Winnenden

Die Bäder sind wieder offen, doch die Kurse fallen teils noch bis in den September hinein aus

Wassergymnastik
Wassergymnastik, wie hier im Waiblinger Hallenbad im Jahr 2018, kann noch nicht wieder stattfinden. Auch nicht auf ärztliches Rezept hin, nicht in Winnenden, Waiblingen oder Schorndorf. Eine Frau von der Rheuma-Liga akzeptiert das nicht und fordert eine Lösung ein. © Gabriel Habermann

Die gute Nachricht von wieder geöffneten Schwimmbädern hat eine schlechte im Schlepptau: Kurse können nicht stattfinden. Das ist in Schorndorf nicht anders als in Waiblingen. Oder in Winnenden. Dort, im Wunnebad, wird das kleine Hallenbad-Becken für die unterschiedlichsten Angebote genutzt, vom Babyplanschen über das Ganzkörpertraining auf einem auf dem Wasser liegenden Brett, bis hin zur Wassergymnastik für Senioren. Alles fällt flach.

Den Grund für die fortgesetzte Zwangspause im Wunnebad erklärt dessen Leiter, Sascha Seitz, so: „Die Öffnung des Hallenbades ist leider nur mit sehr großem Aufwand möglich. Mit unserer momentanen Personalsituation wäre dies nicht umsetzbar.“ So reicht es schon mal nicht aus, dass der Kurstrainer die Aufsicht übernimmt, Vorschrift ist, dass jemand zusätzlich auf die Sicherheit der Badenden achtet. Und weil die personellen Kräfte mit dem Betrieb des großen Wunnebad-Freibads gebunden sind, pausieren sämtliche Kursangebote, die fremden und auch die eigenen, bis mindestens September 2020.

Das ist nun vielleicht ärgerlich für Leute, die nun kein Yoga auf dem Wasser oder kein Aqua-Walking machen können – aber sie haben gute Alternativen auf dem Trockenen. Doch was ist mit denjenigen, die’s vom Arzt eigens verschrieben bekommen haben, dass sie im Wasser trainieren sollen? Die zum Beispiel unter Dauerschmerzen leiden?

"Nach drei Monaten schon kehren die Schmerzen und die Migräne wieder"

Eine Gruppensprecherin der Rheuma-Liga hat der Brief des Wunnebads, dass die Kurse bis mindestens Mitte September ausfallen, auf die Palme gebracht. Sie wohnt in Remshalden und besuchte donnerstags einen der vier Reha-Kurse Wassergymnastik im Wunnebad auf ärztliches Rezept hin - bis die Bäder geschlossen wurden. Sie möchte ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, sie erzählt aber, dass sie erst 46 Jahre alt, aber schon von Rheuma und Migräne betroffen sei. Das habe sich durch die regelmäßige Gymnastik im warmen Wasser und das anschließende entspannende Schwimmen deutlich verbessert. „Ich hatte gar keine Migräne mehr. Jetzt kommt sie wieder häufiger, mitsamt den Rückenschmerzen.“

Die Rheuma-Patientin fürchtet, wenn die Kurse nicht bald aufgenommen werden, wieder bei null anfangen zu müssen. Pro Kurs kommen maximal 20 Teilnehmer, die meisten sehr regelmäßig, weil es ihnen erstens guttut, und weil zweitens dies bei einer ärztlichen Verordnung so verlangt wird. Eigentlich ... Die allein im Wunnebad betroffenen 80 Personen kommen aus dem ganzen Kreisgebiet, teils sogar aus Ludwigsburg – und hängen nun in der Luft.

Bad bräuchte bei sinkenden Einnahmen mehr Personal

Die Remshaldenerin arbeitet im ambulanten Pflegedienst und hat offenbar gerade deshalb wenig Verständnis für die Begründung des Wunnebads, die Kurse müssten mangels Personal ausfallen. „Wir in der Pflege müssen für alles gleich parat stehen, alle haben eine Lösung zu finden.“ Doch in den Pflegeberufen herrscht ja, wie in der Bäderbranche auch, Personalmangel. „Und die Kursleiter wiederum, die verdienen nun schon drei Monate gar kein Geld“, sagt die 46-Jährige über das Ungleichgewicht: Die einen haben zu viel Arbeit wegen der Hygienebestimmungen, die anderen zu wenig bis keine. Einfach akzeptieren will die Protestführerin diesen Umstand aber nicht, sie hofft, bei denen Gehör zu finden, die die Vorgaben machen, und bei denen, die den Badbetrieb bezahlen. Dass er 2020 noch stärker in die roten Zahlen fahren wird als in „normalen“ Jahren, steht schon jetzt fest. Einen Teil des Defizits können die Betreiber, die Stadtwerke Winnenden, über Einnahmen durch Energieverkauf decken, den weitaus größeren Rest aber begleichen, wie früher auch, die Stadt und damit die Steuerzahler.

Kalt duschen wirkt für viele Schmerz-Patienten wie ein Gift

Doch selbst wenn nun noch kurzfristig mehr Personal eingestellt werden könnte, Kurse auf Krankenschein sind wohl auch deshalb wenig erfolgversprechend, so lange in der Corona-Zeit in öffentlichen Bädern nur kalt geduscht werden darf. Weil der Wasserdampf einer warmen oder heißen Dusche Viren ganz hervorragend verteilen würde – sozusagen ein Mega-Aerosol wäre. „Ja“, gesteht die Gruppensprecherin der Rheuma-Liga ein, „kalt duschen geht für bestimmte Patienten gar nicht, entweder weil sich die Muskeln sonst zu sehr versteifen, oder weil ihnen dann eine Lungenentzündung droht.“ Tja, und gerade die soll ja mit den ganzen Vorsichtsmaßnahmen verhindert werden. Auch an dieser Stelle beißt sich die Katze in den Schwanz, oder, wie es die Remshaldenerin sagt: „Ausbaden müssen es die, die ohnehin schon Schmerzen haben.“

Ärzte können Wiederaufnahme der Wassergymnastik nicht forcieren

Eine Alternative, wenn auch keine vollwertige, hatten diese Patienten immerhin: Sie konnten bisher auf dem Trockenen für sich zu Hause oder im Freien trainieren. Wenn sie die Disziplin dafür aufbringen. Dabei fehlt zwar das die Gelenke entlastende und Muskeln fördernde Element Wasser, es fehlen Anreiz, Anleitung und Korrektur durch den Trainer – aber immerhin kann man anschließend warm duschen. Diese und nächste Woche nehmen die Reha-Sportangebote in den Kursräumen wieder ihren Betrieb auf.

Die Ärzte selbst haben da wenig bis gar keine Macht und Befugnis, ein Wörtchen mitzureden. Können sich nicht als Lobbyisten für ihre Patienten einmischen. „Natürlich werden Rehamaßnahmen aus therapeutischen Gründen ausgestellt, sind also nicht ,nice to have’, sondern haben einen medizinischen Hintergrund“, schreibt der Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung auf Nachfrage unserer Zeitung. „Doch wir haben auch Verständnis, dass durch Corona bestimmte Maßnahmen nicht stattfinden können. Wie der Ausfall durch andere Maßnahmen kompensiert werden könnte, vermag ich nicht zu beurteilen.“