Winnenden

Der Wolf ist im Anmarsch

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Symbolbild. © Laura Edenberger
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Seit Generationen hält die Familie Allmendinger Schafe. Diese sehen sie nun durch den Wolf bedroht. Der neue Zaun soll in abhalten.
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Allein unter Schafen – Herdenschutzhunde wie die Pyrenäen-Berghunde von Manfred Voigt, wachsen in der Schafherde auf und werden diese beschützen bis aufs Blut: Auch gegen den Wolf.

Allmersbach im Tal. Noch tastet man sich langsam an das Zusammenleben mit dem neuen „Mitbürger“ Isegrim heran. Man beobachtet, probiert aus, diskutiert. Sorgt sich. Seit 150 Jahren hat man in Württemberg keine Erfahrung mehr mit wilden Wölfen, ihrem Verhalten, dem Schutz der Haustiere. Wir haben einige Schäfer aus der Region gefragt, wie sie sich auf die erste Begegnung mit dem Wolf vorbereiten.

Unlängst tauschte man sich in Stuttgart sogar in einer internationalen Tagung über die Erfahrungen aus, die in Sachsen, Niedersachsen und der Schweiz inzwischen gesammelt wurden, wo Wölfe schon seit 10 bis 20 Jahren heimisch geworden sind und Jahr für Jahr insgesamt Hunderte Schafe und Rinder töten. Die Diskussion wird oft hoch politisch und emotional geführt.

Familie Allmendinger bewirtschaftet eine Schäferei mit 800 Mutterschafen als Vollerwerbsbetrieb in Heutensbach, zwischen Backnang und Winnenden. Mit ihren zwei Herden beweiden sie unzählige, schlecht zu bewirtschaftende Flächen am Rand des Schwäbischen Waldes – Steilhänge, Streuobstwiesen, Sumpfwiesen bleiben durch die Schafe erhalten. Der Betrieb ist gut aufgestellt: Unlängst wurde ein zweiter Schafstall gebaut – hoch, hell, mit automatisierter Futtervorlage und mit dem Schlepper zu entmisten. Die unzähligen kleinen Flurstücke können inzwischen zusammenhängend bewirtschaftet werden – früher musste man oft einzelne Stücke aussparen. Junior Michael (15) will im kommenden Herbst seine landwirtschaftliche Lehre anfangen. Er wird dann in sechster Generation Schäfer.

„Schafe auf dem Serviertablett gereicht“

Mit dem Wolf hatte man nicht gerechnet: „Ich dachte immer, in unserer zersiedelten Landschaft taucht der nicht auf, aber jetzt hat er in Heilbronn, Ludwigsburg und Böblingen zugeschlagen“, konstatiert sein Vater, der Schäfermeister Bernd Allmendinger, „wir rechnen fest damit.“

Sorgen bereiten dabei weniger die Koppeln in Hofnähe als die Tiere, die in 15 Kilometer Entfernung über Nacht alleine in ihrem Pferch sind: „Das ist doch das Einfachste für den Wolf“, stellt Senior Erich Allmendinger fest, der die Tiere jeden Tag hütet und beim Überqueren von Straßen immer wieder zur Sensation für Autofahrer wird, die ihr Bad in der Schafherde begeistert mit dem Handy filmen. „Die können ja nicht weglaufen, der bekommt die auf dem Serviertablett gereicht!“ Er schüttelt nur den Kopf: „Warum mer des jetzt unbedingt will …“

Ein stärkerer Zaun soll helfen

Deshalb hat man jetzt mit einem stärkeren Zaun aufgerüstet, so wie es vom Schafzuchtverband empfohlen wird. „Aber der gräbt sich da vielleicht unten durch. Und was ist, wenn die aus Angst ausbrechen und auf die Schnellstraße laufen?!“ Die Haftungsfrage ist hier bislang ungeklärt.

Ulrike Hasenmaier-Reimer in Reippersberg bei Gschwend setzt vorerst auf Flatterband am Zaunnetz, und zwar in Blau-Weiß. Nicht aus Begeisterung für Bayern, sondern „weil Wildtiere Rot nicht gut sehen“, wie die Landwirtschaftsmeisterin weiß. Weshalb auch das orange Zaunnetz leicht übersehen werde. Das hierzulande übliche rot-weiße Absperrband sei daher wenig geeignet. „Vor allem aber muss ordentlich Saft auf dem Zaun sein.“ Ohne eine abschreckende Stromspannung werde der Zaun vom schlauen Wolf bald ignoriert. Das Ganze sei aber ohnehin nur eine Interimslösung.

Panik in der traumatisierten Herde

Mehr als den Verlust der betroffenen Tiere, (deren Schlachtwert erstattet wird,) fürchtet sie die Panik in der traumatisierten Herde: „Ein Freund von mir in Niedersachsen konnte nach einem Wolfsangriff auf die Schafe wochenlang nicht mit seinen Hunden arbeiten.“ Nur mit der Hilfe ihrer drei Border-Collies aber kann sie den Bioland-Betrieb wie bisher weitgehend alleine bewirtschaften, da ihr Ehemann berufstätig ist.

Herdenschutzhunde sind für die 59-jährige Direktvermarkterin vorerst noch kein Thema, denn als Zuchtbetrieb für Schweizer Juraschafe hält sie ihre 300 Tiere in verschiedenen Gruppen. Jede Gruppe bräuchte zwei Hunde, denn „allein soll man die ja nicht halten“, also sechs Hunde à mehrere Tausend Euro Kaufpreis, dazu der jährliche Unterhalt der Hunde von minimum je 1200 Euro - „das kann ich mir nicht leisten“.

„Bevor ich mir so einen teuren Hund zulege, schaffe ich die Schafe ab“, ist das klare Bekenntnis eines Sulzbacher Hobby-Schafhalters zum Thema Wolf. Ein anderer hat seine vier vierbeinigen Rasenmäher nachts ohnehin im Stall: „Notfalls mähe ich den Hang eben wieder von Hand“, meint er. Der Verlust von ‚Schnucki’ oder ‚Knöpfchen’ ist mit Geld ohnehin nicht wettzumachen.

Herdenschutzhunde: Verschiedene Rassen

Die weißen Hunde sehen zwar aus wie die harmlosen Schafe, unter denen sie leben. Aber sie sind keine, weshalb man als Spaziergänger ihr Bellen ernst nehmen und zügig am Pferch vorbeigehen sollte. Zumal mit Hund. Allerdings könnten zumindest die europäischen Pyrenäen-Berghunde, die als die ‚Softies’ unter den Herdenschutz-Rassen gelten, laut Experten Gefahren durchaus abschätzen: „Wenn’s nur Kinder sind, hören die auch bald auf mit dem Bellen.“ Bei Rassen aus den wilden Karpaten gab es dagegen in Norddeutschland auch schon Personenschäden, das heißt: Jemand wurde angefallen.

Außerdem sind Konflikte zwischen Hütehunden und Schutzhunden vorprogrammiert: Die einen sollen die Herde in Bewegung setzen, die anderen wollen ihre Wahlfamilie gegen außen verteidigen. „Das funktioniert nur, wenn alles ganz ruhig abläuft“, erläutert der Hohenloher Wanderschäfer Manfred Voigt, der als erfolgreicher Herdenschutzhund-Halter seit dem ersten Württemberger Wolfsriss im vergangenen November von den Medien sehr nachgefragt ist und derzeit hinter Murrhardt weidet. Er hat den Konflikt diplomatisch gelöst: Tags hütet er die große Herde wie gewohnt frei mit seinen altdeutschen Schäferhunden, derweil Ignaz und Alara entspannt im Anhänger relaxen.

"Das braucht alles enorm viel Zeit, Liebe und Fingerspitzengefühl"

Bevor er abends heimfährt, werden die beiden – seit vorletzte Woche erfolgreich geprüften - Pyrenäen-Berghunde gut erholt zusammen mit den Schafen in den großzügigen Zaun eingepfercht: Die vierbeinigen Sicherheitsbeauftragten übernähmen dann die Nachtschicht. Er merke den Hunden am nächsten Morgen genau an, wenn in der Nacht etwas los gewesen sei. Dann suche er den Zaun nach Spuren ab: „Bis jetzt waren nur Fuchs und Dachs da.“ Wohlgemerkt: bis jetzt.

Um seinen Schafen die Angst vor den fremden Hunden zu nehmen, hat Voigt damals wohlweislich gleich vier eingewöhnte Schafe aus Sachsen mitgekauft, die sensiblen Junghunde wiederum müssten von klein auf unter Schafen leben, bei gleichzeitig viel Menschenkontakt: „Das braucht alles enorm viel Zeit, Liebe und Fingerspitzengefühl“, berichtet der 68-Jährige, dessen Sohn den Betrieb mit 600 Mutterschafen weiterführt. Arbeitszeit, von der man allerdings bisher keinerlei wirtschaftlichen Ertrag hat. Dann aber funktioniere das mit Schafen genauso wie mit Rindern, Pferden oder Hühnern.

Herdenschutz ist eine enorme zusätzliche Belastung

Der ganze Herdenschutz ist für die Weidetierhalter eine enorme zusätzliche zeitliche und finanzielle Belastung ohne jeglichen Nutzen, verursacht durch den gesellschaftlichen Beschluss, „den Wolf reinzulassen“. Daher sollte die Gesellschaft den ohnehin gebeutelten Weidetierhaltern, ohne die unsere Kulturlandschaft zu Wald würde, zumindest ihre Auslagen ersetzen, denn „der Stall ist der einzige Platz, wo unsere Schafe wirklich wolfssicher sind“, stellt Erich Allmendinger fest, „aber ich kann nicht jeden Abend mit denen 15 Kilometer heimlaufen“.


Problemwölfe dürfen abgeschossen werden

In Sachsen gibt es bereits seit1996 wieder Wölfe, inzwischen rund 200 Stück in mehreren Rudeln. Präventionsmaßnahmen werden zu 80 Prozent vom Land bezuschusst und sind Voraussetzung für eine (unbürokratische) Entschädigung bei Riss oder Ausbruch einer Herde. Für das Wolfsmanagement gibt das Land jährlich insgesamt 700 000 bis 800 000 Euro aus. Man setzt auf statistische Erfassung, Öffentlichkeitsarbeit und Prävention/Schadensausgleich.

Der sächsische Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt berichtet, dass die anfängliche Euphorie schlagartig abgekühlt sei, als 2002 vier Jungwölfe in zwei Nächten in einer Herde 32 Schafe getötet hätten, die der Schäfer teilweise sogar mit der Flasche aufgezogen hatte.

Aktuell gibt es in Baden-Württemberg 22 bestätigte Wolfssichtungen und mindestens sechs gerissene Tiere durch Einzelwölfe. Landwirtschaftsminister Peter Hauk warnt vor einer „blauäugigen Willkommenskultur“ und fordert ein klares Wildtiermanagement, bei dem Abschuss nicht tabuisiert werden dürfe.

Ein Zaun, der für die Schafe ausbruchsicher ist, ist noch lange nicht einbruchsicher für den Wolf, zum Beispiel ein sogenannter Wildzaun aus Knotengeflecht. Dies zeigen Erfahrungen aus Niedersachsen, wo es ein eigenes „Wolfsbüro“ gibt.

Um den Einsatz von Herdenschutzhunden zu ermöglichen, wurde das Tierschutzgesetz dahingehend modifiziert, dass die Schutzhunde sich während ihrer Arbeit ohne Hütte innerhalb des Elektrozauns der Schafe aufhalten dürfen.

Einzelne Wölfe, die sich angewöhnt haben, Zäune zu überspringen, werden ebenso wie Wölfe ohne Scheu vor Menschen als Problemtier eingestuft und „letal entnommen“ – sprich: zum Abschuss freigegeben. Hier stellt sich selbst der offizielle Naturschutz hinter die Weidetierhalter, denn jahrzehntelang kämpfte man mit deren Hilfe um den Erhalt der enormen Artenvielfalt in Grenzertragsstandorten, wie Wacholderheiden oder Trockenrasen, so postulierte der Staatssekretär im Umweltministerium André Baumann in obengenannter Tagung. Die Einzelart Wolf muss sich dem unterordnen.

Tatsächlich gab es bis jetzt in Deutschland überhaupt nur einen erlegten „Problemwolf“, dagegen seit Anfang des Jahres allein in Niedersachsen schon neun ungeplante „letale Entnahmen“ durch den Straßenverkehr.

Da es gegen beauftragte Jäger in Sachsen bereits Morddrohungen gegeben hat, arbeitet man daran, eine geschulte, überregionale und vor allem anonyme Einsatztruppe für die sogenannte „letale Entnahme“ von einzelnen Problemwölfen zusammenzustellen. Dieses Entnahmeteam solle das blutige Handwerk übernehmen: schnell, sicher und professionell.