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Andreas Hinkel: „Talent ist nicht allein der ausschlaggebende Faktor“

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Seit Januar 2016 ist Andreas Hinkel Cheftrainer der zweiten Mannschaft des VfB Stuttgart in der Regionalliga Südwest. © Danny Galm

Stuttgart. Wie werde ich Fußballprofi? Vom Traum zur Realität ist es ein steiniger Weg, zu dem viel Disziplin und Ausdauer gehören. Andreas Hinkel (34) ist diesen Weg gegangen und hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Für den VfB Stuttgart absolvierte er 162 Bundesligaspiele und auch für die deutsche Nationalmannschaft lief der mittlerweile in Birkmannsweiler wohnhafte Abwehrspieler 22-mal auf den Rasen. Wer könnte die Frage nach dem Weg in den Profifußball also besser beantworten, als ein Mitglied der berühmt-berüchtigten „Jungen Wilden“?
 

Herr Hinkel, 1992 wechselten Sie als Zehnjähriger vom TSV Leutenbach zum VfB Stuttgart. Wann ist das ideale Alter für einen jungen Spieler, zu einem großen Verein zu wechseln?

Ich habe mir da auch schon Gedanken drüber gemacht. Gibt es überhaupt einen richtigen Zeitpunkt für den Wechsel zu einem großen Club? Nein, den gibt es nicht. Auch die „Musterprofi-Karriere“ gibt es nicht. Jeder muss seinen eigenen Weg gehen. Der eine Spieler muss relativ früh zu einem großen Verein wechseln, für einen anderen wiederum kann es erst später sein. Mario Gomez kam zum Beispiel in der B-Jugend aus Ulm zum VfB, Bernd Leno hingegen schon in der C-Jugend. Ich selbst kam schon in der D-Jugend. Am Ende kann man immer sagen, dass ein Spieler, der es letztlich geschafft hat, im genau richtigen Alter gewechselt ist. In meinem Fall war es auf jeden Fall der richtige Zeitpunkt und der richtige Weg.
 

Was muss ein angehender Profifußballer heute alles mitbringen und auf welche Kriterien achten Sie bei jungen Spielern, die zum Probetraining kommen?

Ich finde, er muss ein Bewegungstalent sein. Wie geht er mit seinem Körper um? In den unteren Altersklassen kann man das schwierig sagen. Manche Kinder entwickeln sich früher, andere entwickeln sich erst später. Fußballerisch muss er natürlich gut sein. Aber auch der Wille und die Lernfähigkeit müssen da sein. Das finde ich ganz wichtig. Wenn man einen Spieler verpflichtet, kann man das natürlich nicht alles direkt beurteilen. Neue Spieler verpflichtet man aber auch nicht direkt. Potenzielle Neuzugänge werden eingeladen und absolvieren mehrere Probetrainings und da bekommt man relativ schnell ein Gespür dafür, ob es mit diesem Spieler etwas werden kann. Im Training gebe ich eine Übung vor und beobachte, wie die Spieler diese dann umsetzen. Sind sie wissbegierig? Sind sie direkt 100 Prozent bei der Sache? Hauen die Spieler alles raus und wollen sich zeigen? In der U 12 hatte ich viele Spieler im Training, die förmlich unter Strom standen.


Welche Rolle spielt dabei der Faktor Talent, ist er vielleicht sogar entscheidend?

Talent hat in diesem Bereich jeder Spieler, der zu uns kommt. Der eine mehr, der andere weniger. Aber das Talent ist nicht allein der ausschlaggebende Faktor. Sondern die Lernfähigkeit. Bekommt ein junger Spieler etwas gesagt und kann es umsetzen, dann macht er später nicht die gleichen Fehler und entwickelt sich weiter. Das ist zusammen mit dem Willen der wichtigste Punkt. Lernfähigkeit und Willen sind in gewisser Weise auch ein Talent.



Werden die jungen Spieler beim VfB Stuttgart auch außerhalb des Platzes geschult?

Der VfB hat dreimal in der Woche ein Schul-Kooperations-Training und da ist der Montag immer für solche Dinge reserviert. Da ist dann kein Training, sondern es gibt einen Vortrag zu einem bestimmten Thema. Alle Teams ab der U 15 bis zur U 19 nehmen an diesen Vorträgen teil. Das war auch in der Vergangenheit schon so. Mal gibt es Vorträge zum Thema Anti-Doping, mal geht es um Ernährung oder um den Umgang mit Medien.


War es schon immer Ihr Ziel, nach der aktiven Karriere als Trainer zu arbeiten?

Nein. Ich bin auch jetzt noch relativ frei und offen für alles rund um den Fußball. Während meiner aktiven Zeit konnte ich mein Hobby zum Beruf machen. Das hat mich erfüllt. Ich war mir aber auch jederzeit bewusst, dass ich nicht mein Leben lang als aktiver Fußballprofi tätig sein kann. Jeder Hochleistungssportler muss sich diese Gedanken machen und der Frage stellen, wie es nach der aktiven Karriere weitergeht. Ich habe mich für die Trainertätigkeit entschieden. Vom Fußball wollte ich direkt nach meiner Karriere nicht ganz weg. Ich habe also einfach die Seiten gewechselt.


Sie haben in Ihrer Karriere viele unterschiedliche Trainertypen kennengelernt. Über Felix Magath und Ralf Rangnick bis hin zu Christian Streich und Armin Veh. Welcher Ihrer ehemaligen Trainer hat Sie besonders geprägt?

Schwierig zu sagen. Ich habe von jedem etwas mitgenommen. In manchen Situationen kommt mir der Gedanke, das hatte ich doch schon mal. Gestern haben wir zum Beispiel eine Einheit abgehalten, die ich aus meiner Zeit in Sevilla kannte. Man fügt manchmal etwas hinzu oder nimmt ein Element weg. Den Fußball muss man nicht neu erfinden. Bestimmte Themen bleiben einfach immer gleich. Ich habe aber auch von jedem Trainer etwas mitgenommen, was die Ansprache vor oder nach dem Spiel betrifft. Wichtig ist aber, dass man niemanden kopiert, sondern authentisch bleibt und seinen eigenen Stil findet. Nur so kann man Inhalte glaubwürdig den Spielern vermitteln. Das ist für mich extrem wichtig.


Sie selbst haben im Laufe ihrer Karriere in der Bundesliga gespielt, waren im Ausland aktiv (siehe Infobox oben rechts) und liefen sogar für die Nationalmannschaft auf. Was können Sie Ihren Spielern aus Ihrer Zeit als Profi mit auf den Weg geben?

Die Spieler können mir nichts vormachen, genauso wenig, wie ich ihnen etwas vormachen muss. Viele meiner Spieler stehen ganz am Anfang ihrer Karriere und ich habe als Spieler schon viele Situationen erlebt und weiß, wie man sich nach bestimmten Einheiten fühlt, wie es ist, in einem bestimmten Rhythmus zu spielen oder zu trainieren. Im Profibereich geht es um Details. Wie ist es, vor einem Spiel nicht im eigenen Bett zu schlafen? All diese Kleinigkeiten habe ich schon erlebt und habe mir Gedanken darüber gemacht. Es ging damals um meine Karriere in einem „Haifischbecken“. Jeder will in den Profibereich und die Konkurrenz ist enorm. Am Ende entscheiden die Details.


Hannes Wolf beim VfB Stuttgart, Julian Nagelsmann bei der TSG 1899 Hoffenheim - beide Trainer leisten gute Arbeit. Beiden blieb aber eine große Profikarriere verwehrt. Nimmt der Faktor Erfahrung, also, dass ein Trainer früher selbst einmal Profi war, immer mehr ab?

Ich weiß nicht, ob dieser Faktor heute weniger zählt. Es gibt beides. Ich habe mit Trainern gearbeitet wie Domenico Tedesco, der nie auf hohem Level Fußball gespielt hat. José Mourinho zum Beispiel hat auch nicht hoch gespielt. Dann gibt es aber auch Pep Guardiola, der ein super Spieler war. Man kann also nicht sagen: Das war ein super Spieler, der wird jetzt auch ein super Trainer. In diesem Bereich ist alles möglich. Ich möchte meine Erfahrungen als Profi aber auf keinen Fall missen.



Nachdem Sie diverse Jugendteams des VfB Stuttgart trainiert haben, sind Sie nun seit Januar 2016 für die zweite Mannschaft in der Regionalliga Südwest verantwortlich. Was sind die größten Unterschiede zwischen der Arbeit mit Jugendlichen und der Arbeit mit Erwachsenen?

Im Nachwuchsbereich müssen gewisse Grundlagen gelernt werden, die man dann oben im Seniorenbereich voraussetzt. Dort wiederholt man dann viel. Bestimmte Dinge sollten später einfach verinnerlicht sein und deshalb muss man im Seniorenbereich auf andere Dinge achten als im Jugendbereich, wo man viel Zeit dafür aufwendet, tief ins Detail zu gehen. In der D- und C-Jugend, im „goldenen Lernalter“ werden die Grundlagen erarbeitet. Hier braucht man kein Krafttraining zu machen. Die Jungs sind da noch im Wachstum. Athletik kommt dann erst später dazu.


Der Weg in den Profifußball ist steinig und schwer. Welche Opfer muss ein junges Talent bringen, das sich entscheidet, diesen Weg einzuschlagen?

Im Trainingslager Anfang Februar habe ich eine Ansprache vor meinen Spielern gehalten. Ich habe Sie gefragt: Warum seid ihr hier? Was ist eure Motivation? Und das ist genau der Punkt, dem sich jeder Spieler stellen muss. Alle wollen professionell Fußball spielen. Es geht aber auch um bestimmte Dinge: Status, Geld, ein besseres Leben und gute Arbeitszeiten. Die Motivation ist letztendlich egal. Die entscheidende Frage ist: Was sind die Spieler bereit, dafür zu opfern? Fast alle Spieler wollen auf den europäischen Markt. Hier wird das große Geld verdient. Aber es gibt auch in Südamerika, Afrika und Asien talentierte Fußballer. Ein Spieler, der in einem armen Umfeld aufwächst, ist für seinen Traum vom Profi vielleicht bereit, mehr Opfer zu bringen, als ein Spieler hier bei uns, dem es ja schon gutgeht. Kein Spieler verfügt über ausreichend Talent, dass er die Mentalität weglassen kann. Eine Profikarriere erfordert Disziplin. Irgendwann kommt in der Jugend der Zeitpunkt, an dem die Schule ziemlich viel Zeit in Anspruch nimmt und auch Mädchen ins Spiel kommen. Dann sind Partys hier und Partys dort und jeder Spieler muss dann für sich selbst entscheiden, was er macht. Ein Profifußballer muss verzichten. Selbstdisziplin, Ernährung, zusätzliche Trainingseinheiten - was bin ich bereit, für meinen Traum zu opfern? Die Spieler müssen wissen, dass irgendwo auf der Welt irgendjemand diese Opfer bringt und unbedingt hierher will.


Sie stammen aus Backnang und reiften beim VfB Stuttgart zum Profi. In den letzten Jahren haben viele Talente aus Stuttgart und der Region den Verein nach der Jugend wieder verlassen. Der VfB muss sich mittlerweile im Ausland oder bei anderen Vereinen bedienen. Wie haben Sie diese Entwicklung verfolgt?

Diese Entwicklung ist natürlich nicht schön. Ich habe es erlebt, dass Jahr für Jahr gute Spieler aus der Jugend kamen. Und da muss der VfB auch wieder hin. In den letzten Jahren gab es ganz viele Wechsel und Veränderungen im Verein. Viele Jahre davor war immer eine Konstante da, waren im Management, Nachwuchs- und Cheftrainerbereich nicht so viele Wechsel wie in den letzten Jahren. Der VfB hat immer schon Talente ausgebildet. Man hatte immer eine gewisse Ordnung, aber in der Vergangenheit wurden auch einige falsche Entscheidungen getroffen. Einige Veränderungen und Wechsel waren, obwohl man mit der Zeit gehen wollte, nicht gut. Dennoch wird mir vieles zu negativ gesehen. Zum Beispiel Joshua Kimmich. Das ist unser Spieler. Und er ist in der Nationalmannschaft. Im Kreis der Nationalmannschaft sind immer noch sechs Spieler (Gomez, Khediera, Rudy, Leno, Gnabry, Kimmich) mit VfB-Vergangenheit. Der VfB ist also immer noch präsent.


Der Punkt ist, dass diese Talente inzwischen beim FC Bayern oder in Leverkusen und nicht mehr beim VfB Stuttgart spielen …

… und das ist eine Entscheidungssache. Ich war da in der Vergangenheit teilweise zu weit weg, um das endgültig beurteilen zu können - aber den einen oder anderen der oben genannten Spieler hätte man vielleicht halten können. Die Frage ist doch jetzt: Wie kann man das zukünftig ändern? Alle Spieler kann man nicht halten. Oftmals sind es wirtschaftliche Gründe. Aber ich bin mir sicher: Es wird in naher Zukunft auch wieder Spieler aus dem Nachwuchsbereich geben, die den Sprung in die erste Mannschaft des VfB Stuttgart schaffen können.

Andreas Hinkel

  • Der gebürtige Backnanger Andreas Hinkel trug insgesamt 14 Jahre das Trikot des VfB Stuttgart, dabei 162-mal in der Bundesliga. In seiner Jugend kickte der heute 34-Jährige für den TSV Leutenbach und wechselte 1992 im Alter von zehn Jahren zum VfB Stuttgart.
  • Beim VfB Stuttgart durchlief der Abwehrspieler alle Jugendmannschaften und gab am 15. Februar 2001 im UEFA-Pokal-Spiel gegen Celta Vigo sein Debüt in der Profimannschaft der Schwaben. Hinkel gehörte zu den „Jungen Wilden“ des VfB Stuttgart, die 2003 Vizemeister wurden. 2006 beschloss Hinkel, eine neue Herausforderung anzunehmen, und wechselte nach Spanien zum FC Sevilla.
  • Mit dem FC Sevilla gewann Hinkel 2007 den UEFA-Pokal. 2008 wechselte Hinkel zum schottischen Club Celtic Glasgow und wurde mit Celtic Schottischer Meister. 2011 kehrte Hinkel noch einmal in die Bundesliga zurück und schnürte für eine Saison die Kickschuhe für den SC Freiburg.
  • Im September 2012 beendete er seine Laufbahn als Profifußballer. Andreas Hinkel lebt mit seiner Frau Simone und seinen drei Kindern Amelie, Samuel und Ronja in Birkmannsweiler.