Winnenden

Asien-Perle: Sohn sagt aus

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Hat für den Zeitraum von etwa einer Woche im Restaurant Asien-Perle gearbeitet: Dumitru A., einer der beiden Angeklagten. © Alexander Becher

Bachnang/Stuttgart. Ein sehr lieber Mensch sei sie gewesen, aber auch sehr direkt und charakterstark, „eine Powerfrau“ eben. Am gestrigen Verhandlungstag um den Mord an der Chefin des Backnanger Restaurants Asien-Perle, Aie Wu, erhielt das Gericht erstmals eine Beschreibung des Mordopfers von jemandem, der sie sehr gut, vielleicht sogar am besten gekannt hat – ihr ältester Sohn Jian Wang.

Dass sie so direkt gewesen sei, habe ab und an zu Irritationen geführt, zumal ihr Deutsch nicht besonders gut gewesen sei. „Sie war ein Mensch, der weiß, was sie will.“ Und manchmal sei es ihr einfach nicht schnell genug gegangen. Gleichzeitig sei sie aber immer bereit gewesen, anderen zu helfen.

Dass viele der Angestellten bereits seit Jahren in der Asien-Perle tätig seien, zeuge davon, dass Aie Wu ein gutes Verhältnis zu ihnen pflegte. Ruhig und gefasst erzählt der 31-Jährige vom Leben seiner Mutter, ihrer Kindheit in China, ihrer kurzen ersten Ehe und dem Tod ihres Mannes, ihrer von Gewalt geprägten zweiten Ehe und der darauffolgenden Scheidung, davon, wie sie in Backnang Fuß fasste.

Weder Schutzgelderpressung noch mafiöse Strukturen

Gleich zu Anfang stellte Wang klar, Schutzgelderpressung oder mafiöse Strukturen habe es in seiner Familie nicht gegeben. Diesen Tathintergrund schließe er aus. Eine Bandentätigkeit war deshalb in Betracht gezogen worden, weil sich im Privatzimmer der Restaurantchefin größere Mengen an Bargeld befunden hatten.

Offenbar kein Einzelfall, denn Aie Wu war bereits zweimal vom Zoll am Flughafen dabei erwischt worden, wie sie Beträge von 142 000 beziehungsweise 28 000 Euro nach China bringen wollte. Möglicherweise sei dies in Teilen Schwarzgeld gewesen.

Dass die Ermittler Verwandte als Täter in Betracht zogen, habe Jian Wang bestürzt. Seine Familie hätte anfangs einen Mitarbeiter, mit dem seine Mutter sehr gut befreundet war, verdächtigt – „bis diese zwei Herren gefasst wurden“.

„Für mich sind die zwei Herren schuldig“

Dumitru A. habe er kennengelernt, als dieser in der Asien-Perle bei den Hochzeitsvorbereitungen ausgeholfen hatte. „Ich habe ihn damals als angenehmen Menschen kennengelernt. Ich hätte nie gedacht, dass er zu so einer Tat fähig ist. Dass überhaupt jemand dazu fähig ist“, sagt Wang.

Dennoch sagte der 31-Jährige im Hinblick auf die Angeklagten: „Für mich sind die zwei Herren schuldig“. Den Schilderungen seiner Angestellten nach habe sich Dumitru A. ihnen gegenüber aggressiv verhalten und auch der 53-jährigen Restaurantbetreiberin gegenüber sei er laut geworden, habe sie sogar bedroht.

Aie Wu war in der Tatnacht gefesselt worden

Wang sei bei diesem Gespräch nicht dabei gewesen und habe das damals als Geschwätz abgetan. Zu A.s Arbeit in der Asen-Perle äußerte sich Wang ebenfalls. Der Rumäne habe in Vorbereitung auf Wangs Hochzeit im November 2015 unter anderem Teppiche am Boden befestigt. Dafür habe er aber doppelseitiges Klebeband benutzt. Aie Wu war in der Tatnacht mit einseitigem, weißem Klebeband gefesselt worden.

Ihr Sohn stellte klar: „Wir haben kein weißes Klebeband in der Asien-Perle, ich habe solches noch nie gekauft und auch noch nie im Restaurant gesehen.“

Sollten die Angeklagten das Klebeband mit in die Asien-Perle gebracht haben, so wird dies wohl als Vorsatz gewertet. Sie hatten behauptet, es nur auf Geld abgesehen und nicht gewusst zu haben, dass noch jemand im Gebäude war.

„Anfangs war das sehr schwer für mich“

Den Tag nach dem Tod seiner Mutter hat Jian Wang noch gut in Erinnerung. Morgens habe er einen Anruf von eben jenem befreundeten Mitarbeiter erhalten. Der habe gesagt, die Mutter sei gefesselt und voller Blut im Restaurant. Er habe einen Notruf abgesetzt und sei sofort zur Asien-Perle gefahren.

Gemeinsam mit den Sanitätern sei er in das Restaurant gegangen, habe gesehen wie ein Ersthelfer nach dem Puls seiner Mutter tastete. „Seit diesem Tag sind die Worte in meinem Kopf geblieben: ,Die Leichenstarre hat schon eingesetzt‘. Das hat er gesagt.“ In der Folgezeit nach der Tat sei er immer wieder von der Polizei befragt worden, habe sich selbst gefragt, wie das passieren konnte. „Anfangs war das sehr schwer für mich“, sagt der 31-Jährige mit tränenerstickter Stimme.

„Das ist die eigene Mutter, die da liegt.“

Auf die Frage seines Anwalts, wie es ihm beim Eintreffen am Tatort ergangen sei, bricht Wang in Tränen aus. „Das ist die eigene Mutter, die da liegt.“ Er sei zuerst noch davon ausgegangen, dass sie nur gefesselt und vielleicht geschlagen worden sei. Dann sprach der Sanitäter von Leichenstarre.

 „Als dieser Satz kam, war meine Mutter weg. Für immer.“ Die letzten Worte sind kaum noch hörbar. Wang habe ein sehr gutes Verhältnis zu seiner Mutter gehabt, sie seien gemeinsam durch dick und dünn gegangen, hätten sich vertraut und gegenseitig alles erzählt. Nach dem Tod der Mutter habe er viel geträumt, was ungewöhnlich für ihn sei. „Ich bin sonst nicht sehr emotional.“ Nach etwa fünf Stunden endete seine Vernehmung.


Fortsetzung

Jener Mitarbeiter, der Wu nahe stand, wurde nachfolgend befragt. Weil dies aber viel Zeit in Anspruch nahm, wird dessen Vernehmung am Montag fortgesetzt. Er war zunächst als Beschuldigter angesehen worden, das Ermittlungsverfahren wurde jedoch fallen gelassen.