Winnenden

Biomode-Geschäft schließt bald, und auch andere Winnender Händler sagen: Die Krise ist noch nicht überstanden

Ladenschließung
Johanna Widulski verabschiedet sich am 30. Juni mit „Green Lavadee“ von Winnenden. © ALEXANDRA PALMIZI

Die Läden sind seit Dienstag wieder fast ganz normal geöffnet. In kleine Geschäfte dürfen zwar nur wenige Kunden, und jeder trägt Maske und achtet auf den Abstand. Aber ansonsten stellt sich langsam ein normales Einkaufsgefühl ein: Man kann alle Kleiderständer durchstieren, Teile anprobieren, nette Dekosächelchen in der Hand drehen und wenden – und man kann reden. Oft lautet die Frage an die Geschäftsfrauen und ihre Angestellten: Wie sind Sie durch die Krise gekommen? Konnten Sie die fast sechs Monate währenden Einschränkungen, die für Fachgeschäfte einer Schließung gleichkamen, finanziell stemmen? Gab es Hilfen vom Staat? Wird das Geschäft die Coronakrise überleben?

Johanna Widulski macht im Privathaus und im Internet weiter

Eine, die bald zumacht, ist Johanna Widulski. Ende Juni gibt sie das Biomode-Geschäft am Torturm auf. Ihre Situation ist eine besondere, denn sie steckte als Anfängerin in den Jahren 2018 und 2019 noch in den roten Zahlen. Zudem zog sie vor einem Jahr 2020 als Untermieterin der Boutique Ilse aus und in den eigenen Verkaufsraum ein. Wegen Corona suchte sie sich gleich einen Teilzeitjob dazu. „Ich bekomme Überbrückungshilfe, aber das reicht hinten und vorne nicht“, sagt die 33-Jährige. Mit ihrem Steuer- und Gründungsberater war sie beim Vermieter vorstellig. Er sei dann zwar bereit gewesen, die Miete zu stunden. Doch nicht länger als drei Monate. Stunden bedeutet, dass die regelmäßige Zahlung ausgesetzt, die letztlich aufgelaufene Mietsumme jedoch zu einem späteren Zeitpunkt bezahlt oder abgestottert wird.

„Er hat seine Beweggründe und ich meine, aber als er mir unterstellte, dass ich ihm Staatshilfe verheimliche, führte das zu einem Vertrauensbruch“, sagt die gebürtige Westfälin, die in Lorch wohnt. Dort hat sie ab 1. Juli ein Gewerbe angemeldet und wird im Privathaus einen Showroom mit Naturmode einrichten und ihren Online-Handel weiterbetreiben. „Wenn ich da stark bin, juckt mich eine Schließung des stationären Handels nicht mehr so“, sagt sie. Corona hat ihr also das Geschäft nicht ganz verdorben. Sie verlässt Winnenden mit Schulden und schweren Herzens, letztlich wollten im vergangenen halben Jahr alle Rechnungen bezahlt sein, ohne dass im Laden Umsatz gemacht wurde: „Er war ein teures Lager.“

Angelika Butter: Alteingesessene haben zu kämpfen

Schräg gegenüber arbeitet Angelika Butter als Angestellte, sie treibt die Sorge um, dass noch mehr Läden, deren Inhaber Mieter sind, im Sommer oder Herbst aufgeben müssen. „Ich glaube, dass Gastronomen und Friseure eher überleben, weil die Leute wiederkommen. Aber der Einzelhandel hat den großen Konkurrenten Internet.“ Sie hätte sich von der Stadt und dem Gemeinderat und besonders von der Wirtschaftsförderung mehr Unterstützung gewünscht, stattdessen fädelten diese vergangenen Herbst das Förderprogramm „Rückenwind“ ein, für bestimmte Neugründer mit innovativem und kreativem Konzept gibt es maximal 400 Euro Zuschuss, 20 Prozent der Nettomiete, ein Jahr lang. „Auch die alteingesessenen Inhaber haben zu kämpfen, und sie verlieren, wenn ihnen der Vermieter nicht entgegenkommt“, glaubt Butter.

Wirtschaftsförderer Hettich: Stadt kann mit Geld nicht unterstützen, dafür gibt's Coronahilfe von Bund und Land

Timm Hettich, Wirtschaftsförderer und Geschäftsführer des Vereins Attraktives Winnenden, erklärt dazu: „Als Stadt haben wir finanziell nicht die Möglichkeiten, die in Not geratenen Fachgeschäfte zu unterstützen. Das ist bei einem derartigen Ausmaß, Corona betrifft einen Großteil aller Gewerbetreibenden in unserer Innenstadt, nicht möglich. Genau deshalb gibt es auch die Hilfen von Bund und Land, um die Folgen von Corona abzufangen.“ Außerdem weiß er von „vielen Vermietern, die ihren Mietern in der Krise entgegengekommen sind und entsprechende Mietnachlässe gewährt haben. Natürlich ist dies aber nicht bei allen Mietverhältnissen der Fall.“

Mit einem Vermieter konnte unsere Zeitung sprechen, er möchte gerne anonym bleiben. „Ich habe es so gehandhabt: Wer auf mich zukam, dem sicherte ich eine pragmatische Lösung zu. Aber nur für die Monate, in denen der Mieter keine Leistung vom Land oder vom Bund bekommt.“ Teils konnte bei den Programmen durchaus Miete als Fixkosten geltend gemacht werden. „Und dann sehe ich es nicht ein, die Kasse des Staats zu entlasten.“ Letztlich ist dem Vermieter aber wichtig, dass seine Mieter ihr Geschäft nicht aufgeben müssen. „Es bringt mir nichts, wenn sie durch die Kosten stranguliert werden. Ich will, dass die Leute in der Immobilie bleiben.“

Ohne Stammkunden und kulante Vermieter wäre es für einige aus

Genau so hat es Jasmin Klingler vom „Zirbenwald“ erlebt. „Ich hatte Glück, meine Miete wurde gestundet, die Vermieterin war kulant, sonst hätte ich es nicht geschafft.“ Auch die Stammkunden haben das wenige Jahre alte Geschäft, in dem es unter anderem Produkte aus Zirbenholz gibt, getragen. „Überbrückungshilfe habe ich nur im Frühjahr 2020 bekommen, am Jahresende lag ich mit dem Umsatz knapp über der Hilfsgrenze“, sagt Klingler. Da fragt keiner, wie viel vom Ersparten sie und ihr Mann schon zuvor in den Laden gesteckt haben. „Online ging ein bisschen was, und ich habe den Schwerpunkt auf Kindersachen und Lebensmittel gelegt, dadurch konnte ich weiter öffnen.“ Das Deko-Sortiment und das Café kommen mit zunehmenden Lockerungen irgendwann zurück. „Aber zum jetzigen Zeitpunkt kann ich noch nicht sagen, ob der ,Zirbenwald' die Krise überstanden hat.“

Eine Einzelhändlerin, die namentlich nicht genannt werden will, hat ihre Mitarbeiterin in Kurzarbeit geschickt, sich selbst in den Laden gestellt, um die Kunden an der Ladentür zu bedienen, und den Steuerberater mit dem komplizierten Antrag auf Überbrückungshilfe beauftragt. „Mein Vermieter war nach einem längeren Gespräch bereit, mir entgegenzukommen, aber nur für die Zeit, wenn Einschränkungen sind. Trotzdem bin ich dafür sehr dankbar“, sagt die Händlerin, die vor 13 Jahren ihren Traum in Winnenden erfüllte. „Psychisch waren für mich die Monate Februar und März am schwierigsten, ich hatte keine Perspektive, kam mir vor wie in einem sinkenden Boot. Ohne meine Stammkunden hätte ich die Zeit nicht überlebt.“ Sie berichtet von rührenden Szenen: „Sie riefen an, fragten, wie's geht, oder brachten Blumen und Schokolade vorbei.“ Manche seien sogar gekommen und hätten gesagt: „Ich kaufe etwas, gebed Se mir irgendwas!“

Auf Granit gebissen hat eine andere Innenstadthändlerin, die ebenfalls nicht namentlich genannt werden will, bei ihrer Vermieterin. „Dieses Jahr war sie nicht bereit, die Miete, die sehr teuer ist, zu reduzieren. Sie hat sie nur gestundet.“ Der einzige Lichtblick im Moment ist, dass wieder viel mehr läuft als zur Zeit von Bestellen und Abholen. „Das klappte nur mit Leuten, die genau wissen, was wir haben und was sie wollen.“ Jetzt kann man wieder rein, anfassen, schauen, sich inspirieren lassen. Wo das alles endet? „Wir harren der Dinge“, sagt die Mitarbeiterin und zuckt mehrmals mit den Schultern.

Die Läden sind seit Dienstag wieder fast ganz normal geöffnet. In kleine Geschäfte dürfen zwar nur wenige Kunden, und jeder trägt Maske und achtet auf den Abstand. Aber ansonsten stellt sich langsam ein normales Einkaufsgefühl ein: Man kann alle Kleiderständer durchstieren, Teile anprobieren, nette Dekosächelchen in der Hand drehen und wenden – und man kann reden. Oft lautet die Frage an die Geschäftsfrauen und ihre Angestellten: Wie sind Sie durch die Krise gekommen? Konnten Sie die fast

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