Winnenden

44 Jahre auf der Straße

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Kurzrock
Hellwach, ein Entertainer, Trickkünstler, Wahrheitsjongleur: Heinrich Kurzrock – seine Geschichte ist entsetzlich und voller Komik. © Schneider/ZVW
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Kurzrock
Das Ei am Kopf „gehört zum Heinrich“, das schneidet ihm keiner weg. © Schneider/ZVW

Großerlach. Heinrich Kurzrock, 67, hat das Überleben zur Kunstform erhoben, seine Biografie ist halb Passionsgeschichte, halb Schelmenroman. Eine Begegnung auf der Erlacher Höhe mit einem Mann von äußerst wachem Verstand.

„Haar zu lang“, sagt Kurzrock und mustert den Reporter. „Unrasiert. Wildes Aussehen.“ Er hält inne, sinniert. „Ein Durchschnittsbürger würde sagen, Sie sind n Assi.“ Aber nein, „Sie haben studiert“. Kurzes Zögern, dann: „Soziologie, hätt ich bei Ihnen sofort getippt.“

Stimmt – wie hat der das jetzt gemacht? Und überhaupt, was ist das für ein Mann? Einige wenige Vor-Informationen hat der Reporter mitgebracht: Heinrich Kurzrock, 67; lebt seit drei Jahren auf der Erlacher Höhe; hat bis zum 21. Lebensjahr, als „geistesschwach“ abgestempelt, in einer Wegschließanstalt vegetiert; und danach unfassbare 44 Jahre auf der Straße gehaust.

Eine Schwäche für Kaffee und Tabak

Heinrich Kurzrock – Truckerjacke, Baseballkappe, „zwei Süchte: Kaffee und Tabak“, aber niemals Alkohol – kann derb sein, wenn er will; aber auch virtuos mit Fremdworten jonglieren. Wo hat er das gelernt? Kurzrock druckreif: „Mein ganzes Wissen habe ich mir unter den härtesten Bedingungen autodidaktisch angeeignet.“

„Schon manchmal“ sei er „auf der Schwelle gewesen“: Zweimal habe er beschlossen, „komm, fährst du zu Dignitas nach Zürich“, zur Sterbehilfe, weil ja doch „die ganze Menschheit, inklusive mir, ein Fass voller Kotze“ ist. „Ich empfinde mein Hiersein nur noch als Dahinsiechen.“ Allein, spricht so ein Lebensmüder? So wach, so durchtrieben schlau, so grimmig vital?

Das weitere Gespräch enthüllt: Seine Geschichte ist entsetzlich; und voller Komik. Denn Witz ist ein Überlebenstrick.

„Geistesschwach“ - Eine Seele wird zerschlagen

Seine Mutter? „Starb kurz nach meiner Geburt“. Sein Vater? „Weiß ich fast gar nichts. Er starb am 10. 6. 1965.“ Weil der Bub unter Epilepsie litt, wurde er als „geistesschwach“ eingestuft und kam nach Marsberg, Sauerland, in das von katholischen Ordensschwestern geführte Sankt-Johannes-Stift. Die Zustände, die dort noch bis Anfang der 70er Jahre herrschten, sind mittlerweile gut dokumentiert: Wenn nachts im überfüllten Schlafsaal Unruhe keimte, ließen die Nonnen das Kind, das sie als „Schuldigen“ ausgemacht hatten, auf dem Boden knien, bis es ohnmächtig umkippte. Widerspenstige wurden verprügelt, in Isolationszellen gesperrt, mit Drogen vollgepumpt, im Bett fixiert, in eiskaltes Wasser getaucht. Dazu galt der Grundsatz, dass Bildung „geistig behinderten“ Kindern nur schade. Spätere Schätzungen ergaben: Wohl die Hälfte der hier weggesperrten Patienten war normal intelligent.

Eingesperrt bis zur Volljährigkeit

Die „einzige Berührung, die wir zu spüren bekommen haben“, war „mit dem Rohrstock auf den nackten Arsch“. Wenn aber ein Kind das Wort „Gott“ mit Schnörkeln verzierte und dem Namen des Herrn huldigte, indem es ihn mit „drei O und vier T“ schrieb, „gab’s eine Belohnung“. Bis zu seinem 21. Lebensjahr, sagt Heinrich Kurzrock, habe er das Anstaltsgelände nicht verlassen. „Bis zur Mauer. Feierabend.“

Als er volljährig wurde, bekam er „265 Mark in die Hand gedrückt“ und „wurde auf die B 7 geschickt: Sieh zu, wie du klarkommst, wir sind nicht mehr zuständig.“

Per Anhalter - Leben auf der Straße

Weil er nichts gelernt hatte in Marsberg, machte Kurzrock die Straße zu seiner Universität und Einkommensquelle: Er reiste jahrzehntelang als Anhalter landauf, landab durch die Republik.

Schimpfte unterwegs einer auf die „Zivilisation“, dann „hab ich ganz blöd gesagt: Können Sie mir das Wort erklären?“ Meinte einer, er habe etwas „akustisch nicht verstanden“, fragte Kurzrock: „Was heißt akustisch“? Mit den Jahren kannte er jede Raststätte, jede Bundesstraße. Testen wir ihn: die B 27? Kurzrock rasselt die Städte am Weg runter, von Göttingen bis Hechingen. „Das war jetzt n Geistesschwacher. Die Geistreichen brauchen alle n Atlas.“

Wer gibt etwas, wer läuft einfach weiter?

Kurzrock lernte, die Menschen zu lesen. Die ganz fein Gekleideten? „BWL, Zahn-, Allgemeinmedizin, Theologie. Da kam überhaupt kein Kontakt zustande.“ Durchschnittsbürger? „Haben mich nicht mitgenommen.“ Vollbart, Langhaar, Parka und als Auto R 4 oder 2 CV? Sehr gut, „Achtundsechziger“! Die, erkannte Kurzrock, sind „gegen den Staat, gegen die Kirche. Wenn die meine Geschichte gehört haben“, rückten sie immer Geld raus; oft Münzen, öfter Scheine. Also begann er, „in zwei, drei Punkten zu übertreiben“: Er baute Elektroschocks in sein Leben ein, das „kannten die aus dem Film ,Einer flog übers Kuckucksnest’, da haben die eine Sauwut gekriegt“. Und trampte er Richtung Süden, war er unterwegs zu Dignitas. Die Scheine wurden größer. Auch Hunderter waren dabei.

Dialekt und Sprachmelodie

Wenn Kurzrock Lust hat, seinen Zuhörer zu verblüffen, verfällt er unvermittelt in breitetestes Kölsch, babbelt ein paar Sätze hessisch und schnackt im nächsten Moment platt. Er zelebriert den Effekt wie ein Mime, der die eigene Wirkung bestens kennt: So habe er das oft gemacht – je nachdem, ob K, F oder HH auf dem Nummernschild stand.

Und Gedichte schreibt er auch. „Wer vom Ziel nichts weiß, kann den Weg nicht haben“, deklamiert er dringlich, „wird im selben Kreis all sein Leben traben.“ Nun gut, das ist streng genommen von Christian Morgenstern, aber es könnte ein echter Kurzrock sein – sein Rezitatoren-Gespür für Rhythmus und Sprachmelodie jedenfalls ist anbetungswürdig.

Das Ei - Schläue als Überlebensprinzip

Eines Tages wuchs ihm dieses Ei am Kopf. Es begann „als Pickel“ und wurde groß wie eine Faust. Ein Grützbeutel, sagen die Ärzte, gutartig, man könne das wegschneiden.

„Das lass ich und Ende“, sagt Kurzrock. „An den Kopf geht mir keiner dran“ – was, wenn die Operation misslänge so nah beim Gehirn? „Was ich überhaupt noch besitze, ist mein eigenes Ich, was auch immer das ist. Wenn ich das auch noch wegschmeiße, kann ich mich gleich untern Lastwagen legen.“ Abgesehen davon: „Die Beule hat mir schon ziemlich viel Geld eingebracht.“ Auf Trampertouren wurde sie zum Tumor.

Kurzrock kann das Ei elegant unterm Mützenschirm verschwinden lassen oder hervorzaubern wie der Magier das Kaninchen aus dem Zylinder. Die Zyste ist sein Joker, Sinnbild seiner Überlebensschläue: Wenn er schon nicht verhindern kann, dass das Leben ihn seit Kindertagen mit den perversesten Qualen und absurdesten Leiden schlägt – er kann sie zumindest zu seinen Bundesgenossen machen; zum Kapital, das für ihn arbeitet im täglichen Kampf ums Tabakgeld.

Er lernte zu umgarnen, zu drängen, zu beeindrucken...

So also trainierte die Straße seine Instinkte, schulte seine Intelligenz, definierte seine Menschenkenntnis wie eine Hantel den Bizeps des Ringers. Er lernte zu umgarnen, zu drängen, zu beeindrucken, zu schockieren, charmieren, verstören, erweichen.

„Ich hatte ne Situation in Wetterau, da hielt mich einer für Jesus. Kam auf mich zu: ,Der Heiland ist da!’ Ich sagte: ,Willst du in mein Reich? Dann fahren wir jetzt erst mal Richtung Kassel.’ Ich war sein Wegweiser – der Weg, die Wahrheit und das Leben. In Marburg fuhren wir zu einer Bank. Da hat er mir sein Geld gegeben. 16 000 Mark. Davon habe ich Urlaub gemacht. Bin mit dem Taxi nach Basel gefahren. Von Koblenz.“

Was ist wahr in seinen pointensatten Geschichten, was so gut wie wahr, was saugut erfunden? Und spielt Kurzrock, während er so erzählt, mit seinem Zuhörer längst das Anhalter- und Chauffeur-Spiel? Ist der hingerissene Reporter, ohne es recht zu merken, zum Komparsen geworden in einer grandiosen Inszenierung mit Heinrich Kurzrock als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller? Und jetzt, sagt er, „sind Sie dran“ – etwas Geld, bitte ... Äh, wie viel wären denn da angemessen? „Fünfzig.“ Und das muss ich . . .? „Müssen nicht. Aber ich erwarte es.“ Und wenn ich bloß Münzgeld dabei habe? „In Großerlach gibt’s eine Sparkasse mit Bankautomat.“

Weiterleben in Großerlach

Auch wenn dem genialen Trickkünstler Heinrich Kurzrock die Wahrheit und ihre kreative Ausgestaltung Zwillingskinder sind – eins bleibt niederschmetternd eindeutig: Das lebenszerstörende Kindheits- und Jugendmartyrium, das dieser Mann in Marsberg erleiden musste, ist aktenkundig. Der Träger der Einrichtung hat sich nach Jahrzehnten bereiterklärt, den Opfern Entschädigungen zu zahlen. Kurzrock werde voraussichtlich in diesem Jahr 9000 Euro erhalten, bestätigt Sabine Weidenbacher, die auf der Erlacher Höhe seine Ansprechpartnerin und eine Art Betreuerin ist.

Vor einiger Zeit war er in Marsberg, mit zwei Hörfunkreportern. „Bundesstraße 7: Kassel, Meschede, Marsberg – bis hier konnt ich mit. Ich hab zwei Schritte gemacht ins Gebäude, fast das Kotzen gekriegt, wurde richtig wackelig auf den Beinen, bin raus, hab mich auf einen Stein gesetzt.“ Er sammelte sich und beschloss: „Jetzt biste schon hier“, also rein.

„Autobiografie: Mensch oder Abschaum?“

Etwas bleibt und ist nicht mehr zu heilen. In eine Kladde schreibt er Lebensepisoden, seine „Autobiografie. Titel: Mensch oder Abschaum?“ Ein Satz fällt auf: „Ich bin im Besitz meiner vollen geistigen Kräfte.“ Ja, er weiß das – aber es ist, als müsse er dieses Wissen noch heute, 47 Jahre später, jeden Tag verteidigen gegen jene, die ihn einst für „geistesschwach“ erklärt, erniedrigt und krummgebogen haben. Er muss wach bleiben, immer auf der Hut. Und so qualmt er zwar wie eine Dampflok, einen „Koffer“ Tabak am Tag, und schüttet Kaffee in sich rein; aber er erlaubt sich nur „Süchte, bei denen der Kopf klar bleibt“.

„Ein schlauer Fuchs“

„Es macht Spaß mit ihm“, sagt Sabine Weidenbacher, sie schätzt seine „Cleverness, er ist einfach ein schlauer Fuchs“. Und er könne Widerspruch ertragen. Wenn sie ihn ertappt und zur Rede stellt, weil er versucht hat, jemanden „über den Tisch zu ziehen“, winkt er ab, raunzt, „ach, erzähl mir was vom Pferd“ – und muss im nächsten Moment grinsen. Aber er sei „natürlich ein ganz arg misstrauischer Mensch“: Dieses Gefühl, dass ihm jeder Ort, an dem er zu lange bleibt, zur Marsbergschen Falle werden könnte, wird er wohl nie loswerden. Immerhin: Früher habe er alles auf der Erlacher Höhe abgelehnt, sagt Weidenbacher; heute nenne er diesen Ort zwar immer noch „ZUI“ – Zucht- und Irrenhaus –, sein Zimmer eine „Zelle“ und seine Mitbewohner Säufer; aber er räume mittlerweile ein, dass das Essen manchmal erträglich sei.

„Die ganze Welt ist ein Irrenhaus, und hier ist die Zentrale.“

Bücher in seiner Zelle: Friedrich Nietzsche, „Morgenröte – Gedanken über die moralischen Vorurteile“ („was ein Geistesschwacher halt so liest“), daneben „Seele in Not – was tun?“ Der Band „bietet Lösungsvorschläge an, wie man sich selber aus der Krise helfen kann“, erklärt Kurzrock. Und, funktioniert das? „Ja, meistens.“

Nein, sagt er ganz am Ende des Gesprächs, „ich bin nicht selbstmordgefährdet“. Es sei nur so, dass „ich mein Leben als einen Fluch empfinde“. Es gebe einen Satz, „den ich mir zu eigen gemacht habe: Die ganze Welt ist ein Irrenhaus, und hier ist die Zentrale.“ Er lacht. „Immer da, wo ich bin.“

Die Erlacher Höhe

Die Erlacher Höhe bietet 85 Wohnungslosen in verschiedenen Häusern Unterkunft, Betreuung und Beratung. Jedem Bewohner steht ein Einzelzimmer zur Verfügung. Wer sich für das Leben hier entscheidet, erhält Verpflegung und Unterkunft kostenfrei und dazu monatlich 110 Euro Taschengeld. Leistungsberechtigt sind nach Sozialgesetzbuch XII „Personen, bei denen besondere Lebensverhältnisse mit sozialen Schwierigkeiten verbunden sind“ – ihnen sind „Leistungen zur Überwindung dieser Schwierigkeiten zu erbringen, wenn sie aus eigener Kraft hierzu nicht fähig sind“.