Winnenden

Altes Rathaus: Wie Winnender sich für das Traditionsgebäude in Baach einsetzen

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Sie wollen die Räume im Erdgeschoss des Alten Rathauses zeitgemäß gestalten: Reinhard Bretträger, Michael Dettenmaier und Jan Türk vom Verein Baacher Dorfgemeinschaft. © Gaby Schneider

Flüchtlingsunterkunft, Schulhaus, Gefängnis und Lehrerwohnung – das Alte Rathaus in Baach hat eine bewegte 180-jährige Geschichte hinter sich. 2019 plante die Stadt, es zu verkaufen. Doch die Baacher protestierten und wollen es jetzt zu einem Treffpunkt für den kleinen Winnender Teilort machen. Für das Wir-Gefühl im Flecken ist das wichtig. Denn aktuell, sagt Jan Türk, Vorsitzender des Vereins Baacher Dorfgemeinschaft, „fehlen die Möglichkeiten, seine Nachbarn überhaupt kennenzulernen“.

Traditionen sind eingeschlafen, im Flecken ist es arg ruhig geworden

Der 41-Jährige lebt selbst erst seit fünf Jahren in Baach und hat hier über sein Engagement rund um das Alte Rathaus Anschluss gefunden. Geselligkeit zu erleben, das ist in dem 850-Seelen-Dorf ansonsten eigentlich nur noch bei den Sportfreunden Höfen-Baach möglich. Insgesamt ist es in den vergangenen Jahren aber arg ruhig geworden in Baach. Auch Traditionsveranstaltungen wie das Straßenfest, die „Baachetse“, haben seit gefühlten Ewigkeiten nicht mehr stattgefunden. Geschäfte gibt es nicht – bis aufs Pfeilhoflädle, das hat aber nur donnerstags und freitags geöffnet. Die Corona-Pandemie mit ihren Kontaktbeschränkungen tat ihr Übriges.

Jan Türk und seine Mitstreiter um Michael Dettenmaier, Reinhard Bretträger und Dirk Bloksma und weitere rund 100 Mitglieder im Verein Baacher Dorfgemeinschaft wollen wieder Schwung in das verschlafene Nest bringen. „Baach wird aktiv“ steht auf dem Flyer, den sie haben drucken lassen. Ein Dreh- und Angelpunkt ihres Vorhabens ist das Alte Rathaus. „Unser Rathaus war schon in der Vergangenheit ein geselliger Treffpunkt für die Dorfgemeinschaft. Daran möchten wir anknüpfen. Gemeinsam können wir es wieder zu einem Ort der Begegnung machen!“, heißt es auf dem Flugblatt.

2019 hatte die Stadtverwaltung vorgeschlagen, das Haus zu verkaufen

Dabei hatte die Stadt bis vor kurzem noch andere Pläne: Im Herbst 2019 hatte die Verwaltung Winnenden vorgeschlagen, das weitgehend leerstehende Rathaus zu verkaufen. Das renovierungsbedürftige Gebäude wäre wohl abgerissen worden. Genutzt wurde das frühere Zentrum der eigenständigen Gemeinde Baach schon seit Jahren nur noch alle paar Jahre als Wahlstudio und einmal im Monat vom lokalen Seniorenkreis.

Doch viele Einheimische protestierten bei Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth gegen den Verkauf – und der Gemeinderat lenkte ein: Sollte es den Baachern gelingen, einen Verein zu gründen, der das Alte Rathaus, zumindest in Teilen, renovierte und ein Konzept entwickelte, wie es wieder mit Leben gefüllt werden könnte, so würde die Stadt das Gebäude nicht verkaufen, sondern es diesem Verein zur Nutzung überlassen.

Corona sorgte für Verzögerungen, doch im Oktober 2020 gründeten Jan Türk und Co. den Verein Baacher Dorfgemeinschaft. In der Folge erarbeiteten die Ehrenamtlichen ein Konzept und legten der Stadtverwaltung ihre Pläne dar.

Der Verein zahlt keine Miete – das regelt ein jährlicher Zuschuss der Stadt

Im Frühjahr 2022 hat sich der Verwaltungsausschuss des Gemeinderats einstimmig dafür ausgesprochen, das Alte Rathaus samt Garten dem Verein zu überlassen. Den entsprechenden Nutzungsvertrag haben beide Seiten mittlerweile unterschrieben.

In dem Vertrag ist Folgendes geregelt: Eine Nutzungsgebühr für das Alte Rathaus wird nicht erhoben. Der Mietwert von etwas mehr als 11.000 Euro wird mit einem ebenso hohen Zuschuss der Stadt an den Verein verrechnet. Die Betriebskosten trägt der Verein, die Unterhaltung und Instandsetzung des Gebäudes sind hingegen Sache der Stadt. Bauliche Veränderungen muss sich der Verein im Rathaus absegnen lassen. Die Räum- und Streupflichten teilen sich die Ehrenamtlichen mit der Stadt. Als Wahllokal soll das Gebäude weiterhin genutzt werden. Und es darf nur Vereinen aus Baach und Höfen unentgeltlich zur Nutzung überlassen werden, nicht sonstigen Dritten. Im Garten und Hof darf der Verein gärtnern und maximal achtmal im Jahr kleinere Feste feiern.

Bald werden Wände gestrichen, Beleuchtung und Boden ausgetauscht

Bei einem Vor-Ort-Termin unserer Redaktion mit Jan Türk, Michael Dettenmaier (51) und Reinhard Bretträger (58) zeigt sich: Soll das Alte Rathaus wieder von vielen Baachern gerne und intensiv genutzt werden, muss es umfangreich saniert und vom Muff der zurückliegenden Jahrzehnte befreit werden. Die letzte große Renovierung liegt immerhin 40 Jahre zurück.

Der Bauausschuss, den der Verein dazu einberufen hat, konzentriert sich zunächst auf das Erdgeschoss, das einzige aktuell nutzbare Stockwerk. „In einem ersten Schritt sollen Wände gestrichen, die alte Holzdecke in der Stube mitsamt der Beleuchtung erneuert und der Bodenbelag ersetzt werden“, berichtet Jan Türk. Zudem ist der Einbau einer neuen, gemütlichen Gemeinschaftsküche geplant. Schließlich sollen hier in Zukunft auch Koch- und Backkurse stattfinden. Als Ergänzung zum bestehenden Öl-Kachelofen könnten Infrarot-Heizungen eingebaut werden. Auch das WC soll renoviert werden.

„Wir versuchen, das alles so kostengünstig wie möglich hinzukriegen“, erklärt Jan Türk, „und sind dabei auf Spenden und unsere Vereinsmitglieder angewiesen. Wir hoffen, dass jetzt noch einige mitaufspringen.“ Inwiefern die Stadt das Projekt bezuschusst, darüber wird verhandelt werden, wenn die ersten konkreten Bauabschnitte der Renovierung feststehen.

Die oberen Stockwerke des Alten Rathauses mit der früheren Lehrerwohnung sind aktuell nicht nutzbar und werden das auch in den kommenden Jahren nicht sein. Die Renovierungsarbeiten würden hier andere Dimensionen erreichen als im Erdgeschoss. Teilweise sind die Räume im Obergeschoss total entkernt. Hier müssten Heizung, Elektrik und sämtliche Oberflächen erneuert werden. Eine Perspektive für diese Räume wäre zum Beispiel die Nutzung für Kinderbetreuung. Für das noch nicht ausgebaute Dachgeschoss könnte sich der Verein irgendwann eine Art Dorfmuseum vorstellen.

Die Ehrenamtlichen sind jedenfalls überzeugt, dass es sich lohnt, in das Alte Rathaus zu investieren: „An den Gerüchten, dass das Haus baufällig und der Keller feucht sei, ist nichts dran“, die Substanz des Gebäudes sei noch immer gut, schreibt Jan Türk in einem aktuellen Bericht.

Das Alte Rathaus wird schon heute wieder intensiver genutzt und Ideen gibt es viele

Schon heute finden wieder mehr Veranstaltungen im Alten Rathaus statt, unter anderem nutzt eine Kinderballettgruppe den Versammlungsraum. Die Baacher träumen von vielen weiteren Angeboten für junge wie alte Bürger: Filmabende für Jugendliche, Cafénachmittag, Vorträge ...

Sie konzentrieren sich dabei freilich nicht nur auf ihr neues Vereinszentrum: Nach mehreren Jahren Pause soll am 26. Juni endlich auch die „Baachetse“ wieder stattfinden.

Flüchtlingsunterkunft, Schulhaus, Gefängnis und Lehrerwohnung – das Alte Rathaus in Baach hat eine bewegte 180-jährige Geschichte hinter sich. 2019 plante die Stadt, es zu verkaufen. Doch die Baacher protestierten und wollen es jetzt zu einem Treffpunkt für den kleinen Winnender Teilort machen. Für das Wir-Gefühl im Flecken ist das wichtig. Denn aktuell, sagt Jan Türk, Vorsitzender des Vereins Baacher Dorfgemeinschaft, „fehlen die Möglichkeiten, seine Nachbarn überhaupt

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