Winnenden

Der sanfte Kampf gegen Tauben

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Irmi Hanke kratzt mit dem Schaber, normalerweise mit Mundschutz und Handschuhen bekleidet, den Kot aus den Kojen. © Büttner / ZVW
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Eine Taube legt meist zwei Eier mehrmals im Jahr. © Büttner / ZVW
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Maria Trautmann im Taubenschlag der Kunstschule freut sich über weitere Helfer. © Büttner / ZVW
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Taube in der Einflugtür zum Schlag. © Büttner / ZVW

Winnenden. Die Stadtbewohner gehen recht unterschiedlich mit Tauben um: Manche bieten ihnen in Häusern ganze Geschosse zum Brüten an. Manche wehren sie ab, schützen ihre Fassaden mit Netzen und Stacheln. Manche füttern sie aus falsch verstandener Fürsorge. Und zwei nehmen ihnen Eier weg. Aus Liebe zu Tier und Mensch – bevor die Tauben zur Plage werden.

Video: Irmi Hanke zeigt ihre wöchentliche Arbeit im Taubenschlag

Maria Trautmann und Irmi Hanke sind Tierschützerinnen. Statt im Tierheim Katzen und Kaninchen zu pflegen und an neue Besitzer zu vermitteln, steigen sie einmal die Woche in einen Taubenschlag im Dachstuhl eines Stadtgebäudes, kratzen und kehren dort den Kot weg und tauschen die Eier gegen Gipseier aus. Wenn sie fertig sind, locken sie mit Futter die Vögel wieder an, damit sie genau dort weiter brüten wollen, wo der Mensch einfach und günstig in ihre Geburtenrate senkend eingreifen kann.

„Ohne die Unterstützung der Tierschützerinnen würde uns in der Stadt eine Taubenplage drohen“, ist sich der Ordnungsdezernent Jürgen Haas sicher. Er weiß, dass die Tauben etlichen Bürgern und Lebensmittelverkäufern in der Stadt schon jetzt zu viele sind.

Extrem dringend Helfer gesucht

„Ich mache es nicht, weil es so Spaß macht“, gibt Irmi Hanke ehrlich zu, „sondern weil es notwendig ist.“ Sie versorgt eine große Familie, arbeitet in der Naturkostinsel und engagiert sich in der Jugendgruppe des Rettersburger Volkstanzvereins – (schönes) G’schäft hat sie haufenweise. „Den Geruch bekommt man so schnell nicht aus der Nase“, seufzt sie. Sie wünscht sich, dass „Taubenliebhaber“, die den Vögeln in der Stadt gezielt und (im Winter) aus falschem Mitleid Brotkrümel hinstreuen, sich lieber mit ihr im Taubenschlag engagieren. Derzeit werden wieder extrem dringend Helfer gesucht. Sie sollten sich beim Tierschutzverein oder bei der Stadt im Ordnungsamt melden, um die zwei Ehrenamtlichen in der Kunstschule und im Alten Rathaus zu unterstützen. Irmi Hanke und Maria Trautmann wären dann nicht Woche für Woche an der Reihe, sondern seltener, und könnten auch mal beruhigt wegfahren, ohne dass im Taubenschlag der Nachwuchs zur Welt kommt.

Die Taube bemerkt den Schwindel erst nach einer Weile

Fünfzehn Zentimeter im Quadrat braucht eine Taube nur, um ihre zwei Eier zu legen und sie zu wärmen, bis ein Junges schlüpft. Im Taubenschlag Altes Rathaus kann man genau sehen, dass nur die wenigsten der Vögel sich dafür ein Nest aus Ästen bauen. Die meisten legen ihre Eier einfach auf den nackten Boden oder in eine der 60 Nischen.

Sobald Irmi Hanke die Tür zum Taubenschlag öffnet, fliegen die Wildvögel nach draußen. „Das ist mir ganz recht, dass ich nicht auch noch auf sie aufpassen muss.“ Sie guckt sich jedes Gelege an, erkennt an der Wärme und am leichten Schimmer das echte Ei, nimmt es und legt ein helles, etwas größeres Ei aus Gips hinein. Die Taube bemerkt den Schwindel erst nach einer Weile, wenn sie trotz fleißigen Brütens kinderlos bleibt.

Ihre Arbeit ist „ein Tropfen auf den heißen Stein“

In einer halben Stunde hat Irmi Hanke in der Regel ihre Arbeit (mit Mundschutz und Handschuhen) beendet, zieht wieder andere Schuhe an und wäscht sich die Hände in der Volkshochschul-Toilette. Den Müll entsorgt die Stadt und das Futter zum Anlocken tragen ihr die Bauhofmitarbeiter nach oben. Auslagen fürs Putzmaterial erstattet die Stadt dem Tierschutzverein, derzeit 750 Euro im Jahr.

„Früher war ich dreimal die Woche oben in der Kunstschule bei meinen 80 Brutplätzen. Ich bin seit zwei Jahren dabei“, sagt Maria Trautmann. Sie hat aber das Gefühl, solange die Tauben in alten Scheunen oder Häusern, wo Dachziegel fehlen, brüten können, ist ihre Arbeit „ein Tropfen auf den heißen Stein“.

Dritter Taubenschlag im Diebsturm?

In der Innenstadt gibt es einige Gebäude, die leer stehen, verfallen und Tauben Nistmöglichkeiten bieten. Etwa an der Kirchstraße, der Wagnerstraße und der Mühltorstraße. Das Ordnungsamt schreibe immer wieder die Besitzer an mit der Bitte, Dächer abzudichten und Fenster zu schließen, so die Leiterin Beatrice Hertel, kann aber keine Strafen androhen.

Der Bürger und Vermieter an der Mühltorstraße, Konrad Nuding, ist damit sehr unzufrieden. „Ziegel werden grau und gehen durch den Kot kaputt, für die Hausbesitzer sind die Reparaturen, Reinigungen und Abwehrmaßnahmen hohe Zusatzkosten.“ Am liebsten sähe er das „Haus Oppenländer“ wegen der vielen Tauben und der dicken Kotschicht auf der Dachterrasse abgerissen.

Gleichwohl möchte das Ordnungsamt, dass die Bürger der Stadt keinen Gesundheitsrisiken durch angehäuften Taubenkot und Parasiten aus ihren Nestern ausgesetzt sind und dass Lebensmittel auf dem Markt, von Restaurantgästen, die im Freien sitzen, nicht beeinträchtigt werden.

Daher ist das Füttern der Tauben verboten. Wer erwischt wird, muss Bußgeld bezahlen.

In Planung ist ein dritter Taubenschlag im Diebsturm, für den wiederum ehrenamtliche Betreuer gewonnen werden müssten. Zunächst hat die Stadt Geld in den Haushaltsplan eingestellt und das Bauamt hat mit dem Denkmalamt geklärt, ob der Bau einer Außentreppe am Diebsturm erlaubt wird. Dies ist der Fall, laut Finanz- und Ordnungsdezernent Jürgen Haas. Er wird die Idee dem Gemeinderat zur Abstimmung vorlegen.

Jürgen Haas weiß, dass Tauben standorttreu sind, denkt aber, dass sie sich durch Futter von den eingangs genannten Gebäuden in den Diebsturm locken lassen. Seinem Gefühl nach hat die Taubendichte eher nachgelassen – eine Auswirkung der Geburtenkontrolle, der Vergrämungsmaßnahmen mit Stacheln und Netzen an Gebäuden, aber auch der Schließung des für Menschen nicht begehbaren Geschosses im Stadtkirchenturm.