Winnenden

Die Stadtkapelle Winnenden gibt es seit 100 Jahren

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1923 war die Stadtkapelle zwei Jahre alt und hat sich zum Gruppenfoto aufgestellt. © Privat

Vor 100 Jahren haben sich acht Musikanten zusammengetan und die Stadtkapelle Winnenden gegründet. Alle waren Männer. Das war damals nicht anders vorstellbar. Klein war dieser Anfang, aber sie machten Musik zu allen Anlässen, zu Festen und Feiern, zum Jubel und zur Trauer, für das Pathos und die Entspannung. Es ist heute wie vor 100 Jahren: In bestimmten Situationen braucht der Mensch Musik – die bekommt er von Musikbegeisterten.

Damals war es eine kleine Gruppe von Enthusiasten. Sie wuchs heran zu einem imposanten Klangkörper, schrumpfte im Zweiten Weltkrieg, wuchs wieder, hatte stolze Jahrzehnte und wurde wieder kleiner. Zurzeit spielen Stadtkapellen-Musiker im städtischen Blasorchester mit und die meisten im rock- und pop-orientierten Ensemble StaCapo. Viele Stadtkapellentraditionen gelten heute wie vor 100 Jahren: Wenn ein Mitglied oder Freund der Musikanten beerdigt wird – dann spielen sie am Grab. Und sie machen Musik beim Winnender Stadtfest, dem Citytreff – egal ob sie gerade eine große Formation zustande bringen oder nur ein kleines Ensemble. Sie spielen.

Einige Tausend Reichsmark in zehn Instrumente investiert

1921 legten sich die Musiker der früheren Musikkapelle Urbania, Gustav Kaysser, Adolf Härer und sechs weitere, kräftig ins Zeug. Sie beschlossen die Gründung. Dank der Spende eines Mitglieds über 3000 Reichsmark kaufte die Kapelle am 19. September 1921 zehn Instrumente zum Preis von insgesamt 6115 Reichsmark. Zwei Tage später, am 21. September 1921, fand die Gründungsversammlung statt und bereits am 27. September gab es im Gebäude der Kastenschule die erste Musikprobe. Nach nur einem halben Jahr des Übens trat die inzwischen auf 14 Musiker angewachsene Kapelle zum ersten Mal an die Öffentlichkeit – mit einem Platzkonzert. So steht es in der Chronik, die Wolfgang Oechsle gerade zusammenstellt für den Verein. 1921 (!) wird eine weitere Tradition begründet: das alljährliche Weihnachts- und Silvesterkonzert auf dem Marktplatz. Standhaft hält sich diese Tradition selbst in Jahren der Corona-Pandemie. Als große Musikkapellen wegen der Ansteckungsgefahr nicht auftreten durften, spielte eben ein kleines Saxofon-Ensemble unter Leitung des heutigen StaCapo-Dirigenten Jürgen Berger. Sie lassen sich nicht aufhalten.

Selbst im Zweiten Weltkrieg verstummte die Kapelle nicht vollkommen: Viele Musiker hatten in den Krieg ziehen müssen, aber zwölf blieben noch in der Stadt und probten weiter, hielten sogar Platzkonzerte ab, wie es in der Chronik heißt.

Nach dem Krieg, Ende 1945, bekamen sie wieder eine Genehmigung für Proben und begannen mit 15 Musikern neu. Besonderes Glück hatte die Kapelle 1948: Mehrere Mitarbeiter der Instrumentenfabrik Kohlert, die von Graslitz nach Winnenden übergesiedelt war, traten der Kapelle bei. Dank dieser Neuzugänge und der aus der Gefangenschaft heimgekehrten Mitglieder wuchs die Kapelle auf 33 Musiker an.

Als die Stadtkapelle 50 wurde, zogen elf Musikgruppen durch die Stadt

Im Frühjahr 1968 wurden die ersten Kontakte nach Frankreich geknüpft zum Musikverein der Partnerstadt Albertville. Ein Jahr später, an Pfingsten 1969, fuhren die Musiker und viele weitere Winnender mit einem Sonderzug zur Partnerschaftsfeier nach Albertville. Es war der Beginn einer langen Freundschaft.

Ihr 50-Jähriges feierte die Stadtkapelle 1971 mit einem Festumzug. Elf Musikkapellen zogen durch die Stadt und dazu Jodlerchörli, Fahnenchwinger, und Alphornbläser. Die Kapelle war auf 53 Musiker angewachsen. Alle männlich. Immer noch.

Das änderte sich 1975: Ein Mädchen war aus der Jugendkapelle aufgestiegen in die Hauptkapelle und durfte bei einem Konzert in Wittlensweiler im Schwarzwald erstmals bei der Stadtkapelle mitspielen. Und beim allerersten Citytreff überhaupt spielte die Stadtkapelle 1975.

Wie es im September 1980 war, als die Stadtkapelle in die Fifth Avenue einbog

Im September 1980 stiegen 50 Musiker und 15 Fans ins Flugzeug und flogen nach New York zur Steuben-Parade. Mitten durch Manhattan defilierten deutsche Musikkapellen und Trachtengruppen. „Als die Winnender Kapelle in die Fifth Avenue einbog, gab es Beifall der Zuschauer“, schrieb der Musiker Erich Hirschmann am 2. Oktober 1980 in der Winnender Zeitung. Die Stadtkapelle konnte sich sehen und hören lassen. Sie war damals ein großes Orchester mit 50 Musikern und hatte vier Sousafone im Einsatz, auf deren Schalltrichter „Stadtkapelle Winnenden“ stand.

Viel später, im Juni 1999, kam ein Amerikaner zu Besuch. William Gottlieb Haag aus Boston (Massachusetts/USA) hieß er. Seine alte Heimat Winnenden wollte er wiedersehen, und hören wollte er die Stadtkapelle; denn die hatte er, damals als Trompeter, 1921 mitbegründet. William Haag war 101 Jahre alt, und er bezeichnete dieses Zusammentreffen mit der Stadtkapelle als den schönsten Tag in seinem Leben. „Nur das Alter, it´s now against me!” fügte er hinzu.

Die Nullerjahre nach der Jahrtausendwende waren eine weitere Blütezeit der Stadtmusik: Eine 30-köpfige Jugendkapelle beeindruckte die Rezensenten der Winnender Zeitung. Die Winnender spielten in Österreich vor 2500 Zuhörern, begleiteten die Eröffnung eines Kärcher-Werks in Volpiana/Italien musikalisch, spielten in Albertville in Frankreich, und, und, und.

Aber ab 2005 zeigten sich manchmal Nachwuchsprobleme, immer wieder war auch die Hauptkapelle nicht mehr voll besetzt. Starke und schwache Jahre hatte sie von da an. 2017 steckte die Nachwuchsarbeit in einer tiefen Krise und ein Dirigentenwechsel stand an. In dieser fragilen Situation fragte die Stadtkapelle bei Jürgen Berger an, dem Leiter der Musikschule Noteninsel. Berger sagte zu und gründete die neue Formation StaCapo.

Die große Wende in der Stadtkapelle im Jahr 2017

Dies war der Einstieg in eine grundlegende Wende. Wenig später übernahm Berger auch noch das Dirigentenamt für das Stammorchester. Ein volles Jahresprogramm kam zustande: 1. Mai, Frühlingsfest, City-Treff, Wonnetag, Volkstrauertag, Laternenumzug, Platzkonzerte an Heiligabend und Silvester – und: ein Jahreskonzert im Frühjahr, eingebettet in den festlichen Rahmen der Winnender Konzerttage und ergänzt durch die Chöre „Mixdur” und „Kärcher Singers”.

Vielleicht hat die Stadtkapelle in den Jahren nach 2017 wieder zurückgefunden zu ihren Anfängen, als wenige Enthusiasten mit großer Begeisterung ein Ziel verfolgten: Musik machen für die Leute in der Stadt. Heute trägt die Stadtkapelle das Stadtorchester Winnenden mit, in dem Mitglieder der Stadtkapelle zusammen mit Musikschülern und weiteren Bläsern ein sinfonisches Blasorchester bilden. Zum anderen integriert die Stadtkapelle viele Musiker und Stile in ihre Formation StaCapo, mit der sie eine beschwingte Stimmung in viele Anlässe hineinträgt vom Citytreff bis zum Neubürgerempfang. Eine Formation, in der außer den Bläsern auch E-Gitarristen, ein Cellist oder eine Pianistin mitwirken. Jetzt, in Coronazeiten, sind die großen Auftritte erschwert, aber es tun sich Nischen auf für ein bisschen Musik, und da sind die Stadtkapellen-Ensembles dabei. Selbst im schlimmsten Lockdown blies das Saxofon-Ensemble an Silvester noch im Freien für die Winnender, die trotz aller Abstandsregeln Livemusik genossen. Und wenn selbst die sechs Saxofonisten zu viel sind für die Coronaregeln, dann hat die Stadtkapelle noch ein musikalisches Angebot in der Hinterhand, das typisch ist für den neuen Stil des Vereins: Jürgen Berger mit dem steirischen Knopf-Akkordeon und Peter Lauschke mit dem Kontrabass machen mit Vergnügen alpenländische Musik, Polka, Ländler, Sehnsuchtswalzer. Von Haus aus spielen beide Saxofon, aber diese Stubenmusikinstrumente haben es ihnen angetan. Damit können sie auftreten, wenn alles andere wegen der Aerosole unvertretbar wäre.

Ein Jubiläumskonzert? Fest eingeplant ist es schon

Die größeren Auftritte kommen wieder. Am 31. Oktober solle es ein Herbstfest der Stadtkapelle geben – wenn die Coronaregeln es erlauben. Das hat der Vorstand beschlossen. Der besteht im Jubiläumsjahr aus dem Vorsitzenden Peter Lauschke, der Zweiten Vorsitzenden Karin Wanek, der Schriftführerin Lara Oppenländer und dem Vorstandsmitglied Katja Preikschat. Und für jeden Auftritt braucht es natürlich den Dirigenten, den 59-jährigen Jürgen Berger.

Mit ihm proben die Musiker über Videokonferenz mit einer speziellen Musiker-Software, was erstaunlich gut funktioniere, versichern sie. Zurzeit sind auch echte Proben möglich. Ein richtiges Jubiläumskonzert lassen die Corona-Umstände im Jubiläumsjahr 2021 noch nicht zu. Trotzdem bereitet die Stadtkapelle eines vor. Im Juni 2022 soll es stattfinden. Mit Pauken und Trompeten.

Vor 100 Jahren haben sich acht Musikanten zusammengetan und die Stadtkapelle Winnenden gegründet. Alle waren Männer. Das war damals nicht anders vorstellbar. Klein war dieser Anfang, aber sie machten Musik zu allen Anlässen, zu Festen und Feiern, zum Jubel und zur Trauer, für das Pathos und die Entspannung. Es ist heute wie vor 100 Jahren: In bestimmten Situationen braucht der Mensch Musik – die bekommt er von Musikbegeisterten.

Damals war es eine kleine Gruppe von Enthusiasten. Sie

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