Winnenden

Die teuerste Kita von Winnenden: Treibt der Klimaschutz die Kosten hoch?

Kita Koppelesbach
Der Bauplatz für die Kita Koppelesbach: Auf der grünen Wiese wird ein langes, schmales Gebäude erstellt. © ALEXANDRA PALMIZI

Der Beschluss steht: In den nächsten Jahren baut die Stadt zwei neue Kindergärten: Koppelesbach beim Schelmenholz und Adelsbach im gleichnamigen Baugebiet. Aber die Kosten beider Kitas sind für die Gemeinderäte nicht auszuhalten: 7,7 Millionen Euro soll die viergruppige Kita am Koppelesbach kosten. „Wenn wir es so beschlössen, dann hätten wir den teuersten Kindergarten Winnendens“, rief FDP-Stadträtin Nicole Steiger aus. „Wir waren geschockt, als wir die Kosten sahen“, erzählte Hans Ilg (FWV). Eine Mehrheit aus CDU, FWV und FDP beschloss deshalb am Dienstagabend: Die Kita Koppelesbach muss um 15 Prozent günstiger werden. Und für die Kita Adelsbach gilt genau das Gleiche. Aber wie soll das gehen?

Der Bauamtsleiter möchte weg vom hohen Energiestandard

Bauamtsleiter Klaus Hägele hatte zusammen mit dem planenden Architekten die Kosten ermittelt und er war eben auf die 7,7 Millionen Euro gekommen. Das Bauen am Koppelesbach muss den Gegebenheiten folgen. Eine lange Wiese gehört der Stadt. Der Koppelesbach fließt durchs Grundstück. Um Kosten zu sparen und Zeit zu gewinnen, wird dieser Bach überhaupt nicht angetastet, wie Hägele erklärte. Also bleibt nur, ein langes schmales Gebäude zu bauen. Hinter dem künftigen Kindergarten wohnen seit Jahrzehnten Schelmenholzer Bürger, die immer eine freie Sicht ins Zipfelbachtal und zum Haselstein hatten. Die will die Stadt nun nicht verbauen – also bleibt das Gebäude einstöckig und entwickelt sich nur in die Länge. Weil die Kinder für diese Kita auch aus anderen Stadtteilen kommen sollen, muss ein Parkplatz gebaut werden, eine Wendeschlaufe und eine Linksabbiegespur auf der Albertviller Straße. Auch das kostet ein paar hunderttausend Euro. Hägele sah fast keine Einsparmöglichkeit. Einzig und allein, wenn die Gemeinderäte auf den höchst anspruchsvollen Standard Energie-Plus verzichten könnten und mit KfW 55 immer noch eine sehr gute Wärmedämmung hätten, könnte Hägele beginnen, Kosten zu reduzieren.

2019 hat der Gemeinderat einen Beschluss zum Klimaschutz gefasst

Hägele erinnerte die Gemeinderäte an ihren eigenen Beschluss vom September 2019. Damals hatten sie unter dem Eindruck der Klimakrise und der Proteste der Jugendlichen in der Bewegung Fridays for Future elf Handlungsfelder für den Klimaschutz beschlossen – eines davon ist der Energie-Plus-Standard für neue städtische Gebäude. Der Standard ist teuer und toll: Ein Haus muss so gebaut werden, dass es unterm Strich mehr Energie erzeugt, als es verbraucht. Das könnte man laut Bauamtsleiter Hägele am Koppelesbach mit einer Fotovoltaik-Anlage erreichen. Die ist eingeplant, weil der Gemeinderat vor genau einem Jahr diesen Standard beschlossen hatte. Hägele hielt sich pflichtgemäß daran. Jetzt soll er sparen und bittet um Entbindung von diesen Pflichten.

Bei ALi herrscht Empörung, Wut und Säuernis

Empört und wütend reagierte ALi-Stadträtin Rahel Dangel auf diesen Sparvorschlag: „Es ist liebgewonnene Eigenschaft dieses Gemeinderats, etwas zu beschließen und es danach doch wieder anders zu machen. Des hot a Gschmäckle!“ Nach ihrer Ansicht darf die Stadt nicht von Energie-Plus zurückgehen auf den Standard KfW 55. „In dem Fall geht es nicht um Geld, sondern es geht um die Zukunft, und zwar um die dieser Kinder!“ Auch Christoph Mohr von ALi zeigte für seine Verhältnisse viel Emotion: „Ich bin stinksauer!“ Ihm gefällt der Plan, so wie er am Dienstag vorlag mit Fotovoltaik, Wärmedämmung, einem hohen Anteil an Holzkonstruktion. Kinder und Erzieherinnen bräuchten ein schönes, zukunftsfähiges Gebäude: „Wir bauen für die nächsten 50 Jahre.“

Wenn alle künftigen Kitas so teuer werden – was dann?

Stadträte von CDU, FWV und und FDP erinnerten daran, dass die Stadt in den nächsten Jahren noch viele Kitas bauen muss. Würden alle mit solch ungewöhnlich hohen Kosten gebaut, müsste Winnenden in fünf Jahren 80 Millionen Euro für Kitas aufbringen, rechnete Markus Siegloch (FWV) in einem längeren, mit vielen Zahlen gespickten Beitrag vor: „Umweltschutz ist wichtig, aber mit Maß und Ziel.“ Wenn man heute zwei Kindergärten mit dem Standard Energie-Plus baue, habe man in den nächsten Jahren weniger Geld für die nächsten Kitas. Was solle man den betroffenen Eltern dann sagen, wenn das Geld nicht mehr für Energie-Plus langt und nicht mal für KfW 55, sondern nur noch für ein paar Container?

Für CDU, FWV und FDP haben sich die Zeiten geändert. „Warum beschließen wir heute etwas anderes als vor einem Jahr?“, fragte Siegloch, „Sie brauchen nur in den Saal zu schauen und die Mundschutze zu sehen. Es hat sich was verändert. Wir haben Corona, und das hat Folgen für unsere Finanzen.“

Aber kann man sich als Stadt wirklich keine Fotovoltaikanlage mehr leisten? Mohr sieht das anders: „Fotovoltaik ist nach zehn Jahren amortisiert. Diese 115 000 Euro wären gut investiertes Geld.“ Corona habe viel verändert, sicher. Aber wegen Corona gebe es auch Finanzhilfen von Bund und Land für die Kommunen. Mohr prophezeite der Stadt und der ganzen Erde die großen Klimakatastophen in den nächsten zehn Jahren und beschwor den Gemeinderat: „Wir müssen handeln.“

Die Mehrheit sieht allerdings eine Finanzkatastrophe kommen und verweist auch darauf, dass weiterhin ein hoher Umweltstandard gelten soll: KfW 55.

Bringt der Verzicht auf hohe Energiestandards wirklich viel?

Eher ruhig und fragend ging SPD-Fraktionssprecher Anderas Herfurth das Thema an: „Was kann man überhaupt einsparen, wenn man auf den hohen Energiestandard verzichtet?“ Genau konnte das niemand sagen. Aber die Fotovoltaikanlage kostet 115 000 Euro, erklärte Bauamtsleiter Hägele. Mit dem Energiestandard alleine erreiche man keine 15 Prozent Kostenminderung, sagte Hägele. Die anderen Bereiche, die ganze Technik, auch die Zufahrt und die Parkplätze müssten auch angeschaut werden. Diese Auskunft genügte Herfurth, um den Spar-Antrag abzulehnen. „Es wird nicht möglich sein, alleine mit der Energiespartechnik 1,2 Millionen Euro einzusparen. Das ist eine Illusion.“ Auch jenen Gemeinderäten, die wie Martin Oßwald-Parlow oder Rahel Dangel, bei der Autozufahrt für den Kindergarten sparen wollten, widersprach Herfurth: „Man muss ehrlich sein. Wir haben den Standort hier ausgesucht, damit Eltern aus anderen Stadtteilen ihre Kinder mit dem Auto hierherbringen können – dann müssen wir jetzt auch die Zufahrt und die Parkplätze dafür bauen.“ Herfurth erklärte: „Ich spare ja auch gerne, aber diesem Spar-Antrag werde ich nicht zustimmen.“ Dagegen stimmten auch die ALi-Stadträte. Einige Stadträte enthielten sich der Stimme und die große Mehrheit von 17 Räten stimmte für die Sparvorgabe.

Die neue Kita am Adelsbach soll knapp 5 Millionen Euro kosten

Gleich nach dieser Kita wurde der Planentwurf für eine neue dreigruppige Kita im Baugebiet Adelsbach beschlossen. Sie soll knapp 5 Millionen Euro kosten, ist sehr kompakt geplant mit zweieinhalb Stockwerken, was Vorteile in der Wärmedämmung bringt. Sie hat aber wegen der Bauform eine viel kleinere Dachfläche als die lange einstöckige Kita Koppelesbach. Hier würde die Fotovoltaik nicht ausreichen, um den Energie-Plus-Standard zu erreichen, wie Bauamtsleiter Klaus Hägele in der Vorlage schreibt. Nachdem diese Diskussion bereits beim Koppelesbach geführt worden war, verzichtete die Ratsmehrheit auch bei diesem Projekt auf den Energie-Plus-Standard und verlangte genauso eine Einsparung von 15 Prozent. Unter diesen Bedingungen wurde der Planentwurf genehmigt. Die Adelsbach-Kita wird auch gebaut.

Der Beschluss steht: In den nächsten Jahren baut die Stadt zwei neue Kindergärten: Koppelesbach beim Schelmenholz und Adelsbach im gleichnamigen Baugebiet. Aber die Kosten beider Kitas sind für die Gemeinderäte nicht auszuhalten: 7,7 Millionen Euro soll die viergruppige Kita am Koppelesbach kosten. „Wenn wir es so beschlössen, dann hätten wir den teuersten Kindergarten Winnendens“, rief FDP-Stadträtin Nicole Steiger aus. „Wir waren geschockt, als wir die Kosten sahen“, erzählte Hans Ilg

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