Winnenden

Ein Chefarzt für die Notaufnahme

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Baustelle Notaufnahme: Dr. Torsten Ade leitet seit Juli die Notaufnahme am Rems-Murr-Klinikum in Winnenden. © Schneider / ZVW

Winnenden. Endlose Wartezeiten, überlastetes Personal, unfreundliche Mitarbeiter. Die Notaufnahme steht seit der Eröffnung des Rems-Murr-Klinkums in Winnenden vor zwei Jahren im Zentrum der Kritik von Patienten. Derzeit wird die Notaufnahme umgebaut. Im Juli hat Dr. Torsten Ade als Chefarzt die Leitung der Notfallversorgung übernommen.

Video: Interview mit Dr. Torsten Ade, Chefarzt der Notaufnahme.

Die Notaufnahme in Winnenden erhitzt die Gemüter. Und dies seit der Eröffnung des Klinikums im Sommer 2014. „Notfall Notaufnahme“ titelten wir bereits über die zahlreichen Beschwerden und Pannen. Erst dieser Tage beschwerten sich wieder mehrere Leser über ihre langen Wartezeiten und die ihrer Meinung nach „unhaltbaren Zustände“. Durchschnittlich werden in Winnenden täglich 130 Notaufnahmen behandelt. Aber nicht jeder „Notfall“ ist auch ein Fall fürs Krankenhaus. Winnenden ist kein Einzelfall. Bundesweit sind die Notaufnahmen der Krankenhäuser überlaufen, sagt Torsten Ade über das Phänomen. Er führt dies aber nicht auf mangelndes Vertrauen der Patienten in ihren niedergelassenen Arzt zurück. „Wir sehen diesen Effekt weltweit. Wir sehen ihn in Großbritannien, den sehen Sie in den USA, den sehen Sie in der gesamten industrialisierten Welt.“

Enge Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten ist wichtig

Ein Grund, dass die Menschen schneller ins Krankenhaus gehen, sei die zunehmende Spezialisierung der Medizin. „Die Medizin ist einfach unübersichtlicher geworden.“ Deutschland habe zudem die Besonderheit, dass es sehr viele Säulen der Notfallversorgung gebe: „Es ist schon schwierig, den Unterschied zwischen Notarzt, hausärztlichem Notdienst, Notaufnahme und Rettungsdienst mit und ohne Notarzt zu erklären“, weiß Ade. Zudem seien die Notaufnahmen eben auch attraktiv. „Wir haben Ärzte verschiedener Fachrichtungen. Wir haben eine Diagnostik, die sonst nicht 24 Stunden zur Verfügung steht.“ Umso wichtiger ist für den neuen Chefarzt eine enge Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten. Sie trügen schließlich einen Großteil der medizinischen Last und Versorgung. „Es ist ja nicht so, dass die Praxen plötzlich leer geworden wären und die Notaufnahmen voll.“

Der Umbau der Notaufnahme in Winnenden hat das Ziel, eine gemeinsame Tür für die Notfallpraxis der niedergelassenen Ärzte und die Notaufnahme des Klinikums zu schaffen. „Es ist uns allen aufgegangen, dass es den Menschen schwer zu vermitteln ist, wen sie auswählen sollen“, sagt Ade: „So ist es besser, wir arbeiten eng zusammen und unterstützen die Patienten dabei, den richtigen Ansprechpartner zu finden.“

Große Menge an ambulanter Diagnostik

Welchen Stellenwert die Rems-Murr-Kliniken der Notaufnahme einräumen, zeigt die Schaffung der neuen Chefarzt-Stelle, die es bisher nicht gab. Notaufnahmen hätten sich zu hochkomplexen Einrichtungen entwickelt, sagt Ade. Vor zehn, 15 Jahren habe die Notaufnahme aus einer Krankenschwester bestanden, die einen Arzt von der Station rief, der den Patienten anschaute und alles Weitere stationär abklärte. „Heute machen wir eine große Menge an ambulanter Diagnostik und treffen Entscheidungen“, zeigt Ade den Unterschied auf: „Wir nehmen nicht einmal mehr die Mehrzahl der Patienten stationär auf.“ Für eine Notaufnahme mit 40 Pflegekräften und über die Schichten hinweg 20 Ärzten sei schon ein eigener Chefarzt angebracht, der für die Koordination sorgt. „Es kann nicht jeder seine eigene Medizin machen.“

Steigende Patientenzahlen, kürzere Wartezeiten

In seiner Funktion als Chefarzt der Interdisziplinären Notaufnahme (INA) leitet er seit seinem Amtsantritt am 1. Juli 2016 das ärztliche Kernteam sowie das Pflege- und Administrationspersonal der Notaufnahme, die zu einer eigenen Abteilung umstrukturiert wurde, schreiben die Rems-Murr-Kliniken zur Amtseinführung von Ade. Um Notfallpatienten auch bei steigenden Patientenzahlen adäquat zu versorgen und Wartezeiten zu verkürzen, setze Ade auf die bereichsübergreifende Zusammenarbeit mit den Fachabteilungen und auf eine enge Kooperation mit dem ambulanten Sektor sowie mit dem Rettungsdienst und der Polizei.

„Die Interdisziplinäre Notaufnahme ist ein Symbol für die modernen und zukunftsfähigen Strukturen der Rems-Murr-Kliniken“, sagte Dr. Marc Nickel, Geschäftsführer der Rems-Murr-Kliniken, bei der Amtseinführung von Ade. Mit ihm als einem erfahrenen Experten im Bereich Notfallversorgung seien „die notwendigen Weichen bei der Optimierung unserer Notaufnahme gestellt worden“, so Nickel: „Mit der begonnenen Umstrukturierung der Notaufnahme richten wir die Prozesse gezielt auf erhöhte Patientenzahlen aus und setzen alles daran, lange Wartezeiten zu vermeiden.“ Ade übernehme zentral die Steuerung der Ablauforganisation. Parallel werde die Notaufnahme umgebaut und der Personalschlüssel weiter verbessert.

Der Aufsichtsratsvorsitzende der Rems-Murr-Kliniken, Landrat Dr. Richard Sigel, und seine Stellvertreterin, Dr. Ute Ulfert sind sich einig, dass die Schaffung und Besetzung der Chefarztposition der Notaufnahme ein weiterer wichtiger Schritt hin zu einem hochklassigen und tragfähigen Medizinkonzept für die Rems-Murr-Kliniken ist. „Die Notaufnahme ist oftmals der erste und wichtigste Berührungspunkt von Patienten mit einer Klinik. Dort muss es optimal laufen“, betonte Sigel.

Dr. Torsten Ade

Torsten Ade hat nach seinem Medizinstudium und seiner Promotion im Oktober an der Eberhardt-Karls-Universität Tübingen seine Karriere als Assistenzarzt bei den Städtischen Kliniken Esslingen begonnen. Von der Kardiologie wechselte der Oberarzt 2010 in die zentrale Notaufnahme des Klinikums Esslingen, wo er bis zuletzt als Leitender Arzt tätig war. Der 44-Jährige besitzt die Qualifikation „Leitender Notarzt“ und führt die Zusatzbezeichnungen „Notfall- und Intensivmedizin“ und „Ärztliches Qualitätsmanagement“. Darüber hinaus absolvierte Ade berufsbegleitend zwei Masterstudiengänge: „Management von Gesundheits- und Sozialeinrichtungen“ und „Medizinrecht“.