Winnenden

Eiskalte Unterstützung für das Waiblinger Impfzentrum aus Winnenden

Ultratiefkühlschrank
Landrat Dr. Richard Sigel, Kreisbrandmeister René Wauro, Silvie Giesser-Reinhard und Hans Werner Reinhard mit dem Ultratiefkühlschrank (von links). © ALEXANDRA PALMIZI

Wenn am Freitag die ersten Rems-Murr-Bürger in der Rundsporthalle mit dem Biontech-Pfizer-Stoff gegen Corona geimpft werden können, hat dazu auch die Birkmannsweiler Spezialmesserschmiede Alfred Giesser ihren Teil beigetragen. Nicht mit Messern und Klingen, nein, nein, sondern mit einer großzügigen Geste, einer selbstlosen Verleihaktion, von der man sich eine Scheibe abschneiden kann. Es geht um einen Tiefkühlschrank, 400 Kilo schwer, zwei Meter hoch. Geschäftsführer Hans Werner Reinhard erzählt, wie es dazu kam, dass das Trumm überhaupt seinen Weg in den Messer-Bau fand – und am Dienstagnachmittag mit dem Feuerwehrauto nach Waiblingen transportiert wurde.

„Es geht darum, Leben lebbar zu machen – und zu retten“

„Seit vom Biontech-Impfstoff und der Komplexität seiner Kühlung auf minus 70 Grad die Rede ist“, sagt Reinhard am Telefon, „haben wir Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth angeboten, dass wir mit dem Ultra-Tiefkühlschrank temporär aushelfen könnten.“ Holzwarth leitete das Angebot weiter an den Kreis – und der hat nun, obwohl sich die Verteilung des Impfstoffs schon verzögert hatte, tatsächlich ein Problem: „Die Lieferung der vom Kreis bestellten Großkühlschränke verzögert sich bis Mitte Februar“, weiß Hans Werner Reinhard.

Für ihn und seine Frau, Silvie Giesser-Reinhard, geschäftsführende Gesellschafterin und damit Firmeneigentümerin in der siebten Generation, ist es selbstverständlich, hier in die Bresche zu springen und den Kreis und alle Impfwilligen eben nicht über die Klinge springen zu lassen. „Wir stellen nichts in Rechnung, wir machen das gerne, denn es geht darum, unser Leben wieder lebbar zu machen.“ Als der Kreisbrandmeister René Wauro und Landrat Dr. Richard Sigel anriefen, zögerten Reinhards keine Sekunde mit der Zusage. „Die Kühlkette darf nicht unterbrochen werden. Da geht es letztlich um Menschenleben“, sagen sie.

Mit der Haltung im Dienste der Gesellschaft stünden sie im Übrigen in der langen Familientradition, die aus einem Stamm zwei Winnender Messerhersteller hervorgebracht hat, Alfred Giesser Birkmannsweiler und Giesser Messer (Kernstadt und Hertmannsweiler). Reinhards Schwiegervater Ulrich Giesser hat sich mit 77 Jahren im Dezember in den Ruhestand zurückgezogen. „Er steht uns aber weiterhin mit Rat und Tat zur Seite“, versichert Hans Werner Reinhard.

Der Schrank wird im Härteprozess für einen Spezialwerkstoff gebraucht

Zurück zur kastenförmigen Leihgabe: Ein bisschen Glück im Unglück hatte der Landkreis am Ende doch noch. Denn auf die Frage, ob die Firma Alfred Giesser das gute Stück aus dem Hause „Ewald“ denn nicht selbst benötige, führt Hans Werner Reinhard aus, dass der Verzicht gerade noch machbar sei. „Wir haben ihn im April 2020 für Versuche mit einem neuen hochlegierten Spezialwerkstoff angeschafft und sind mit zwei Artikeln im Versuchsstadium und noch nicht in der Serienproduktion.“ Nach dem Hilferuf des Landkreises änderten die Giesser-Mitarbeiter also ihre bisherigen Pläne, produzierten einiges auf Vorrat und haben so für die nächsten sechs Wochen genug auf Lager für interessierte Kunden.

Da so scharfe Gegenstände das Interesse wecken, wofür genau wird denn dieser Ewald eingespannt? Hans Werner Reinhard gibt erstmal zu, dass er nicht der Techniker sei und außerdem das Geschäftsgeheimnis wahren muss. Doch für Laien kann er es verständlich erklären: „Beim Stahl gibt es diverse Härtegrade. Der Kunde bestellt einen bestimmten Wert, und unser Ziel in der Entwicklung ist, diesen Wert mit so wenigen Abweichungen wie nur möglich zu erreichen.“ Und wie soll das gehen? Hans Werner Reinhard spricht von einem „mehrstufigen Härteprozess, bei dem wir die Kühlung einsetzen“. Schrank Ewald schafft es, sein Inneres auf bis zu minus 86 Grad herunterzufrosten. Sieht man dem Teil mit seiner bescheidenen beigen Hülle nicht an. Und was entsteht aus der so veredelten Legierung? „Messer für industrielle Schneideanlagen“, sagt Reinhard. Diese Anlagen säbeln in der nahrungsmittelverarbeitenden Industrie Käse und Wurst tonnenweise und schneiden sie in Scheiben, auf dass sie appetitlich verpackt in Supermärkte geliefert werden können.

Und was kostet ein solcher Tausendsassa-Tiefkühlschrank mit 965 Liter Nettovolumen? Im April 2020, Reinhard bittet seinen Kollegen um die genaue Zahl, einen Moment. Ja, brutto kostet das gute Stück knapp 15 000 Euro. Hui.

Und so hat das Giesser-Team noch bis zum Feierabend am Dienstag große Wurst- und Käsemesser produziert. Dann wurde „Ewald“ abgetaut, desinfiziert und verpackt. Kreisbrandmeisters René Wauro und der Landrat Dr. Richard Sigel kamen persönlich vorbei, um das Aufladen des Ultra-Tiefkühlschranks auf einen Siebeneinhalbtonner der Waiblinger Feuerwehr zu begleiten – und sich für die Leihgabe zu bedanken.