundschreiben verwiesen, in dem die Stabsstelle Integrationsförderung die Leitungen sämtlicher Unterkünfte vor Ortlieb warnte: „Wir gehen davon aus, dass es sich bei diesem Vorfall um keinen Einzelfall handeln wird, sondern weitere Gemeinschaftsunterkünfte zur Anwerbung von Arbeitern auf diese oder ähnliche Art angefahren werden“, hieß es in dem Schreiben. Und: „Eine Vermittlung gegebenenfalls arbeitsberechtigter Geflüchteter hat zentral über das IBA-Team beziehungsweise das Büro-Team der Stabsstelle Integrationsförderung zu erfolgen“. Eine aus Sicht von Ortliebs Verteidiger vor Gericht übrigens ausgesprochen fragwürdige Rechtsauffassung, was Flüchtlinge erlaubt ist und was nicht. Abschließend riet die Stabsstelle den Leitungen, Ortlieb ein Hausverbot auszusprechen und notfalls die Polizei zu rufen.

Anzeige trotz Entschuldigung

Ortlieb erinnerte sich vor dem Amtsgericht Schorndorf völlig anders an diesen ominösen Tag in Welzheim. Er sei dort mit zwei Indern verabredet gewesen, die für einen Helferjob in einer Fellbacher Gärtnerei infrage kamen. Wie sich herausstellte, wohnten die gar nicht in dem Heim, sondern gegenüber. Wie auch immer. Weder habe er das Schild gesehen, das ihm als Unbefugten der Zutritt zum Gelände untersagte, noch habe er Böses im Schilde geführt, wie ihm von der Sozialarbeiterin unterstellt worden sei. Auch sei er nicht mit fünf Leuten davongefahren, sondern nur mit zweien. Tags darauf entschuldigte sich „Siggy“ gar per Mail bei „Katja“ für das Durcheinander – und tappte erneut ins Fettnäpfchen. Denn er hatte sie schon wieder geduzt.

Ein großes Missverständis

Nach dem gegen ihn verhängten Hausverbot in den Gemeinschaftsunterkünften wollte Ortlieb mit dem Rems-Murr-Kreis nichts mehr zu tun haben. Frustriert wie er war, fuhr er seine Vermittlungstätigkeit stark zurück. Doch der Kreis ließ ihn nicht in Ruhe. Die Anzeige der Sozialarbeiterin wegen Hausfriedensbruch brachte ihm einen Strafbefehl über 800 Euro ein. Gegen den erhob er Einspruch, der nun vor dem Amtsgericht Schorndorf verhandelt wurde.

Bald schien Richterin Petra Freier klar zu sein, dass sich aus juristischer Sicht die Anklage Hausfriedensbruch kaum halten lässt und dass sie bestenfalls über ein großes Missverständnis Recht sprechen kann. Und wie sich Ortliebs Verteidiger es nannte ein „völlig unnötig aufgebauschtes“. Das abenteuerliche Missverständnis endete recht banal mit der Einstellung des Verfahrens und ein paar guten Ratschlägen von Petra Freier, wie Ortlieb künftig solche Missverständnisse vermeiden könnte. – Ratschläge, denen sich Ortliebs Ehefrau uneingeschränkt anschloß, wie sie ihrem Mann beim Verlassen des Gerichts deutlich machte.