Winnenden

Backnanger OB Frank Nopper im Interview

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Frank Nopper. © Büttner/ZVW
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Nopper
„Der Nopper sollte, . . . © Büttner/ZVW
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. . . nein, der muss . . . © Büttner/ZVW
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. . . für Backnang sein, sonst . . . © Büttner/ZVW
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. . . macht er’s völlig falsch!“ © Büttner/ZVW
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„Der Nopper sollte, . . . © Benjamin Büttner
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. . . nein, der muss . . . © Benjamin Büttner
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. . . für Backnang sein, sonst . . . © Benjamin Büttner
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Nopper
. . . macht er’s völlig falsch!“ © Benjamin Büttner

Backnang. Der Backnanger Oberbürgermeister Frank Nopper kann furios kämpfen, streiten, debattieren – er hat aber durchaus auch die Gabe der Nachdenklichkeit. Verstricken wir ihn mal in ein vorweihnachtliches Gespräch . . .

Herr Nopper, reden wir über Versöhnung.

Warum haben Sie denn ausgerechnet mich ausgegraben bei diesem Thema? (Gelächter.)

Es geschah nicht nur mit bösen Hintergedanken.

Aha, ganz ohne böse Hintergedanken also nicht. So kenne ich euch.

Mit Ihnen darüber zu reden, liegt auf der Hand, Sie waren einer der Protagonisten im härtesten Streit der Rems-Murr-Kreisgeschichte, dem Kampf ums Backnanger Krankenhaus. Manche Backnanger wirken bis heute nicht versöhnt mit der Entscheidung für den Winnender Neubau.

Auf diesen Streit und diese Rolle als Protagonist hätte ich liebend gerne verzichtet. Ich habe den Eindruck, die meisten Backnanger haben sich mit dem schmerzlichen Verlust des Krankenhauses abgefunden und blicken nach vorne. Leider führt die Einschätzung, die Backnanger seien bis heute nicht mit der Krankenhausentscheidung versöhnt, selbst beim amtierenden Rems-Murr-Landrat Dr. Richard Sigel, mit dem ich mich gut verstehe, zu Missverständnissen. Nicht jede Kritik am Landkreis oder an der hohen Kreisumlage hat ihre Ursache im Krankenhausstreit. Die Krankenhausentscheidung des Kreistags hat große Schmerzen bereitet, aber es gibt keinen bis heute anhaltenden Phantomschmerz. Richard Sigel macht es sich zu einfach, wenn er beim Streit um die Kreisumlage nur auf das Krankenhaus verweist, er muss nicht nur dort, sondern auch in anderen Kreisangelegenheiten seine Hausaufgaben erledigen, damit wir als Kommunen vor Ort möglichst viel für die Bürgerinnen und Bürger tun können. Es gibt im Übrigen auch heilsame und fruchtbare Auseinandersetzungen - überdies muss Kreis- und Kommunalpolitik nicht immer langweilig sein.

Als Langweiler hätte ich Sie nie verdächtigt. Aber der Streit damals hat auf beiden Seiten Wunden geschlagen, die bis heute nicht ganz verheilt sind.

Ja, aber nicht bei mir. Und von meiner Seite war es auch nie persönlich gemeint. Selbst in der Hochphase des Streits war es so, dass ich nie Johannes Fuchs als Person treffen wollte, sondern immer nur den Rems-Murr-Landrat. Aber der Empfängerhorizont war möglicherweise ein anderer als der Absenderhorizont. Er hat vielleicht eine andere Sensibilität als ich. Er ist da empfindsamer. Ja, es wurde hart gefochten. Aber es ging auch um extrem viel. Heute schreibe ich ihm sogar Geburtstagskarten mit versöhnlichen und persönlichen Anmerkungen.

Schreibt er zurück?

Er hat immer mal wieder freundliche Zeilen geschrieben und nach der Entscheidung gegen Backnang im Jahr 2008 mehrere Anläufe unternommen, um den Konflikt zu entschärfen. Ich bin allerdings einer der ganz wenigen Bürgermeister im Rems-Murr-Kreis, mit denen er beim Sie geblieben ist. Der Landrat eines anderen Landkreises hat mir mal das Du angeboten - aber nur unter der Bedingung, dass ich es Johannes Fuchs nicht verrate. Mit Johannes Fuchs hat sich das persönliche Verhältnis nie wirklich entspannt - vielleicht weil seinerzeit so hart gefochten wurde. Ganz anders war das mit dem altgedienten Winnender Kreisrat Friedrich Seibold, mit dem ich in Sachen Krankenhaus auch erbittert gestritten habe. Wir haben einige Zeit nach der Entscheidung unseren Frieden geschlossen und uns in aller Form versöhnt.


Der Landrat und der OB: Der Streit hat sich auf Sie beide zugespitzt.

Ja, leider. Es ging sogar so weit, dass seine Frau mich ermahnt hat - was mich damals irritiert hat, aber menschlich verständlich war. Sie sagte: Wenn ihr Mann morgens die Zeitung aufschlage und von einer neuen Nopper-Attacke lese, könne er sich seines Frühstücks nicht mehr erfreuen. Ich bin wenige Tage nach der Abstimmung im Kreistag, die mit 44 zu 42 Stimmen hauchdünn ausging, zu ihm ins Kreishaus gefahren. Damals habe ich ihm gesagt, dass er eine Frage von solch großer Bedeutung nicht mit so hauchdünner Mehrheit durchsetzen dürfe. Er blieb wie während der gesamten Krankenhausdiskussion hart und hat keine Zugeständnisse gemacht. Oder nur wenige. Das Gesundheitszentrum in Backnang war so ein Fall. Die Zugeständnisse, die er und der Kreistag gemacht haben, hat er dann auch umgesetzt. Da war er korrekt.

Ärger über „Regeln für den Backnanger Ausnahmezustand“

Kam er nicht auch mal nach Backnang zum Straßenfest?

Nein, er kam zumindest während meiner OB-Zeit nie zum Straßenfest. Aber einmal kam er am Tag nach dem Straßenfest ins Backnanger Rathaus. Er hatte sich über einen Witz, den ich in meiner Eröffnungsrede über ihn gemacht habe, furchtbar aufgeregt. Es hat in Backnang eine lange Tradition, dass der Oberbürgermeister das Straßenfest mit einer humorvollen und launigen Rede eröffnet - gerade auch mit Bezügen zur Kommunal- und Kreispolitik. Ich hatte zu diesem Anlass „Regeln für den Backnanger Ausnahmezustand“ verfasst, unter anderem: „Wer so viel getrunken hat, dass er den Backnanger Oberbürgermeister und den Rems-Murr-Landrat verwechselt, wird für die gesamte Dauer des Festes in die Arrestzelle des Rathauses gesperrt.“ Die Leute klatschten sich auf die Schenkel und ein anwesender Dezernent der Landkreisverwaltung berichtete davon dem Landrat am Montag. Daraufhin erschien er in meinem Dienstzimmer und sagte, man müsse über die Darstellung des Landrates in der Öffentlichkeit sprechen. Ich habe geantwortet: Machen Sie doch das nächste Mal einen Witz über den Nopper! Aber er hat geantwortet: Das sei nicht sein Amtsverständnis.

Es war offensichtlich auch ein Aufeinanderprall sehr verschiedener Charaktere. Sie selber wurden im Altkreis Waiblingen heftig angegangen - der Nopper, hieß es, schwingt sich zum populistischen Volkstribun auf.

Die Wogen gingen hoch - auf beiden Seiten. Das Verständnis dafür, dass wir als Backnanger unser Krankenhaus verteidigen wollten, habe ich auf der Gegenseite manchmal vermisst. Viele, die für den Neubau waren, fanden, dass nur sie mit lauteren Mitteln arbeiten würden und wir mit unlauteren. Und nur sie seien diejenigen, die über den Kirchturm hinausblicken würden. Außerdem müsse man diesem unsäglichen Heißsporn aus Backnang zeigen, wo es lang geht.

Zumindest in Backnang haben Sie vielen aus dem Herzen gesprochen. Die Leute dort waren teilweise tief verletzt, weil sie ihr Krankenhaus drangeben sollten.

Ja, das ist eindeutig so. Die Verletzungen hingen aber nicht nur mit dem Verlust des Krankenhauses zusammen, das über 161 Jahre hinweg in der Stadt bestand, sondern auch mit anderen Niederlagen und Kränkungen - etwa mit dem Verlust des Kreissitzes, mit dem Niedergang von einst glanzvollen Industriebetrieben, mit der undankbaren Minderheitenrolle des Backnanger Raumes im Rems-Murr-Kreis. All diese Gefühle und Empfindungen schwangen da mit. Ich hatte den Eindruck, viele Neubaubefürworter hatten kein Gespür für die historischen Dimensionen und Zusammenhänge entwickelt, kein Gespür dafür, wie die Leute im Backnanger Raum ticken. Bei einer Veranstaltung zum Krankenhausthema hat mir damals ein älterer Mann gesagt: „Jetzt machet die onser Backana vollends ganz hee!“ Der Satz traf die aufgewühlte Stimmung ganz gut.

Wobei es auch umgekehrt Verletzungen gab: Neubaubefürworter erhielten derbe anonyme Briefe, Landrat Fuchs musste manche Rüdheit einstecken.

Auch ich musste manche Rüdheit einstecken. Natürlich war die Stimmung aufgewühlt. Und auf beiden Seiten ist der eine oder andere weit über das Ziel hinausgeschossen.

Waren Sie auch persönlich getroffen?

In der Zeit nach der Abstimmungsniederlage habe ich oft gedacht: Eieiei, Demokratie kann ganz schön weh tun. Und es gab auch Anfeindungen: Der Nopper redet dummes Zeug, der wiegelt auf. Aber ich habe das nicht nachhaltig persönlich genommen. Ich bin, wenn ich mal was nachtrage, sowieso allenfalls im Stande, das fünf Minuten durchzuhalten. Ich kann mir gar nicht merken, wem ich alles was nachzutragen hätte! (Gelächter.) Solche Dinge jahrelang mit sich herumzuschleppen, ist ja furchtbar: Sie tun sich damit nichts Gutes, nicht dem andern und nicht der Sache. Politik verträgt das Nachtragen nicht, in der Politik geht es nicht ohne ein gewisses Maß an Nachsicht und vielleicht auch nicht ohne wechselseitiges Vergessen von Schandtaten. (Gelächter.) Man muss sich von vorne herein klar machen, dass man sich in einer Rolle bewegt und der andere auch.

Politik ist auch ein Rollenspiel

Also sauber unterscheiden zwischen dem Oberbürgermeister respektive Landrat und dem Herrn Nopper beziehungsweise Fuchs, zwischen öffentlicher Rolle und privater Persönlichkeit?

Politik ist bis zu einem gewissen Grad ein Rollenspiel, klar. Viele politische Akteure kennen sich zum Teil seit Studienzeiten. Sie brauchen doch nicht zu glauben, dass die sich beim Bier im Anschluss an ein Gefecht genauso unversöhnlich gegenüberstehen wie eben noch auf einem Podium, in der Bundestagsdebatte oder der Talkshow! Das trennen zu können, gehört zur politischen Professionalität.

Und wenn Sie auf den Putz hauen, tun Sie das eben in Ihrer Rolle als OB?

Ich habe vor Jahren mal heftig für Backnang gekämpft als Sitz des Staatlichen Schulamtes - letztlich erfolgreich. Da hat mir ein höherer Ministerialbeamter vorgeworfen: Sie sind ja sowieso immer für Backnang! Tja. Ist ja wirklich überraschend, dass der Backnanger Oberbürgermeister für Backnang ist . . . Natürlich ist das seine Rolle! Der Nopper ist ein Seggl, weil er für Backnang ist? Nein - der sollte, der muss für Backnang sein, sonst macht er’s völlig falsch! Und dass der Backnanger Oberbürgermeister hurra schreit, wenn man ihm das Krankenhaus wegnimmt, kann man doch nicht erwarten.

Ich kann Ihren Analysen teilweise durchaus folgen. Trotzdem muss ich Sie mit einer unangenehmen Frage quälen.

Quälen Sie mich.

Gab es während des Klinikstreits nicht doch auch Dinge, von denen Sie im Nachhinein sagen müssen, da habe ich Fehler gemacht, da bin ich zu weit gegangen?

(Pause.) Vielleicht war ich manchmal zu aggressiv, zu provokant, zu emotional. Manchmal bin ich dem Landrat unfein ins Wort gefallen. Da habe auch ich Fehler gemacht. Es ging aber auch um viel! (Pause.) Und ja, wenn Sie von Fehlern sprechen . . . Ich habe dem Landrat einmal gesagt - vielleicht auch zweimal - dass meine Angriffe nicht gegen ihn als Person gerichtet seien. Aber vielleicht hätte ich ihm das noch deutlicher vermitteln sollen. Ich bin eher - ob Sie es mir glauben oder nicht - ein konsens- und harmonieorientierter Typ. Ich gehe nur dann in eine Auseinandersetzung, wenn es unbedingt erforderlich ist. Aber es ging um eine ganz wichtige Frage für unsere Stadt. Und es war eine harte Niederlage. Aber ich hege keinen Groll. Wir alle haben allergrößtes Interesse daran, dass die Klinik in Winnenden funktioniert, auch wenn ich die Entscheidung für ein Zentralkrankenhaus bis heute für falsch halte. Und wenn Johannes Fuchs im Backnanger Rathaus auf einen Kaffee vorbeikommt, empfange ich ihn gern.

Zur Person

Frank Nopper, 56, ist seit 2002 Oberbürgermeister von Backnang. Er setzte sich seinerzeit im zweiten Wahlgang gegen den bisherigen Amtsinhaber Jürgen-Heinrich Schmidt durch und kam dabei auf 45 Prozent der Stimmen. 2010 wurde Nopper wiedergewählt, diesmal mit 86,8 Prozent.