Winnenden

Ausnahmezustand in der Ausnüchterungszelle

1/3
Ausnüchterungszelle_0
Unser Fotograf Benjamin Büttner hat Probe gelegen – nur fürs Bild, versteht sich. © ZVW/Andrea Wüstholz
2/3
Ausnüchterungszelle
Im Revier sitzt zu jeder Tages- und Nachtzeit jemand, der am Bildschirm sieht, was ein Insasse einer Zelle momentan tut. © Benjamin Büttner
3/3
Ausnüchterungszelle
Andreas Lindauer (links), Leiter des Polizeireviers Winnenden, und sein Stellvertreter Friedhelm Veigel im Vorraum der Gewahrsams- und Ausnüchterungszellen. © Benjamin Büttner

Winnenden. Manche schlagen acht Stunden lang gegen die Tür. Andere schlafen Stunden am Stück wie ein Stein. In einer Ausnüchterungszelle handeln Menschen in der Regel nicht nach rationalen Gesichtspunkten.

Zwei Ausnüchterungs-, eine Gewahrsamszelle, alle drei deckenhoch weiß gefliest, in der Größe einem durchschnittlichen deutschen Kinderzimmer vergleichbar: Im Winnender Polizeirevier wirken diese Zellen vergleichsweise komfortabel. Vermutlich interessiert das die meisten Insassen nicht allzu sehr. Sie haben andere Sorgen.

Manchmal im Winter klingelt’s des Nachts im Revier und ein Mensch fragt an: Kann ich in der Zelle übernachten?

Die Antwort heißt: nein.

Für diese Fälle halten Kommunen Notunterkünfte vor. Die Polizei besitzt Schlüssel, damit nachts am Wochenende keiner vom Rathaus extra aufsperren muss.

Natürlich übernachten in den Zellen im Keller des Winnender Reviers häufig Menschen gegen ihren Willen. Sie waren zuvor ausgerastet, haben um sich geschlagen, andere gefährdet, oder sie sind mehrmals hintereinander als Angeklagte nicht zu ihrer Gerichtsverhandlung erschienen: Für diese Fälle ist Zelle eins gedacht. In den beiden anderen schlafen Menschen, meist Männer, ihren Alkohol- oder Drogenrausch aus.

Bevor sich hinter ihnen die Tür schließt, spielen sich im Vorraum Szenen ab, deren Details man nicht alle wissen will. Wer in Verdacht steht, mit Drogen zu tun zu haben, wird auch an eher unzugänglichen Stellen danach untersucht. Diensthabende entscheiden, ob ein Mensch die von einem Richter festgesetzte Zeitspanne vollständig unbekleidet in der Zelle verbringt, oder ob er ausgewählte Teile seiner Habe mit hineinnehmen darf. Gürtel und Schnürsenkel zählen dazu ganz sicher nicht.

Menschenwürde: Toilettenbereich nicht überwacht

Seit kurzem befinden sich in den Zellen neue Lüftungsgitter, deren Lochung so klein ist, dass man maximal einen sehr dünnen Wollfaden hindurchfädeln könnte. Der Austausch der Gitter ist nötig geworden, weil jemand das Gummiband seiner Unterhose in unguter Absicht am alten Gitter befestigt hatte.

Ein Stockwerk weiter oben sitzt immer jemand, der am Bildschirm sieht, was der Mensch unten in der Zelle tut. Es sei denn, der Mann in der Zelle benutzt die Toilette. Dieser Bereich ist von der Videoüberwachung ausgespart.

Laut Andreas Lindauer, dem Leiter des Winnender Reviers, reichen die drei Zellen „in der Regel“. Sie sind nicht alle jeden Tag besetzt – das nicht. Besonders am Wochenende kann es dennoch zu Engpässen kommen. Dann weicht man auf benachbarte Reviere aus.

Risiko: Zwei Todesfälle im Januar in Stuttgart

In Stuttgart braucht die Polizei natürlich viel, viel mehr Plätze für Menschen, die in stark berauschtem Zustand sich selbst oder andere gefährden. Extra dafür steht in der Landeshauptstadt eine zentrale Ausnüchterungseinheit zur Verfügung. Zwei Männer sind dort im Januar gestorben. Einer von ihnen hatte ein Hämatom im Gehirn, das nicht erkannt worden war. Der andere erlitt als Folge von Entzugserscheinungen tödliche Krampfanfälle. Beiden Männern hatte zuvor ein Arzt bescheinigt, sie seien haftfähig.

Nach diesen Vorfällen flammte die Diskussion erneut auf, ob nicht Krankenhäuser die Betreuung von Auszunüchternden übernehmen sollten. Andreas Lindauer hält nichts davon: Für die Polizei würde diese Lösung mehr Aufwand bedeuten, nicht weniger. Denn dann müsste man Beamte vor den Krankenzimmern postieren.

Im Revier muss hingegen nur alle zwei Stunden jemand persönlich nach den Insassen schauen. Während der restlichen Zeit läuft die Überwachung via Kamera.

Ob überhaupt und wie lange jemand in einer dieser Zellen bleibt, entscheidet in jedem Fall ein Richter. Der Einfachheit halber haben sie in Winnenden im Vorraum der Zellen ein Telefon stehen. Ein Richter muss jeden Menschen anhören, bevor ein Polizist den Schlüssel dreht. Manchmal fliegt das Telefon direkt an die Wand, berichtet Andreas Lindauer. „Jegliche Rationalität können Sie vergessen“, so fasst sein Stellvertreter Friedhelm Veigel zusammen, was sich zuweilen im Vorraum und in diesen Zellen abspielt. Angst vor Abschiebung kann eine Rolle spielen, Angst vor dem Entzug, vor dem Schlüssel.

Sicherheit: Diensthabende entscheiden

Wer Dienst hat, muss entscheiden, wie umzugehen ist mit diesem Menschen in diesem Fall. Jeden aus Sicherheitsgründen vollständig nackt in die Zelle zu stecken, „das wäre unverhältnismäßig“, sagt Friedhelm Veigel. Hin und wieder verbringen auch Frauen eine Nacht im Keller, aber „total selten“.

Ersten Hungerattacken setzt die Polizei eine Dose Gemüse- oder wahlweise Hühnereintopf entgegen. Nur für den Notfall lagern die Beamten diese Dosen im Schrank; meist verpflegen sie die Übernachtungsgäste mit Essen aus dem Klinikum Schloss Winnenden. Das ist im Preis inbegriffen: 100 Euro etwa kostet eine Nacht in der Zelle, inklusive Transport.

Mittels Knopf an der Wand kann der Delinquent Kontakt aufnehmen zum Wachhabenden oben. Wünscht er eine Toilettenspülung, muss er darum bitten: Nur von oben lässt sich die Spülung auslösen. Warum das so ist, das hat Gründe, „die wollen Sie gar nicht wissen“, wie es Friedhelm Veigel umschreibt.

Auch über die Arbeitsbedingungen der Reinigungskräfte am Tag danach möchte man nicht im Detail nachdenken. Für die Einmaldecken steht außen ein extra Mülleimer bereit. Die dünnen, königsblauen, reichlich harten Matratzen sind von einer gut abspritzbaren Kunststoffschicht umhüllt. Am Wandklo in Zelle eins befindet sich keine Toilettenbrille. Was nicht da ist, reißt keiner ab.

Einmal hat jemand Silikon aus den Ritzen gepopelt und geschluckt, berichtet Andreas Lindauer. Vielleicht wollte der Mann einen medizinischen Notfall erzeugen. Wer grade Dienst hat, muss dann schnell entscheiden, was zu tun ist – „das ist klassisches Berufsrisiko“, gibt Friedhelm Veigel zu bedenken, und Revierleiter Lindauer ergänzt, mit dem Schlüssel in der Hand in einer der Zellen stehend: „Solange der Betreffende hier ist, sind wir verantwortlich für ihn.“


Die Regeln

„Wir teilen die Auffassung der Länderkommission insoweit, dass Fixierungen an Wandhalterungen in Gewahrsamsräumen der Polizei Baden-Württemberg nicht erfolgen dürfen.“ Aus einem Brief des Innenministeriums vom Oktober 2016 an die „Nationale Stelle zur Verhütung von Folter“.

„Der Polizeivollzugsdienst kann in Gewahrsam genommene Personen offen mittels Bildübertragung beobachten, soweit dies zu ihrem oder zum Schutz des zur Durchführung des Gewahrsams eingesetzten Personals oder zur Verhütung von Straftaten in polizeilich genutzten Räumen erforderlich ist.“ Aus dem Polizeigesetz Baden-Württemberg (§ 21, Abs. 7)