Winnenden

Biologe betrachtet Winnender Parkplatz: Ein Magerbiotop in der Pflasterfuge

Natur in der Stadt
Neben Autorädern gedeiht Vielfalt. © Alexandra Palmizi

Machen Beton und Asphalt die Natur kaputt? Eigentlich schon. Aber der Botaniker Dr. Robert Boehm schaut genau hin und entdeckt Kleinstbiotope zwischen Hauswänden, fahrenden und parkenden Autos und schwärmt von „Eh da“-Flächen – Ecken und Streifen, auf denen irgendwas von alleine sprießt.

Auf dem Parkplatz an der Wallstraße vor der Stadtkirche grünen allerlei winzige Blütenköpfchen, die Boehm zwischen Fugen hervorgrubelt und rauszupft. Mehr als 20 verschiedene Wildpflanzen habe er hier schon bestimmt. „Die meisten finden sich sonst nur auf mageren Standorten, sie sind in der Stadt selten“, hebt er die Besonderheit hervor, und dann zupft und zeigt er Vogelknöterich, Mauerpfeffer, Bruchkraut und Quendel: „Er hat thymianähnliche Blättchen und ist ein absoluter Spezialist für Magerwiesen.“ Was unter Fußgänger-Sohlen alles Fuß fassen kann, weil nicht gemäht oder „aufgeräumt“ wird, macht botanisch was her: Greiskraut, Gänsefuß, Berufkraut (von Berufung kommend), Schwarzer Nachtschatten, Eibe, Efeu, grüner Pippau und Habichtskraut schauen zwischen den Gittersteinen hervor. Boehm streift mit einer Gruppe von Volkshochschulbesuchern durch die Stadt.

„Sind das Erdbeeren?“, fragt eine Frau. Boehm bejaht und erzählt, dass in den Spalten auch Insekten ihre Erdbauten anlegen können. Was hier grünt, knospt, blüht und wächst, ziehe naturgemäß Bestäuber an, ganz ohne menschliches Zutun. „So was, und da läuft man immer nur vorbei“, meint eine Teilnehmerin. Eine andere Frau fühlt sich von dem frischen Grün an ihren Parkplatz daheim erinnert: „Ich glaube, künftig kratze ich die Fugen nicht mehr sauber, sondern lasse alles wuchern.“

Mag die Wildbiene die Goldrute, die aus Kanada eingewandert ist?

Dort, wo es die wenigsten vermuten, stößt die Gruppe auf Lebensraum von Kleingetier und Fluginsekten. Boehm lenkt die Blicke auf einen krautigen Stängel mit einem Büschel an senfgelben Blüten: eine kanadische Goldrute. Na ja. Die invasive, „zugezogene“ Art mache sich nicht überall Freunde, weiß Boehm. Vor der Furcht, sie könne heimische Arten zurückdrängen, überwiegt für ihn aber der ökologische Nutzen. „Für einige Wildbienenarten ist es eine wertvolle Bienenweide bis in den Herbst hinein“, wird er zum Fürsprecher und rät davon ab, sie mit Stumpf und Stiel rauszurupfen, wie es mancherorts geschehe. „Flora ist dynamisch, die Natur- und Pflanzenwelt ist kein Museum aus dem 18. Jahrhundert, das wir erhalten müssen. Biotope ändern sich, die Natur regelt es von selbst, sie integriert im Laufe der Zeit auch Neuankömmlinge in die ökologischen Netze.“ Ein gewisses „Laissez faire“ walten lassen – damit sei der Natur mehr gedient als mit vielen Bepflanzungen.

Wenn die Stadtgärtner auf eine Dauerbepflanzung setzen

Einen Standort mit aus seiner Sicht guter „Struktur“ hat er sich am Rathaus ausgeguckt: wieder eine „Eh da“-Fläche, dieses Mal an der Wallstraße, ein durch Gehweg und Bordstein eingekastelter Grünstreifen, auf dem Katzenminze und Johanniskraut einvernehmlich gedeihen. Hier habe die Stadt eine Dauerbepflanzung gewählt. Ökologisch sinnvoll und kostengünstig, dafür nicht so prächtig.

Farbenfroh leuchtet das Beet am Zebrastreifen von der Winnender Zeitung zum „Skurril“. „Jeder freut sich am Anblick. Es blüht und das ist gut“, würdigt Boehm die Schönheit des Beets. Aber: Die Biodiversität ziehe den Kürzeren, und kostengünstig sei die Pracht für die Stadt auch nicht. Im Herbst müsse alles raus, im Frühjahr wieder eingepflanzt werden. Das für stabile Ökosysteme wichtige Kleingetier drehe zudem ab, wenn es Bananen, Klatschmohn und Begonien vorfindet, auch für Spinnen fehlten Winterquartiere. „Die Pflanzen werden zwar von Honigbienen besucht, dies sind Generalisten, die nehmen alles“, so Dr. Boehm. Doch die „Schleckigen“, etwa Wildbienen, verschmähten das Angebot. „Die Spezialisten sind an die einjährigen, nicht heimischen Pflanzenarten nicht angepasst.“

Direkt vor dem Rathaus gibt es für Menschen einiges zu schnuppern

Die Botanikernote „Sehr gut“ vergibt er an das Kräuterbeet vor dem Rathaus mit Nutz- und Heilpflanzen. Er hält es für ein gelungenes Beispiel einer ökologischen Aufwertung von städtischen Flächen. „Jeder kann schauen und riechen, es bietet ein angenehmes Durchschnuppererlebnis mitten in der Stadt.“

Auf dem Stadtfriedhof bilde der Bestand an Gehölzen eine „grüne Lunge“ im Zentrum - wichtig fürs Stadtklima, interessant für Vögel, Eichhörnchen und sogar Kaninchen. Im Neubaugebiet Eitelböse werden heimische Gehölze und Wildobst bewundert. Durch die Pflanzung von Rosen, Schneeball, Kornelkirsche und Hasel habe die Stadt „in idealer Weise die Funktion als Lärmschutzwall mit der Möglichkeit für die Stadtökologie genutzt und verbunden“.

Der Rückgang von Insektenarten sei nur eines von vielen augenfälligen Merkmalen für die Verarmung der Strukturen. Er plädiert dafür, die Natur machen zu lassen. „Wir können Strukturen schaffen und so dazu beitragen, dass sich etwas entwickelt“, argumentiert er.

Machen Beton und Asphalt die Natur kaputt? Eigentlich schon. Aber der Botaniker Dr. Robert Boehm schaut genau hin und entdeckt Kleinstbiotope zwischen Hauswänden, fahrenden und parkenden Autos und schwärmt von „Eh da“-Flächen – Ecken und Streifen, auf denen irgendwas von alleine sprießt.

Auf dem Parkplatz an der Wallstraße vor der Stadtkirche grünen allerlei winzige Blütenköpfchen, die Boehm zwischen Fugen hervorgrubelt und rauszupft. Mehr als 20 verschiedene Wildpflanzen habe er hier

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