Winnenden

„Dear Mr. President“

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Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika. © Sarah Utz

Winnenden. „Halten Sie ein! Der Platz in der Geschichte ist Ihnen auch so schon sicher.“ Diese Bitte einer Elftklässlerin des Winnender Lessing-Gymnasiums wurde nie an Donald Trump abgeschickt. Aber selbst wenn – er hätte vermutlich nicht auf die Schülerin gehört. Schülermeinungen am Tag nach der Wahl in Amerika.

Mittwoch, 7.25 Uhr: Donald Trump wird Präsident der Vereinigten Staaten und im Flur des Lessing-Gymnasiums Winnenden drängelt sich eine fünfte Klasse um ein Smartphone. Der Tag ist kein normaler Tag. Auf dem Handy läuft kein Spiel, kein You- Tube-Video, keine WhatsApp-Nachrichten fliegen hin und her. Spiegel-Online zeigt die Karte der USA. Die Grafik mit den Wahlergebnissen der einzelnen Staaten. Donald Trump? Nein, den hätten die Kinder nie gewählt. „Der will eine Mauer um Amerika bauen!“ Und was er mit den Waffengesetzen machen will! „Der isch blöd!“

Zerschmetterte Erwartungen

Der Englischkurs der elften Klasse steht wie die Fünfer vor zerschmetterten Erwartungen. Keiner hier hat mit diesem Ergebnis gerechnet. Ist’s „ein schlechter Witz?“ fragt Alec. Er sei „überrascht“ sagt Till. Und Dominic urteilt: „Trump ist gefährlich“. Englischlehrer Dominik Braun wirft Zitate aus dem Internet an die Wand: Die Börsen crashen, die kanadische Online-Einwanderungsseite bricht zusammen, der mexikanische Peso befindet sich im freien Fall. Die Karte der USA zeigt all die Staaten in Rot, die für Donald Trump gewählt haben. Es sind viel mehr als die blauen Clinton-Staaten. Und: Der Kongress, das machtvolle Gremium, wird auch republikanisch bestimmt sein. Das bedeutet, sagt Braun, „viel Macht für Trump“.

Was, fragt die Klasse, wird er umsetzen von dem, was er geredet hat? Warum nur haben die Amerikaner für diesen Mann gestimmt? Denken sie nicht an die Zukunft? Bestimmt wird dieser Mann und seine Präsidentschaft auch Auswirkungen auf die anderen Länder haben. Und hat Trump womöglich Spamroboter benutzt, die im Internet massenhaft Stimmung machten, ohne dass hinter den Aussagen tatsächlich Menschen standen? Denn bei dieser Wahl ging es nicht um Fakten. Es ging um Gefühle.

Briefe an Donald Trump

„Dear Mr. President“ – die Klasse hat eine Hausaufgabe erledigt. 2006 hatte die amerikanische Sängerin Pink in ihrem Lied an George W. Bush gefragt: Was fühlst du, wenn du all die Heimatlosen auf den Straßen siehst? Welcher Vater würde der eigenen Tochter die Rechte nehmen? Welcher Vater würde seine Tochter hassen, wenn sie lesbisch wäre? Wie schläfst du, während der Rest von uns weint? Kannst du mir noch in die Augen sehen und mir das alles erklären?

Die Klasse hat an Donald Trump geschrieben.

„Dear Mr. Trump“ fragt Alicia: „Warum wollen Sie Präsident werden, wo Sie die Politik doch gar nicht mögen? Und warum sollten Frauen nicht den gleichen Respekt verdienen wie Männer? Woher nehmen Sie das Geld für Ihre angekündigten Wohltaten und Projekte, wenn Sie doch sofort die Steuern senken wollen? Und warum zahlen Sie selbst keine Steuern? Das ist nicht fair. Ich kritisiere Ihre Pläne für Ihre Präsidentschaft, denn sie scheinen ja gar keine zu haben!“

„Dear Mr. Trump“, schreibt Kim: „Frauen sind keine Objekte. Sie wollen doch auch das Beste für Ihre Tochter? Sie haben doch auch eine Mutter? Die hat Sie geboren. Welchen Sinn haben Ihre Beleidigungen?“

„Dear Mr. Trump“, schreibt Anja: „Was passiert ist, ist so schrecklich – ich bekomme Angst. Die Clintons waren Ihre Freunde. Und jetzt wollen Sie Hillary einsperren? Gehen Sie zurück zu Ihrer Familie! Die Leute lieben nicht Sie, sondern Ihre Show. Wenn Sie weitermachen, wird sich die Welt nicht erholen. Halten Sie ein! Der Platz in der Geschichte ist Ihnen auch so schon sicher.“

Die Briefe wurden natürlich nie abgeschickt. Sie waren einfach nur eine Übung. Wenn sie abgeschickt worden wären – hätte Donald Trump geantwortet? Und was?