Winnenden

Die griechische Band aus Winnenden

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Die Greek Blues Band in ihrem Probenkeller: Nickolaus Hatzis am Kontrabass, Konstantin Chatzis, Sängerin Eirini Chalkia, Bouzouki-Virtuose Georg Konstantis, Dieter Voral, Evangelos Dimpopoulos. © Benjamin Beytekin

Winnenden. Fünf Winnender Griechen und ein Gitarrenprofi machen griechisch-orientalische Musik: Rembetiko. Lange war diese Musik verpönt in Griechenland, die von den Zuwanderern kam, den Pontosgriechen, die in der heutigen Türkei gelebt hatten und diese 1923 verlassen mussten.

Nach Winnenden kam diese Musik über zwei musikbegeisterte deutsch-griechische Brüder: Nickolaus Hatzis, Apotheker, und Konstantin Chatzis, Bankkaufmann. Sie sind 56 und 53 Jahre alt, in Deutschland geboren mit einem griechischen Vater und einer schwäbischen Mutter.

Eine perlmuttbesetzte Bouzouki

Von Kindheit an verbrachten sie den Sommer bei ihren Großeltern väterlicherseits im Dorf Agia Anna auf der Insel Evia, zwei Autostunden entfernt von Athen. Dieses Dorf ist ihre alte Heimat. Dort hörten sie die griechische Musik live, als sie selbst in der westlichen Rockmusik zu Hause waren, mit E-Bass und E-Gitarre Deep-Purple-Stücke spielten und mit dem Winnender Dieter Voral schon in den 80er Jahren Musik machten.

Die Dorfmusikanten in Agia Anna faszinierten sie dennoch. Ihren Freund Dieter Voral nahmen sie mit nach Griechenland, und der begeisterte sich restlos, lernte die griechischen Texte der Lieder auswendig, kaufte sich griechische Originalinstrumente. Auch Konstantin Chatzis ging zu einem angesehenen Instrumentenbauer nach Athen und kaufte eine perlmuttbesetzte Bouzouki (griechische Laute).

In den 80er Jahren spielten sie in Winnenden zwischendurch griechische Volksmusik, vor allem den Rembetiko, der in den 80ern, nach dem Ende der griechischen Militärdiktatur (1974), ein Revival hatte.

Die Männer haben ihr griechisches Heimatdorf im Herzen

Jetzt gerade erlebt diese Musik der Zuwanderer, der Hafenkneipen und Hinterhöfe wieder einen Aufschwung in Griechenland und witzigerweise auch in Winnenden. Die alten Freunde fanden sich wieder zusammen. Von Dieter Voral kam der Anstoß: „Komm, wir machen wieder was.“

Der erstaunlich virtuose Bouzouki-Könner Georg Konstantis stieg wieder mit ein. Im Kopf und im Herzen bringt er eine Unzahl an Melodien mit, spielt etwas vor, lässt seine Hand flink wie ein Eichhörnchen den Bouzoukihals hochflitzen und die andern steigen ein. Schon die Probe der Band im privaten Untergeschoss bei Konstantin Chatzis in Leutenbach ist ein Musikerlebnis.

Die Männer sind so sicher, stecken voller orientalischer Tonfolgen und haben ihr griechisches Heimatdorf im Herzen, dass die Musik ohne jeden Verstärker fesselt und fetzt.

Eine 26-jährige Sängerin aus Griechenland ist neu in der Band

Seit einigen Jahren ist eine Sängerin aus Griechenland zur Band gestoßen: die 26-jährige Eirini Chalkia, die aus einer Musikerfamilie vom Pelopones stammt, aus dem kleinen Dorf Sikia in Chalkidiki, aus dem einige berühmte griechische Musiker kommen. Dort sang sie im Chor und als Solistin mehrerer Bands. Sie bringt jetzt in die Band eine große Menge von griechischer Liedern ein. Nur der Rembetiko war nicht dabei. Dem näherte sie sich erst in Winnenden in der Greek Blues Band.

Wichtig in der Band ist Evangelos Dimopoulos, der mehrere Instrumente spielt, darunter auch die arabische Laute Oud, die über den Rembetiko in die griechische Musik gelangte.

Traditionell und nur mit sparsamen westlichen Einflüssen

Die Konzertform der Stücke entsteht bei den Proben. Ein Musiker spielt etwas an, die anderen ziehen mit. Meist klingt es auf Anhieb überzeugend. Manchmal sagen sie dann: Das läuft nicht richtig. Das hat keinen Schwung. Dann kann es sein, dass Dieter Voral kommt, einen Bassriff vorschlägt, oder sagt: „Lass es uns shuffeln.“ Plötzlich hat das Stück einen Zug und wird aufgenommen ins Programm.

Greek Blues Band spielt sehr traditionell, mit wenigen Verstärkern und nur sparsamen westlichen Einflüssen, nicht so wie heutige junge Rembetikobands in Griechenland, die gerade sehr en vogue sind mit krassen Punk- und Elektro-Einflüssen in den alten Liedern. Greek Blues ist näher am Original, eher herzhaft als schrill, eher gemütvoll als krass, aber immer heftig, kraftvoll, klangreich, melodisch und oft rasend schnell.


Die Rembetiko-Musik und Aufführungspraxis hat etwas gemeinsam mit dem Orgelbau in Deutschland und der Basler Fasnacht: Sie alle gehören laut Unesco zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit.

Mal dramatisch, mal komisch

„Rembetiko ist ein Musikstil aus Griechenland, dessen Wurzeln vermutlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Kleinasien liegen. Der Rembetiko ist ähnlich wie der amerikanische Blues entstanden in den unteren sozialen Schichten einer Subkultur. Durch seine eingängigen Texte, seine pulsierenden Rhythmen und Melodien, die sich an der Nahtstelle zwischen Orient und Okzident orientierten, gewinnt der Rembetiko seine Faszination“, sagt Konstantin Chatzis. Die Texte beschreiben mal dramatisch oder mal auf komische Art das einfache Leben der Rembetes in ihrem damaligen Mikrokosmos.

Heute gehöre der Rembetiko zur sozialen Identität des Landes und hat sich über die Jahre in seiner ursprünglichen Form erhalten und weiterentwickelt. Der Musikstil habe in Griechenland, gerade unter den Jugendlichen, wieder stark an Popularität gewonnen und sei in vielen Clubs und Metropolen des Landes lebendig.

Die berühmteste Rembetikomelodie

Bei griechischer Musik denken die meisten Deutschen an den Film Alexis Sorbas mit dem Sirtaki von Mikis Theodorakis. Das ist Musik aus Griechenland, aber kein Rembetiko.

Die Rembetiko ist mit vielen Pontosgriechen, die ausgewandert sind, in die USA gelangt. „Misirlou“ ist die berühmteste Rembetikomelodie, und die wurde in einer Schwermetall-Version zum Titelsong in einem Film, in dem niemand Rembetiko suchen würde: „Pulp Fiction“, 1994, von Quentin Tarantino.

Der griechische Regisseur Costas Ferris hat 1984 den Film „Rembetiko“ gedreht. In ihm erklärt er die Musik anhand der Geschichte der bekannten Rembetiko-Sängerin Marika Ninou.