Winnenden

Besuch beim Winnender Star-Architekten

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Die Architektenpartner Hans Schneider, Jürgen Mayer und Andre Santer (von links) vor einem großen Schwarz-Weiß-Foto von Metropol Parasol in Sevilla. © Patricia Parinejad
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Der Entwurf von Jürgen Mayer H. und Partner für ein neues Wohnhaus auf Stelzen in Berlin – darunter befinden sich eine Tankstelle und ein Gebäude aus den 1950er-Jahren, das als Galerie genutzt wird.
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Denkmalgeschützte Gebäude des Reichsbahnausbesserungswerks in Potsdam will Mayer mit modernen Elementen zu einem „kreativen Dorf“ verbinden.

Berlin/Winnenden. In einem Altbau, nicht weit vom Kurfürstendamm entfernt, verbirgt sich das moderne Büro des Star-Architekten Jürgen Mayer H. hinter einer schweren, dunklen Holztür. Während eines Berlin-Praktikums besuchen wir den gebürtigen Winnender an der Knesebeckstraße 30. An den Wänden hängen Baupläne und Zeichnungen und auf dem Tisch steht das hölzerne Modell einer futuristisch aussehenden Wohnung.

Einst hat Richard Strauss hier, im sogenannten Zementbau, seine erste Bleibe in Berlin gefunden. Mehr als 100 Jahre später sind wieder Kreative eingezogen, nur dass Jürgen Mayer und sein rund 30-köpfiges Team es nicht mit Ton-, sondern mit Bauwerken zu tun haben. Konstruktion statt Komposition. Aber, ähnlich wie Strauss, auf international beachtetem Niveau.

An einem weißen Tisch mit ebenfalls weißen Designerstühlen sitzt Jürgen Mayer. Der 53-Jährige trägt ein dunkelblaues Jeanshemd. Es passt zu seinen blauen Augen. Er gibt einen schnellen Überblick seiner Projekte, an manchen bleibt er hängen. Dann nimmt er sich Zeit, auf Details einzugehen.

Rems-Murr-Kreis vor 25 Jahren verlassen

Mayer erzählt ausführlich über den Metropol Parasol, eine riesige Holzkonstruktion in der Altstadt der spanischen Stadt Sevilla, die er als Aushängeschild seines Büros bezeichnet, und über eine neue Privatuni in Berlin. Auch berichtet er kurz von Projekten im Rems-Murr-Kreis, den er vor 25 Jahren verlassen hat.


Mayer im Kreis

Nächstes Jahr sollen die Bauarbeiten am Winnender Kronenplatz beginnen. Der zugrundeliegende Entwurf von Jürgen Mayer mit langen, schmalen Querstreben in der Fassade soll Fachwerk modern interpretieren.

Auf der Webseite von Mayers Architektenbüro finden sich Entwürfe auch für Ausschreibungen, die es nicht gewonnen hat, wie beispielsweise das geplante Kärcher-Museum in Winnenden. „Der Entwurf ist ein großartiger Auftakt am Stadteingang von Winnenden“, findet Jürgen Mayer. Gerne hätte er die Verwirklichung seiner Idee dort gesehen.

Für die Remstal-Gartenschau kreierte der Architekt eine der 16 weißen Stationen: die Nummer 14 in Waiblingen. Die begehbare Skulptur steht an der Spitze der Schwaneninsel in der Waiblinger Innenstadt.

Den Björn-Steiger-Gedenkstein an der Schorndorfer Straße in Winnenden entwarf Jürgen Mayer und enthüllte das Denkmal Anfang Mai.


„Mein Interesse für Kunst ist präsent, seit ich denken kann“, sagt Mayer. Er studierte Architektur in Stuttgart, New York und Princeton. 1996 gründete er das Architekturbüro in Berlin. Seit rund fünf Jahren sind Andre Santer und Hans Schneider als Partner dabei. Die drei arbeiten an allen Projekten gemeinsam. „Mein Schwerpunkt ist dabei der gestalterische Prozess“, berichtet Mayer. Zwar dauere es eine gewisse Zeit, bis sich eine künstlerische Handschrift entwickelt, doch die drei haben sie gefunden. „Der skulpturale Ansatz in unserer Architektur war von Anfang an da, auch bereits in meinem Studium.“

Eine Wand wird selbst zur Skulptur mit Fenstern und Türen drin

Seine Inspiration findet Mayer im „Hinterfragen der Grenzen der Disziplin“ und in der „Entwicklung neuer Potenziale“. Was das genau heißt, zeigt sich in seiner Arbeit. Oft gestaltet er die Hauswand, also die Grenze von innen und außen, dreidimensional und plastisch. Sie wird selbst zur Skulptur, in die sich Fenster und Türen einfügen. „Die Projekte sind skulptural gedacht“ - egal ob Architektur, Kunstinstallationen und Design. „Sie basieren auf ähnlichen Konzeptansätzen“, erklärt der 53-Jährige. „Jeder Tag hat seinen eigenen Rhythmus“, sagt er über seinen Alltag. Routine entstehe gerade durch die Vielfalt der Projekte eher nicht.

Für seine Konstruktionen nutzt er immer wieder neue Materialien

Für seine Projekte will er neue Materialien nutzen. So verwendet er für die private Hochschule in Berlin, die voraussichtlich nächstes Jahr fertiggestellt wird, einen Infraleichtbeton. Damit braucht das Haus keine weitere Dämmung. Mayer arbeitet zum ersten Mal mit dieser Substanz: „Es wurden noch nicht viele Gebäude mit dieser innovativen Baukonstruktion realisiert“, spricht er von einer Art Pioniererfahrung.

„Ich bin viel unterwegs für Vorträge, Projekte und zum Unterrichten“, berichtet Mayer weiter. Er besucht Universitäten, Wirtschaftsverbände und bietet Workshops an. Als Architekt befinde er sich momentan in einer Berlin-Phase, da die meisten Projekte vor Ort entstehen. Doch auch wenn Mayer viel unterwegs ist, besucht er regelmäßig seine Verwandtschaft in Winnenden und Umgebung. Anfang Mai kam er für die Enthüllung des von ihm entworfenen Björn-Steiger-Gedenksteins in die schwäbische Heimat. Dieser Ort an der Schorndorfer Straße verbinde ihn mit seiner Jugend, sagt der 53-Jährige. Für die Arbeit der Björn-Steiger-Stiftung empfinde er „absolute Hochachtung“.

Er treibt Sport und arbeitet auch privat wieder mehr künstlerisch

Nach der Arbeit an Projekten vor Ort und in seinem Berliner Büro verbringt Mayer Zeit mit Freunden oder geht zum Sport – ganz normal eben. Und: „Das künstlerische Arbeiten nimmt wieder mehr Raum in meinem Alltag ein.“ Früher schon hat er Lampen, Stühle, Teppiche und mehr designt.


Das Bahnwerk wird zum Kreativ-Campus

In mehreren Ländern stehen Gebäude, die Jürgen Mayer entworfen hat. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein.

Gemeinsam mit vier anderen Architekten und Designern gestaltete er eine Parkgarage in Miami. Für das Land Georgien entwickelte er etliche Infrastrukturprojekte, darunter einen Flughafen, eine Polizeistation und die Kontrollstation an der Grenze zur Türkei.

Momentan beschäftigen ihn besonders zwei Projekte. Beide Bauvorhaben haben die Verbindung von Altem und Neuem im Fokus:

Bereits jetzt werden auf einem Berliner Gelände eine Tankstelle und das dazugehörige Gebäude aus den Fünfzigerjahren als Galerie genutzt. Dazukommen sollen ein Restaurant und ein Wohnhaus. Das Privathaus werde jedoch kein normaler Anbau sein, sondern über dem Ganzen thronen. Als dreieckiger Aufsatz werde die Wohnung auf dem bereits bestehenden Haus und auf zwei Pfeilern stehen.

Ein weiteres aktuelles Projekt hat Mayer für die Stadt Potsdam geplant. Auf dem am Bahnhof liegenden Gelände des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerks (RAW) soll ein „Creative Village“ (kreatives Dorf) entstehen, das vor allem Technologie-Firmen und Start-ups der Digitalwirtschaft ansprechen soll.

Nicht nur Unternehmen würden sich auf dem Gelände ansiedeln, sondern auch Teile der Hochschule und der Babelsberger Filmstudios, berichtet Mayer. Die denkmalgeschützten RAW-Gebäude würden saniert und durch einen Neubau ergänzt werden. Nach jetzigem Entwurf passen sich die neuen Betonbauten dem Aufbau der alten Werke mit ihren großen Fenstern an.