Winnenden

Ausgesetzte Königsphyton: So geht es weiter

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Nicht gefährlich, aber anspruchsvoll: Eine Königspython. © Nimmervoll / Fotolia

Backnang. Man stelle sich das mal vor. Eine Styroporbox steht unscheinbar in der Gegend herum – und fünf Schlangen schauen freundlich heraus. Riesenschlangen! Die Szene entstammt keinem Schöner-Wohnen-Werbespot. Eine Frau hat in Backnang tatsächlich eine Kiste gefunden – mit fünf lebendigen Königspythons.

Eine frostige Nacht hätten die Schlangen vielleicht nicht überlebt. Immerhin hat ihr treuloser Besitzer ihnen noch eine Decke in die Box gelegt, bevor er sie schnöde verließ. Inzwischen leben die Schlangen bei einer Privatperson, „die sachkundig ist“, wie Dr. Anja Weber sagt. Die amtliche Tierärztin vom Backnanger Veterinäramt gibt Entwarnung: Königspythons sind zwar Würgeschlangen, aber „nicht gefährlich“ und nicht giftig. Der Mensch passt nicht in ihr Beuteschema, und mit ihrer überschaubaren Länge von 1,30 bis höchstens 1,50 Metern und einem Gewicht von gerade mal anderthalb Kilo hätten sie sowieso keine Chance gegen einen ausgewachsenen Homo sapiens.

Seltene Schlangen kosten Geld

„Reptilien- oder Schlangenhaltung hat längst Einzug gehalten in der Mittelschicht“, sagt Dr. Anja Weber. Einer oder mehreren Schlangen zu Hause im Terrarium beim Schlängeln zuzusehen, das scheint gar nicht mal so wenige Haustierhalter zu faszinieren. Auf dem Heimtiermarkt sind Pythons „gut vertreten“, sagt die Tierärztin, und der Handel mit den Tieren ist regelrechten Trends unterworfen. Manche Schlangenhalter sind auf besondere, seltene Färbungen aus und bereit, dafür eine Menge Geld auf den Tisch zu legen. Auf Ebay bieten Verkäufer solche Tiere zu Preisen zwischen 30 und mehreren Hundert Euro an.

„Abrücken von dem, was jeder hat“

Wer Kuschelbedürfnis hat, legt sich lieber eine Katze zu, und leidenschaftliche Spaziergänger dürften eher mit einem Hund glücklich werden. Aber Schlangen? Warum Schlangen?

Mag sein, es hat etwas mit „Abrücken vom Kuschelfaktor“ zu tun, mit „Abrücken von dem, was jeder hat“, mutmaßt Anja Weber. Vielleicht spielt auch Fernweh eine Rolle, die Sehnsucht nach etwas Exotischem, einem Lebewesen aus einer fernen Welt. Anja Weber weiß von Tierhaltern, die sich zu Hause ein Wüsten- und ein Tropenzimmer eingerichtet haben: „Da bin ich mal kurz wo ganz anders.“ Das Andersartige, das Häuten der Tiere, die durchaus außergewöhnliche Versorgung der Tiere mit toten Ratten und Mäusen – all das birgt wohl eine „Faszination der Exotik“.

Schlangen im Paradies und im echten Leben

Schlangenliebhaber unterscheiden sich in diesem Punkt durchaus wohl von der Mehrheit. Speziell um die Schlange ranken sich die wildesten Geschichten, und sie alle schmeicheln nicht dem Tier. Eine Schlange verführte Eva zur folgenschweren Apfel-Verkostung, und das wirkt bis heute nach. Als falsche Schlange betitelt der Volksmund eine fiese Frau, und wer sich mal so richtig ekeln will, der schaue Schlangenvideos an. Schlangenphobien sind weit verbreitet, weiß auch Anja Weber – und das in diesen Breiten, da weder Würge- noch Giftschlangen heimisch sind. Weshalb extreme Abneigung gegen Schlangen so weit verbreitet ist, „da sind sich die Forscher nicht einig“, sagt die Tierärztin.

Andere Kulturen gehen ganz anders mit dieser Tierart um 

In Indien gibt’s Menschen, die um Brillenkobras tanzen und ihnen auf den Kopf küssen. Das endet hin und wieder tödlich.

Wer eine Königspython küssen möchte, kann dies gefahrlos tun – allerdings erschrickt dann vermutlich statt dem Menschen die Schlange zu Tode. Sie bevorzugt garantiert eine tote Maus oder eine junge Ratte. Gezüchtete Exemplare sind von Anfang an daran gewöhnt, ihre Nahrung in totem Zustand zu sich zu nehmen. Weniger tolerant verhalten sie sich in Bezug auf Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Unter fünf Grad verfallen die wechselwarmen Tiere in eine Kältestarre, und dann ist Schluss. Die Luftfeuchtigkeit im Terrarium sollte 60 bis 80 Prozent betragen, nachts bis zu 90 Prozent.

Königsphytons brauchen hohe Luftfeuchtigkeit

Eine solch hohe Luftfeuchtigkeit hat in der Backnanger Styropor-Kiste garantiert nicht geherrscht. Die Königspythons werden froh gewesen sein über ihre neue Bleibe bei einem Schlangenkenner. Sollte mal wieder irgendwo eine Kiste herumstehen mit fünf Würgeschlangen darin: Ganz ruhig bleiben. Abstand halten. Polizei oder Veterinäramt anrufen. Und nicht wundern, wenn die Schlangen nicht mal grüßen. Bei Stress „machen sie aus sich selbst einen Knoten und wollen von der Welt nichts wissen“.