Winnenden

Die erste Bilanz von Café-Betreibern aus Winnenden

Wirte
Wirt Gunther Benz serviert mit Maske – Gäste dürfen unvermummt sitzen. © Alexandra Palmizi

Christi Himmelfahrt war schon fast himmlisch gut für die Gastronomie, sofern sie denn geöffnet hatte. Man sah es zum Beispiel an der Schwabenalm in der Albertviller Straße, die an jedem Tisch mindestens zwei Leute sitzen hatte, manchmal auch eine Familie. Seit Montag, 18. Mai, dürfen Speisegaststätten und Straßencafés wieder öffnen. Diejenigen, die gleich am Montag das Glück beim Schopfe packten, hatten eine ganz passable Woche. Gunther Benz von der Brasserie in der Kirchgasse kann sich über eines nicht beklagen: Arbeit noch und nöcher hat er seither. Weil die Gäste kommen.

Man sieht es von außen den Lokalen an, weil sich das meiste bei dem schönen Wetter im Freien abspielt. Bei der Brasserie Benz sitzt an jedem Tisch in der Kirchgasse mindestens ein Gast. Es ist eine neue, eine veränderte Normalität: Leute, die früher Geselligkeit in der Kneipe pflegten, die froh sind, jemanden zu treffen, und die gerne quatschen über Gott und die Welt, können jetzt allenfalls ein Gegenüber treffen oder sitzen alleine vor ihrem Weizenbier, gucken sich um, grüßen Passanten und werden gegrüßt, winken dem Wirt zu, der neue Gäste begrüßt, und machen ein strahlendes Gesicht. Ihre Stammkneipe hat wieder auf.

Wer sitzt, darf seinen Mundschutz abnehmen

Es ist einfach schön – Einschränkungen hin oder her. Wenn der Gast erst einmal sitzt, darf er seinen Mundschutz abnehmen, darf Gesicht zeigen, bekommt seinen Kaffee, kann sich entspannen nach der ungewohnten Eingangsprozedur: Plakate zum Virenschutz hängen an der Eingangstür. Ein kleines Tischle mit Desinfektionsmittel und Gebrauchsanleitung steht im Weg, und die Aufforderung, die Hände keimfrei zu halten, ist unübersehbar.

Auch Gunther Benz, der Wirt der Brasserie, sieht nicht so aus, wie man ihn kennt, denn er und die Bedienung müssen Mundschutz tragen, und wenn es noch so eine Plage ist und wenn der Gast sich noch lange fragen mag: „Isch er heut grätig oder hat er Bock?“ Man muss es an den Augen ablesen oder warten, bis er den Mundschutz lüftet, und dann sieht man: Benz freut sich. Über jeden, der reinkommt.

Die Brasserie ist das einzige Speiselokal in der Innenstadt, das offen hat

Es sind vor allem die Stammgäste, die gezielt zu ihm in die Kirchgasse kommen. Zwar ist die Brasserie im Augenblick die einzige Speisegaststätte in der Innenstadt, die geöffnet hat, aber weil sie nicht an der Marktstraße liegt, geht der zurzeit ohnehin ausgedünnte Hauptstrom der Fußgänger an der „Brasse“ vorbei und bleibt bei den Straßencafés der Bäckereien hängen. Auch dort wird es wohl auf lange Zeit nur die neue Normalität geben und nicht wieder die alte. Auch dort sitzen an einem Tisch höchstens zwei Leute, und die Tische selbst sind auch noch weiter auseinandergezogen als früher. Aus den früheren Gruppengesprächen, den lockeren Sprüchen über zwei Tische hinweg, werden Dialoge und freundliche Gesten der Verbundenheit. Aber die sind wieder möglich, werden genutzt, und die Sonne scheint dazu. Als Passant hat man den Eindruck, die Bäckereicafés bringen insgesamt wieder etwas Leben in die Stadt, es kommen ein paar Leute mehr, und die finden wieder in die Bäckereien und vielleicht ja auch in die vielen offenen Geschäfte der Innenstadt.

So frühlingsfrisch diese Hoffnung klingen mag – eine Saison wie in Zeiten vor Corona ist das jetzt noch lange nicht. „Man muss es erst wieder lernen, in die Stadt zu gehen“, vermutet Gunther Benz. Bei ihm fehlt die Laufkundschaft noch sehr. Zu 99 Prozent habe er jetzt seine Stammgäste.

Die Erlaubnis zu öffnen kam gerade rechtzeitig

Einer der Stammgäste kam gleich zu Beginn der Woche in die „Brasse“, brachte eine Schachtel Pralinen mit und bedankte sich freudestrahlend dafür, dass er wieder in seine Wirtschaft kann. Zwei Monate hatte der Betrieb geruht. Gunther Benz hatte zu Beginn der stillen Wochen die ganze Wirtschaft einer Generalreinigung unterzogen, Tische abgeschliffen und poliert, die Messingzapfhähne blitzblank poliert, die Naturholztischplatten abgeschliffen und geölt, hat alles dafür getan, dass er eines Tages wieder öffnen kann, aber irgendwann ging ihm die Arbeit aus. Gerade als er fürchtete, zum Nichtstun verdammt zu sein, kam die Botschaft, dass Speisegaststätten wieder öffnen dürfen. Die Vorschriften besorgte er sich schnell, Und dann richtete er alles nach Vorschriftenliste her: Desinfektionsmittel, Masken, Formulare für alle Gäste. Von Freitag bis Sonntag arbeitete er unter Hochdruck, und am Montagmorgen, 18. Mai, öffnete er mit zwei seiner Angestellten zusammen das Lokal.

Wie hat er die Schließungsphase überstanden? Irgendwie. So ein Wirt hat überhaupt keine Einnahmen, wenn geschlossen ist. Null Komma null. Gottfroh war er an der staatlichen Soforthilfe: „Die hat geholfen, aber sie hat nicht gereicht.“ Was heißt das? Gunther Benz musste, um seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen, noch 10 000 Euro Schulden aufnehmen. Nur so konnte er die Trockenzeit überleben. Für ihn kam die Öffnung gerade noch rechtzeitig. Sicher macht er jetzt nicht die Umsätze wie zuvor. Aber Benz sagt: „Mit wenig, au mit ganz wenig, kann i leba. So viel Schwob bin e scho. Aber mit nix goht’s ned.“ Mit wenig leben heißt für Gunther Benz: Alles, was geht, macht er selber. Er backt alles selbst. Sechs Tage in der Woche steht er im Service. Manchmal kann ein kleiner Betrieb besser sparen als ein großer, weil im kleinen der Inhaber selbst viel übernehmen kann. Aber er muss es auch durchziehen. Und mit dem wenigen muss er es auch schaffen, in den nächsten paar Jahren die Schulden zurückzuzahlen, die aus einer Schließung resultieren, welche er nicht zu verantworten hat. Dass er das schafft, glaubt er nach einer ersten offenen Woche schon. „Wir hatten im Schnitt pro Tag etwa zwei Drittel bis drei Viertel eines früher üblichen Umsatzes“, sagt Gunther Benz.

Der Mundschutz wird zur Strapaze für das Team, aber er muss sein

Die Brasserie läuft angesichts der Umstände ziemlich gut, ist allerdings auch wesentlich anstrengender, als man sich das vorher ausgemalt hatte. Wenn die Umsätze geringer sind, müssen auch die Kosten geringer bleiben. Durch den Verzicht auf Aushilfen will Benz dies erreichen. Aber dieser Verzicht heißt auch: Die, die arbeiten dürfen, müssen ranklotzen. Und was dabei den Mitarbeitern und dem Wirt zur Strapaze wird, das ist der Mundschutz. „Wir schwitzen unter den Dingern, des isch unheimlich. Und du kannsch koin Gascht alacha. Nach einer Dreiviertelstunde ist der Mundschutz nass. Dann kommt er weg, entweder in die Waschmaschine oder, wenn es ein Einmal-Mundschutz ist, in den Müll. Wir haben beides. Und beides ist anstrengend. Aber wir machen das, so wie es vorgeschrieben ist, das ist keine Frage.“

Mit der Corona-Kontrolle hat der Wirt schon gerechnet

Während des Gesprächs zwischen Redakteur und Wirt kommen zwei städtische Vollzugsbeamte. „Mir sottet kontrolliera. Ah, d’Presse isch do, solle mer später komma?“ „Gehen Sie ruhig rein. Ich hab’ schon mit ihnen gerechnet und wundere mich bloß, dass Sie jetzt erscht kommet“, sagt Benz. „Wir schauen alles durch, alle Räume“, sagt ein Kontrolleur. „Ist in Ordnung“, sagt der Wirt.

Die zwei machen sich an die Arbeit und wir reden weiter von der neuen Normalität, den reduzierten Umsatzmöglichkeiten eines Wirts, füllen nebenher noch den Gästemeldebogen aus, und dem Journalisten fällt ein, dass er selbst bei seinen letzten Hotelübernachtungen nicht so viel Aufwand hatte wie jetzt, wo eine Tasse Kaffee getrunken wird. Aber jetzt geht es um die Infektionsketten. Falls sich doch irgendjemand angesteckt hat, lässt sich nachträglich sagen, wer genau zur selben Stunde im selben Lokal gesessen hat. Weil dies wichtig ist, muss jeder schnell einen Papierbogen ausfüllen, auch wenn er sich nur kurz auf ein Bierchen hinsetzt. Auch das ist die neue Normalität, so gewöhnungsbedürftig sie auch ist.

Wir reden gerade so schön darüber, als die beiden Kontrolleure wieder vorbeikommen. „Entschuldigung! Dürfen wir noch mal stören?“ Kommt jetzt eine Mängelliste? Wird’s ungemütlich? Der Kontrolleur strahlt in Richtung Gunther Benz: „Ich wollte bloß sagen: Top! Super! Mir ganget weiter. Mit kontrollieret heut no viele.“

In der Schwabenalm kommen die Leute aus der Kurzarbeit zurück

Die Wirte sind auf den Infektionsschutz eingerichtet. Michael Kuhn von Schwabenalm und Bamboo-Lounge hat stilechte Holzständer bauen lassen für die Desinfektionsmittel. Die Schwabenalm hat viel Platz, kann mit wenig Aufwand die Gäste auf Abstand setzen und beweist damit, dass auch ein großer Betrieb schnell starten kann.

Wobei Kuhn schon eingesteht: „Wenn’s bei uns nicht funktioniert – wo dann?“ Jetzt, nach einer Woche, kann er sagen: „Es läuft sehr gut. Besser als erwartet. Wir holen jetzt alle unsere Leute aus der Kurzarbeit zurück, das ist das Wichtigste.“

Christi Himmelfahrt war schon fast himmlisch gut für die Gastronomie, sofern sie denn geöffnet hatte. Man sah es zum Beispiel an der Schwabenalm in der Albertviller Straße, die an jedem Tisch mindestens zwei Leute sitzen hatte, manchmal auch eine Familie. Seit Montag, 18. Mai, dürfen Speisegaststätten und Straßencafés wieder öffnen. Diejenigen, die gleich am Montag das Glück beim Schopfe packten, hatten eine ganz passable Woche. Gunther Benz von der Brasserie in der Kirchgasse kann sich über

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