Winnenden

Boehringer-Schule: Eltern protestieren gegen die Schließung

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Jasmine Lander, Monika Koßak (mit Lennox), Irena Tutin, Helmut Herzeg und Kurt Lander möchten, dass Winnenden seine Gemeinschaftsschule behält. © Habermann / ZVW

Winnenden. Eltern mögen ihre Boehringer-Schule. Keine bessere können sie sich vorstellen für ihre Kinder, und sie glauben im Leben nicht, dass die Kinder in Schwaikheim eine ähnlich gute Schule bekämen. Nur einen Wunsch haben sie an die Stadt: Die Schule soll in Winnenden erhalten bleiben.

Video: Eltern protestieren gegen die Schulschließung der Robert-Boehringer-Gemeinschaftsschule.

„Unsere Kinder haben hier eine Schulform gefunden, in der sie freies, schönes Lernen erleben“, sagt Jasmine Lander, deren Sohn auf die Boehringer-Schule geht, „hier gibt’s nur ganz wenig Frontalunterricht, sehr viel Gruppenarbeit. Wir haben den Eindruck, dass dies unseren Kindern gut tut, und dass sie sich an unserer Schule zu selbstständigen Persönlichkeiten entwickeln.“ „Hier wird nicht das Fach unterrichtet, hier werden die Kinder unterrichtet, so wie sie sind“, urteilt ihr Mann, Kurt Lander, der Elternsprecher der Robert-Boehringer-Gemeinschaftsschule.

So eine intakte Gemeinschaftsschule ist für berufstätige Eltern eine Entlastung: „Mein Sohn kommt um 16 Uhr heim, wirft seine Tasche in die Ecke und geht raus. Ich kann mich darauf verlassen, dass er alles Nötige gemacht hat. Manchmal frage ich nach und merke: Es läuft. Der Kontakt zu den Lehrern ist gut. Ich bin auf dem Laufenden.“ Das bestätigt Irena Tutin.

Manche werden auf eine Winnender Realschule ausweichen

Die Eltern von Boehringer-Schulkindern können sich nicht vorstellen, dass Winnender Kinder alle freiwillig nach Schwaikheim wechseln.“ Bestimmt werden manche ihr Kind trotz anderer Empfehlungen der Grundschullehrer an der Realschule anmelden, nur damit es in Winnenden bleiben kann.“

Helmut Herzeg, dessen Enkel an die Boehringer-Schule geht, sagt: „Das Problem ist doch, dass die Eltern bestimmen, wo des Kind nagoht. Wenn die Elternwahl wegfiele, dann wären viele auf der Gemeinschaftsschule.“ Vielleicht sei jetzt noch nicht der Bedarf da für drei Gemeinschaftsschulen im Bezirk, aber gute Schulen sprächen sich herum und würden attraktiv. Die Schwaikheimer Schule habe keinen guten Ruf. Wenn sie attraktiv wäre, wäre sie jetzt schon ausgelastet und die Winnender wäre zugleich voll besetzt, ist sich Jasmine Lander sicher. „Dann hätten wir drei voll besetzte Schulen im Bezirk und man könnte in Winnenden gar nichts aufgeben.“

Markus Klein, Rektor: „Dass das jetzt so kommt, ist schon bitter für meine Kollegen und mich.“

Unklar ist den Eltern im Augenblick, was eigentlich mit den Kindern der heutigen fünften, sechsten und siebten Klasse passiert. Müssen die nach Schwaikheim wechseln? „Uns ist gesagt worden, die machen hier ihren Abschluss. Aber im Eckpunktepapier ist dieses Versprechen nicht mehr verankert. Da ist nur von den Klassen 8, 9 und 10 die Rede.“ Jasmine Lander sagt: „Des geht ned, die Kinder kann mer doch ned verfrachte.“

Kurt Lander hat in Erinnerung, dass die Stadt einen Schulbau zu Kosten von 14 Millionen Euro verkraftet hätte: „Dann könnte sie doch auch einen Anbau oder Erweiterungsbau ans Schulzentrum oder in Höfen für dieses Geld planen und verkraften.“ Und überhaupt: Wenn Schwaikheim einen Erweiterungsbau finanzieren kann, müsse Winnenden, das als Große Kreisstadt doch andere Pflichten und Verantwortungen habe, das auch können. Eltern der Boehringer-Schüler werden am Dienstagabend die Gemeinderatssitzung mitverfolgen.


Gudrun und Horst Obleser, zwei, die sich viel mit Pädagogik beschäftigen, haben einen Offenen Brief zum Thema Boehringer-Schule an Oberbürgermeister und Gemeinderäte geschickt.

„Mit großer Betroffenheit haben wir in der Winnender Zeitung gelesen, dass der Plan besteht, die Robert-Boehringer-Schule - die einzige Gemeinschaftsschule im Stadtgebiet – aufzugeben. Dieses Vorhaben erscheint uns nicht richtig. Winnenden ist seit Jahrzehnten eine Schulstadt, in der alle derzeit möglichen Schularten vielfach vorhanden sind. Nun soll aus Kostengründen ausgerechnet auf die innovativste Schulart mit ihrer fortschrittlichen Pädagogik verzichtet werden.

(...) Gerade die Gemeinschaftsschule mit ihrer zukunftsfähigen Pädagogik ist der völlig richtige Ansatz dafür, dass Kinder genügend Zeit bekommen, ihre Stärken zu erkennen, ihre Schwächen auszugleichen und eine individuelle Persönlichkeit zu entwickeln. Sie befähigt Kinder und Jugendliche, eigenverantwortlich zu lernen und gemeinschaftliche Kompetenzen zu entwickeln. Zusammen mit den unterschiedlichsten jungen Menschen und mit Hilfe hochprofessioneller Lehrpersonen selbst gesteckte Ziele zu erreichen, das ist eine Fähigkeit von höchster Zukunftsrelevanz. Ohne Individualität und Eigenverantwortung ist die Zukunft guter Schulen nicht denkbar.

Sie erschweren mit dem geplanten Schritt, eine gewachsene Schulgemeinschaft ohne Not abwickeln zu wollen, die qualifizierte Fortentwicklung der Schulstadt Winnenden. Für Jugendliche (und ihre Eltern!) ist die Identifikation mit ihrer Schule in ihrer Stadt, an ihrem Lebensort, in ihrer vertrauten Umgebung ein entscheidendes Merkmal von Lebensqualität.

Wir sind sicher, es gibt im Kontakt mit allen Beteiligten alternative finanzielle und organisatorische Lösungen, die den Erhalt dieses gemeinschaftlichen Schulangebots ermöglichen. (...) Bitte votieren Sie für den Erhalt der Robert-Boehringer-Gemeinschaftsschule in Winnenden ...“

Info

Gudrun Obleser war früher Konrektorin der Stöckachschule. Horst Obleser ist Psychologe.