Winnenden

Artemisia darf nach langem Streit in Winnenden wieder verkauft werden - Anamed-Team erleichtert

Artemisia
Das glückliche Anamed-Team: Raoul-Yannic Schmid-Schickhardt, Tim Stoeß, Modou Suwareh und Dr. Hans-Martin Hirt (von links). © Alexandra Palmizi

Was ausweglos erschien, hat sich in Luft aufgelöst: Der Rechtsstreit zwischen Landratsamt und Anamed ist beigelegt, die Heilpflanze Artemisia annua anamed darf von Winnenden aus wieder verkauft werden. Die Erleichterung im Anamed-Team war deutlich zu spüren, als die Kontrolleure von der Lebensmittelüberwachung des Landratsamts diesen Montag (15.8.) in die Anamed-Geschäftsstelle kamen. Sie entfernten das amtliche Siegel von der Tür zum Lagerraum und zählten zusammen mit Hans-Martin Hirt und seinem Mitarbeiter Raoul Schmid-Schickhardt die Säcke und Fässer. Seit Mitte Mai 2022 waren sie beschlagnahmt, im Juni durfte einmal offiziell nachgeschaut werden, wie es um die Luftfeuchtigkeit steht.

Ganz genau 1,16 Tonnen getrocknete Blätter der Spezialzüchtung Artemisia annua anamed (Chinesischer Beifuß), fein geschnitten oder zu Pulver gemahlen, sind nun wieder frei verkäuflich. Die horrenden Strafandrohungen des Landratsamts, untermauert von Gerichtsurteilen und flankiert von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart, sind vom Tisch.

Verpflichtung von Teemana und Anamed-Edition: Rohstoff, kein Lebensmittel

„Wir werden auf der Internetseite von Teemana klarstellen, dass es sich um einen Arzneipflanzen-Rohstoff handelt, nicht um ein Lebensmittel“, bekräftigen Hans-Martin Hirt und seine jungen Mitarbeiter Tim Stoeß und Raoul Schmid-Schickhardt einen wichtigen Punkt des Vergleichsvorschlags, den das Verwaltungsgericht Stuttgart gemacht hat. „Damit sind wir als Lebensmittelüberwachung raus“, bestätigt Landratsamt-Dezernent Gerd Holzwarth.

Was man mit dem Rohstoff machen kann, dafür gibt es umfangreiche Lektüre von Anamed-Edition. Die Bücher und Broschüren schreibt Dr. Hans-Martin Hirt (71) oder er gibt sie heraus. Der Pharmazeut und frühere Mitarbeiter in der Krebsforschung ist weltweit mit Wissenschaftlern, Ärzten und Mitarbeitern in Afrika vernetzt. Seine Erkenntnisse bringt er mit ihrer Hilfe immer wieder auf den neuesten Stand und versorgt auch die Forscher mit getrocknetem Kraut. „Ich sage nicht, dass Artemisia ein Allheilmittel ist. Aber es hilft gegen Malaria und es ist ein wertvolles antibiotisches Mittel.“ Mit diesem Wortlaut taucht der Chinesische Beifuß auch auf einer Stoffliste des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit auf. Weitere mögliche Einsatzgebiete gegen von Retroviren ausgelöste Krankheiten machen ihn zur meisterforschten Heilpflanze.

2015 wurde Hirt vom Regierungspräsidium jedoch untersagt, Broschüren und Tee zusammen zu verkaufen. Ihm wurde empfohlen, dies geschäftlich zu trennen. So entstand neben Anamed-Edition die Firma Teemana. Dann aber kam es 2019 nach einer Lebensmittelkontrolle zu einem Gutachten des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamts (CVUA) Karlsruhe – und der Konflikt um den Tee nahm seinen Lauf.

Rechtsanwalt Eisenhart von Loeper hat einfach nicht lockergelassen

„Wir hätten von Anfang an, wie andere Firmen, die Artemisia vertreiben, klarmachen müssen, dass Artemisia nicht auf der Novel-Food-Liste steht“, sagt Raoul Schmid-Schickhardt. Er und sein Kollege Tim Stoeß können aber auch nachvollziehen, dass ihr Chef nach 40 Jahren Erfahrung mit dem Kraut, das seit 2000 Jahren in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) zum Fiebersenken angewendet wird, einfach nicht mehr in diesem Graubereich arbeiten, sondern selbstbewusst zu seinem Produkt stehen wollte.

Während des dreijährigen Rechtsstreits wurde das „Dilemma zwischen Moral und Gesetz“ immer deutlicher, wie der Anamed-Rechtsanwalt Eisenhart von Loeper sagt. Eine komplette Arzneimittelzulassung für den Tee ist für einen Verein wie Anamed utopisch, weil viel zu teuer und angesichts von 245 Wirkstoffen auch nicht durchführbar. Ähnlich verhält es sich mit der Sicherheitsprüfung fürs Lebensmittelrecht.

Wie steht es um die Qualität der Ware, die drei Monate lang im Lager war?

Doch nun ist der Knoten geplatzt. Beide Firmen des Vereins Anamed international können weitermachen. „Der Gewinn aus dem Vertrieb wird zu großen Teilen an Anamed für die weltweite Arbeit gespendet“, sagt Tim Stoeß. Auch Büromiete und Mitarbeiter werden vom Erlös bezahlt. Und der Rechtsanwalt, der letzten Endes jeden Cent wert war: Er legte dem Verwaltungsgericht neue Beweise vor, die bis zum Urteil im Februar nicht geprüft worden waren. Er zog für die Freigabe der Ware alle Register und hatte auch „Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis“ von 1992 gefunden, mit dem er nachwies, dass die Pflanze schon zu dieser Zeit in Europa bekannt war, fünf Jahre vor Erscheinen der Novel-Food-Liste der EU. „Entscheidend war, dass das Gericht erkannte, dass das CVUA von einer irrigen Annahme ausgegangen war“, so von Loeper.

Dass das Regierungspräsidium seine Einschätzung von 2015 widerrufen könne, der Arzneipflanzen-Rohstoff sei unbedenklich, dafür sieht Eisenhart von Loeper keinerlei Anlass.

Die letzte spannende Frage nach der Lager-Entsiegelung war: Hat die Qualität des Rohstoffs gelitten? Da niemand den Raum betreten durfte, war der Betrieb eines Luftentfeuchters nicht möglich. Lediglich zwei Hygrometer, ein mechanisches und ein elektronisches, standen darin. Hans-Martin Hirt las sie ab und sagte: „Die Ware ist nicht verschimmelt.“ Außerdem ist ein großer Teil in luftdichten Fässern verschlossen, nicht alles befindet sich in Plastiksäcken. „Hier wäre das Problem, dass Wasser reingeht und ätherische Öle raus. Diese sind aber laut Prof. Pamela Weathers immens wichtig, sie verstärken das enthaltene Artemisinin um das 40-Fache“, so Hirt. Doch selbst wenn die Ware verdorben gewesen wäre, Anamed hatte beim Vergleich zugestimmt, dass es keinen Schadenersatz vom Landratsamt fordern werde.

Raoul Schmid-Schickhardt und Tim Stoeß sind einfach nur froh, dass ihre Arbeit nun weitergehen kann. Sie sorgten im Artemisia-Lager erst mal kräftig für Durchzug und schalteten den Luftentfeuchter wieder ein. „Wir werden nur einwandfreie Qualität verschicken“, sagen sie. Außerdem gibt es weiterhin Setzlinge zum Selberziehen.

Was ausweglos erschien, hat sich in Luft aufgelöst: Der Rechtsstreit zwischen Landratsamt und Anamed ist beigelegt, die Heilpflanze Artemisia annua anamed darf von Winnenden aus wieder verkauft werden. Die Erleichterung im Anamed-Team war deutlich zu spüren, als die Kontrolleure von der Lebensmittelüberwachung des Landratsamts diesen Montag (15.8.) in die Anamed-Geschäftsstelle kamen. Sie entfernten das amtliche Siegel von der Tür zum Lagerraum und zählten zusammen mit Hans-Martin Hirt und

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