Winnenden

Acht Jahre nach dem Amoklauf: Wunden vom 11. März 2009 vernarben

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Jennifer im stählernen Ring, dem Memorial für die Opfer des Amoklaufs. © Schneider / ZVW
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© Schneider / ZVW

Winnenden. Acht Jahre nach dem Amoklauf mischen sich in Winnenden Alltag und Trauer auf selbstverständliche Weise. Manche merken erst am 11. März, dass dies ja der Gedenktag ist, manche gar nicht. Aber die meisten Winnender nehmen an einer Form des Gedenkens teil, gehen zu einem der drei Gottesdienste, zum Gedenken am Samstag um 9.30 Uhr am Mahnmal oder zur Lichterkette am Abend.

Winnenden stemmt sich auch Jahre danach gegen den Amoklauf, verschweigt ihn nicht, verdrängt ihn nicht, sondern erinnert sich offen. Das bedeutet für direkt Betroffene und Hinterbliebene, dass sie offen trauern dürfen, dass sie über ihr Leid reden können; und dass sie mit anderen zusammen sich erinnern können. Jennifer Schreiber war in einer der betroffenen Klassen am 11. März 2009. Sie hat überlebt. Am Samstag wird sie wahrscheinlich nicht zum offiziellen Gedenken am stählernen Ring gehen. Dieser Ring sagt ihr nicht viel. Er ist nicht ihr Gedenkzeichen. Vielleicht wird sie zur Albertville-Schule gehen, die an diesem Tag für ihre ehemaligen Schüler offen ist, wird zu den Steintafeln mit den Namen ihrer früheren Mitschüler und ihrer Lehrer schauen.

Die Angst ist weg

Jennifer kann in Klassenzimmer

Zu Mitschülern von damals hat sie keinen Kontakt mehr: „Wir haben uns in alle Winde zerstreut.“ Selbst jene Schüler, die mit ihr zusammen das Buch „Die Schüler von Winnenden“ geschrieben hatten, trifft sie nicht mehr. Als 2013 das Buch erschien, hielt es Jennifer Schreiber nicht aus in Klassenzimmern. Die Erinnerung an den Amoklauf war zu präsent, so dass sie ihre Erzieherinnenausbildung abbrechen musste und lieber ein Fernstudium als Ernährungsberaterin machte. Heute geht es ihr entschieden besser. Sie hat einen Weg gefunden, mit dem Erlebten umzugehen. Klassenzimmer sind kein Problem mehr für sie. Bei ihr vernarben die Wunden vom 11. März 2009 ganz gut. Bei anderen dauert es länger oder wird nie wieder ganz heil.

Therapien

Unfallkasse bezahlt weiterhin

Bei Jennifer war die größte Hilfe ihre Familie, ihre Geschwister und ihre Eltern. Bei anderen sind Psychologen wichtig. Auch heute noch. Die Landesunfallkasse bezahlte im Jahr 2016 rund 18 000 Euro für Behandlungen in der Folge des Amoklaufs von Winnenden, wie Pressesprecher Klaus-Peter Flieger auf Anfrage mitteilte. Sieben Personen waren im letzten Jahr in Behandlung, eine davon stationär. In drei Fällen bezahlt die Versicherung Rente. 22 000 Euro waren dies im letzten Jahr. Das sind keine klassischen Renten, sondern monatliche Ausgleichszahlungen für Geschädigte, die im Beruf oder Studium sind, aber auf irgendeine Art eingeschränkt sind im Berufsleben. Die Landesunfallkasse – das ist diese Versicherung, für die das Land Baden-Württemberg einmal im Jahr einen Festbetrag bezahlt. Wenn doch etwas passiert an einer Schule, dann hilft diese Versicherung mit Geld.

Gebete

Was Franziskanerinnen tun

Jennifer macht jetzt weiter ihre Ausbildung zur Erzieherin, geht wieder gerne in die Schule, kommt in der Praxis gut zurecht und rechnet damit, dass sie im August 2018 ihre Ausbildung abschließt und dann eine Stelle in einer Kinderkrippe bekommt. An den Amoklauf denkt sie nicht mehr regelmäßig. Manchmal, wenn ihr danach ist, geht sie zu den Steintafeln an der Albertville-Schule. Das regelmäßige Erinnern, die wiederholte Bitte um Frieden in der Stadt und das Denken an das Leid der Betroffenen haben andere übernommen: Franziskanerinnen, die sich im Jahr nach dem Amoklauf in Winnenden in einer Wohnung am Adlerplatz niedergelassen haben. Jeden Freitag um 12 Uhr beten sie in der St.-Karl-Borromäus-Kirche vor der Klagemauer. In den letzten Jahren beten die Schwestern alleine, erzählt Schwester Birgitta. Früher, in den ersten Jahren nach dem Amoklauf, kamen noch einzelne Winnender dazu, eine Frau, zum Beispiel, die für ihre Enkelkinder betete, die vom Geschehen in der Albertvilleschule erschüttert waren. Die Franziskanerinnen sprechen Texte aus dem Gesangbuch, es kann eine Klage sein, ein Trauergebet, eine Bitte um Versöhnung und Frieden und auch ein Dankgebet – denn die Stadt findet wieder zum Frieden. Für Gisela Mayer, die ihre Tochter beim Amoklauf verloren hat, ist dieses wöchentliche Gebet wie ein kleines Wunder, sagt sie. Die Schwestern wollten sich 2010 in einer Stadt niederlassen. Winnenden wählten sie schließlich aus, weil ihnen der Pfarrer von Backnang gesagt hatte, dass sie dort gebraucht würden. Dass sie am Samstag gedenken, ist ihnen sehr wichtig.

Alltag

Plötzlich blitzt das Thema auf

Für Jennifer ist der Gedenktag das eine. Das andere ist der Alltag, in dem sie plötzlichen Erinnerungen an den Amoklauf standhält. Eine Geschichte dazu: In ihrer Schule für Erzieherinnen wurden Sicherheitsanlagen eingebaut, die gegen Amokläufe schützen sollen. Die Klassenzimmer haben nun Türen, die nur von innen ohne Schlüssel geöffnet werden können. Wer zu spät kommt, muss klopfen, um hereingelassen zu werden. Jennifers Mitschüler lädt dies zu Scherzen ein. Wenn’s klopft, ruft einer: „Schon wieder ein Amoklauf.“ Jennifer hält das aus. Nur wenn der Witz oft wiederholt wurde, sagte sie dann mal: „Jetzt wird’s langweilig.“ Bevor die Anlage installiert wurde, informierte ein Lehrer die Schüler darüber und schmunzelte: „Wie wenn bei uns so was passieren würde ...“ Der ahnt gar nicht, was eine seiner Schülerinnen durchgemacht hat, dachte Jennifer bei sich. Und zugleich sagt sie: „Wir haben doch genauso geredet vor dem Amoklauf an unserer Schule: Bei uns passiert des eh net.“ Dachten sie.